„Musick with English Tongue“

 

Der in Berlin geborene und in London in hohem Alter gestorbene Johann Christoph Pepusch (1667-1752) ist heute in der Regel nur noch für die arrangierte Musik zur Beggar’s Opera bekannt, jenem ersten englischen Musical, das 1728 als Satire auf die italienische Oper Anteil am Niedergang von Händels erstem Opernbetrieb zugeschrieben wird. Doch bereits wenige Jahre nachdem Händel 1711 mit Rinaldo die englische Hauptstadt für die italienische Oper begeisterte, gab es Gegenbewegungen, Pepusch führe 1715 das Maskenspiel Venus and Adonis auf, das musikalisch durch die Opern von Bononcini und Alessandro Scarlatti inspiriert ist und als substantiellster Versuch gilt, die englische Sprache mit der italienischen Oper zu versöhnen. Pepusch war seinerzeit der erste Komponist, der Kantaten in Englisch veröffentlichte (1710), ab 1714 war er der musikalische Direktor am Theatre Royal in Drury Lane.

Venus and Adonis pepusch RaméEin Hindernis für die Aufführung englischer Opern war der Mangel an hochkarätigen englischsprachigen Sängern, die mit virtuos verzierten Koloraturarien und dramatischen Rezitativen vertraut waren. Pepuschs Ansatz war deshalb pragmatisch: das Liebesdrama Venus and Adonis ist eine „Opera Seria en miniature“ für drei Sänger, zwei titelgebende Hauptrollen (zusammen mit 12 Arien und einem Duett) und eine Nebenrolle (Mars mit zwei Arien und einem Duett). Der Komponist läßt alles erklingen, was erforderlich ist: anspruchsvolle Arien, Ariosi, Duette, ausdrucksvolle Rezitative sowie virtuose Instrumentalstücke, die Stimmungen umfassen Martialisches, Pastorales und Lamento, Echos und Verführung, Liebe, Zorn und Eifersucht. Pepusch beeinflußte mit der Idee, die beim englischen Publikum unpopulären Rezitative durch Ariosi-Passagen zu unterbrechen, seinen Kollegen Händel, der dies in seinen englischsprachigen Werken (u.a. Acis and Galatea) verwendete. Bei der vorliegenden CD handelt es sich m. W. um die sinnvolle Ersteinspielung dieses Werks – und das, obwohl die Partitur mit einem kompletten Satz originaler Stimmen erhalten und die Oper von hoher Qualität und historisch durchaus bedeutsam ist. Die Aufnahme gewinnt durch beredtes Singen und Musizieren, sie ist auf der Höhe der Zeit. Als Venus hört man mit Ciara Hendrick eine aufstrebende  junge, auf alte Musik spezialisierte Mezzosopranistin mit eleganter Stimme, die Sopranistin Philippa Hyde (Adonis) ist eine routinierte Barocksängerin mit langjähriger Aufnahmeerfahrung, Tenor Richard Edgar-Wilson als Mars bringt das kriegerische Element ein. Allen dreien gelingt das Kunststück, ein harmonisches Ganzes zu Gehör zu bringen. Die 15 Musiker setzen sich neben Streichern bzw Basso Continuo aus Oboe, Flöte, Fagott Horn und Trompete zusammen. Es spielt ein 2006 gegründetes Ensemble mit dem amüsanten Namen The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen, Dirigent Robert Rawson betont die Virtuosität der Partitur mit Temperament, doch ohne Zuspitzungen bei Tempi oder Phrasierungen. (Pepusch – Venus and Adonis,  Ramée – RAM1502)

