Liederkreis

 

Shakespeare geht immer. Selbst, wenn sich das Shakespeare-Jahr dem Ende zu neigt. Aber die Shakespeare-Songs von Ian Bostridge und Antonio Pappano sind in der schmucken Ausstattung und mit dem informativ illustrierten Beiheft auch noch ein patentes Weihnachtsgeschenk. Auf jeden Fall sind sie eine der gelungensten Lied-Veröffentlichungen des Jahres (Warner Classics 08256-46106639). Bostridge, ein Junker Bleichenwang wie aus dem Bilderbuch, hat unter den Tausenden Liedern, „in denen Texte von Shakespeare vertont sind“ , 29 ausgewählt, die vier Jahrhunderte umfassen und von Lautenliedern der Shakespeare-Zeit bis zu Raritäten aus dem 20. Jahrhundert reichen. Zu letzteren gehören Strawinskys 1953 entstandene Three Songs from Shakespeare für Tenor, Flöte, Klarinette und Viola. Zu den Besonderheiten dieser an gescheiten Querverweisen reichen Auswahl gehört auch Schuberts bekanntes „An Silvia“, für das Bostridge statt des deutschen den englischen Originaltext aus den Beiden Veronesern verwendet. Dazu gehört auch „It was a lover and his lass“ aus Wie es euch gefällt – einmal in einer Fassung des Shakespeare-Zeitgenossen Thomas Morley, einmal von Peter Warlock (1894-1930).

bostridge shakespeare warberOder die Four Shakespeare Songs, darunter besonders schön „come away death“, von Erich Korngold, der nicht zuletzt durch seine Musikadaption für Max Reinhardt Sommernachtstraum–Film seine Shakespeare-Affinität bewies; oder die beiden Fancie (Tell me where is fancy bred) betitelten Vertonungen von Poulenc und Britten aus dem Kaufmann von Venedig. in diesem wie auch in den anderen Fällen vertieft man sich gerne in das beispielhafte und unbedingt lesenswerte Beiheft. Bostridge singt die Auswahl selbstverständlich mit schönster Wortprägnanz, dabei deutlich und nonchalant wie ein Schauspieler, ohne allzu nachdrücklich zu agieren, sorgfältig in der Textausdeutung, oft zart in der Tongebung und in der Stimmschattierung, ironisch, heiter, schelmisch, ernst. Bostridge ist ein Sänger der sanften, dennoch ausdrucksvollen Herangehensweise, wie sie seinem hellen, etwas geschlechts- und farblosen Tenor entspricht, und dem es stets gelingt, uns für das von ihm Gesungene zu interessieren. Der leichte Tenor hat hinreichend Körper, auch in der Tiefe, die Bostridge reiche Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen; es entspricht der Sorgfalt, mit der dieses Programm entstand, dass die „alten“ Stücke von der Lautinistin Elisabeth Kenny und die „moderneren“ von Antonio Pappano begleitet werden; hinzu kommen für die Strawinsky-Lieder noch Adam Walker, Michael Collins und Lawrence Power.

 

Danielpour hampson naxosThomas Hampson, ein Schwergewicht des Liedgesangs, ist auf Naxos zu erleben. Und das nur, weil ihm Richard Danielpour zwei Lied-Zyklen für seinen hohen Bariton maßgeschneidert hat: 2002 Songs of Solitude auf Gedichte von William Butler Yeats und 2008 War Songs auf Gedichte von Walt Whitman, die Hampson im März 2015 in der „Music City“ Nashville, dem Zentrum der Country Music, mit dem Nashville Symphony unter Giancarlo Guerrero sang, von wo auch der um das New-Yorker-Orchestergemälde Toward the Splendid City ergänzte Live-Mitschnitt stammt (8.559792). Auch hier lohnt es sich, das Beiheft zu lesen, in dem Danielpour von den Tagen nach dem 11. September 2001 und den Auswirkungen auf sein Schaffen erzählt. Der Krieg und seine Schrecken sind in den Zyklen und ihrer sprechenden, oft filmmusikhaft lautmalerischen, rauen und aufwühlenden Anlage allgegenwärtig. Hampson ist nicht nur in dem monumentalen, orchestral intensiv ausgemalten Come up From the Fields Father, dessen Umfang dem der anderen vier Lieder der War Songs entspricht, ein versierter Gestalter und eindrucksvoller Text-Exeget, der die dramatischen Schilderungen zu lodernden Anklagen verdichtet.

L’ Amore e la Morte nennt sich unter Bezug auf Tristan und Isolde etwas pathetisch die Auswahl der Sopranistin Susanne Bernhard, die zusammen mit Harald Feller an der Orgel im Vorjahr im oberfränkischen Weiden das vom BR auf einer randvollen CD (TXA 15055) veröffentlichte Wagner-Liszt-Programm gestaltete, in dessen Mittelpunkt die Wesendonck-Lieder stehen. Daneben gab es das von Feller arrangierte Tristan-Vorspiel und den „Liebestod“, dazu von Franz Liszt die Symphonische Dichtung Orpheus, wobei Feller nicht auf Liszts Orgelfassung zurückgreift, sondern eine eigene Fassung kreierte, die Symphonische Dichtung Von der Wiege bis zum Grabe und seine Lieder „Ich möchte hingehn“ nach Herwegh („Bemerkenswert ist, dass es fast notengetreu das Tristanmotiv enthält, das Wagner 10 Jahre später in seiner Oper verwendetet.“, so Feller in seinem Einführungstext) und „O lieb solang du lieben kannst“ nach Freiligrath („Es ist als Liebestraum heute vielleicht eines seiner bekanntesten Werke“). Vor allem das Tristan-Vorspiel erfüllt Fellers Anforderung, es gehe „hier nicht um eine größtmögliche Annäherung an das Original, sondern um eine instrumentengerechte neue Sicht des Werkes aus dem subjektiven Blickwinkel des Bearbeiters“, auf faszinierende Weise. Den „Liebestod“ singt die Münchner Sopranistin Susanne Bernhard mit klarem Sopran und vorsichtiger Herangehensweise, bemerkenswert textdeutlich, doch bleibt es vorläufig ebenfalls eher „Annäherung“ als Erfüllung. Das gilt auch für die individuell und sehr intim, fast impressionistisch hingetupften WesendonckLieder, für die es Bernhards engem Klangspektrum, insbesondere in den Tristan-Studien Träume und Im Treibhaus, an der wünschenswerten Entfaltung fehlt. Bei den beiden Liszt-Liedern gefallen Bernhards gute Höhe und der leichte Ansatz. Rolf Fath