Beggar's Opera ArthausWer die Wiederentdeckung Pepuschs ergänzen will, kann dies mit einer  DVD-Wiederveröffentlichung der BBC-Produktion der Beggar’s Opera aus dem Jahr 1983 tun. Es sind allerdings Einschränkungen zu beachten: Es handelt sich dabei nicht um einen Bühnen-Mitschnitt, sondern um eine Studio-Verfilmung in historischem Ambiente und einer zwar aufwändigen, aber eher sparsamen Ausstattung, die die Kamera überwiegend zu Nahaufnahmen auf Oberkörper und Köpfe zwingt, um gemalte Hintergründe und Pappe nicht zu fokussieren. Atmosphärisch funktioniert das dehr gut, die technischen Möglichkeiten vor über 30 Jahren können nostalgischen Reiz entwickeln. Nicht alles ist handwerklich gut gelöst. Wenn Macheath am Ende begnadigt wird, scheint er dennoch am Galgen hingerichtet zu werden, die Szene ist so weit im Hintergrund, der letzte Schnitt so abrupt, daß das Ende bzw. die Absicht unklar bleibt. John Elliot Gardiner und die English Baroque Solists haben nur eine Nebenrolle, die musikalische Gestaltung ist lediglich begleitend im Hintergrund. Die gut besetzten singenden Schauspieler haben die Hauptrolle und begründen den Reiz der Verfilmung. Roger Daltrey ist als Sänger der Rockband The Who bekannt, als Macheath beweist er sich als Multitalent, weiterhin sind Stratford Johns als Peachum, Patricia Routledge als Miss Peachum und Carol Hall als Polly zu sehen. In den Nebenrollen findet sich ein international bekannter Schauspieler wie Bob Hoskins, der einen Bettler spielt. Die Verfilmung hat ihren Wert durch die Ernsthaftigkeit mit der die Akteure ihre Figuren darstellen. Und es gibt zum Glück Untertitel, manchen englischen Akzent verstehen wahrscheinlich nur Muttersprachler. (The Beggar’s Opera, Arthaus 109220)

‚Und wer nun mehr Englisches hören möchte, der kann sich  Henry Purcell zuwenden. Purcell komponierte viel Sakrales, aber sein Interesse am Theater muß groß gewesen sein, denn er schrieb nicht nur Bühnenwerke wie Dido and Aeneas, sondern auch Theatre Music – Musik für das Theater. Es handelt sich dabei nicht nur um Vertonungen gesungener Szenen, die meist einer Nebenrolle (die besser singen als schauspielern konnte) übertragen wurden. Der Song „See where repenting Celia lyes“ aus der Komödie The Married Beau kann bspw. ernst oder parodistisch interpretiert werden, The Spanish Friar ist ein Drama, Sir Anthony Love beinhaltet eine Verwechslungsgeschichte um eine junge Frau, die sich als Mann ausgibt, Aureng-Zebe ist eine heroische Tragödie, die Sängerin durchsingt Höhen und Tiefen, The Old Bachelor erzählt wiederum eine amüsante Episode. Fast 30 Jahre sind vergangen seitdem Christopher Hogwood und The Academy of Ancient Music bei Decca einen großen Querschnitt der Theatermusik Purcells auf 6 CDs vorlegten. Acht Jahre nachdem Kevin Mallon mit dem von ihm 1996 gegründeten kanadischen Aradia Ensemble eine erste CD mit vier dieser Werke vorlegte, folgte im Sommer 2016 eine zweite Veröffentlichung (ob und wann Volume 3 erscheint, ist unklar). Mallon setzt nicht auf starke Phrasierungen, er will nicht über Gebühr zuspitzen, auch in den Komödien poltert er nicht, sein Purcell ist elegantes Understatement, der es beim Zuhören an Kontrasten mangelt. Die Theaterwerke der Zeit wirken kunterbunt, mit sehr überraschenden Wendungen und hanebüchenen Konstellationen, es gibt auch einige Tanzsätze – diese Farbigkeit fehlt. Mallon interpretiert die Musik szenisch losgelöst, teilweise wirken die Stücke wie wohltemperierte (mancher würde sagen: temperamentlose) Suiten. Sopran Johane Ansell und als Duettpartner Bariton Jason Nedecky fügen sich in diese entspannte und nicht unbedingt aufregende Lesart ein ohne starke Akzente zu setzen. (Purcell – Theatre Music Vol.2, Naxos 8.573280Marcus Budwitius