gerhaher(© Jim Rakete, Sony Classical)_D02_104

Die Leichtigkeit wird zur Kunst

Christian Gerhaher – The Art of Song: Eine Box mit dreizehn CDs, nichts für schwache Augen im Zeitalter der Sparlampen! Der Blick irrt auf der Rückseite der hübschen Schachtel herum, um vor goldfarbenem Hintergrund Informationen aus einer ins Bräunliche gehenden Miniaturschrift zu gewinnen. Eine ästhetisch entzückende Idee, die im Praxistest versagt. Also aufmachen den Kasten! Dort ist der Aufdruck auf den einzelnen Hüllen schon gnädiger. In einem Falle – nämlich auf CD 12 – wird die Neugierde in die Irre geführt. Dort findet sich der Titel „Ja, wart du bis zum jüngsten Tag“ gleich zweimal gedruckt. Welchem Werk entstammt die Szene denn nun – Die Heimkehr des Verbannten von Nicolai oder Genoveva vom Schumann? Richtig ist Genoveva, Rezitativ des Siegfried vor seinem Lied und dem Duett mit Golo, der sehr schön gesungen wird von Maximilian Schmitt, der noch in zwei weiteren Stücken auftritt. Mit korrekter Beschriftung ist die CD bereits separat erschienen bei Sony, wo auch die Box herausgekommen ist (88883751482).

Bei näherem Hinsehen und Hören entpuppen sich auch die anderen Aufnahmen als gute alte Bekannte. Wer ein wenig recherchiert, findet die Einzelausgaben allesamt noch am Markt. Deren Preise zusammengerechnet, macht die neue Box zum Schnäppchen. Ein Tor, wer da nicht zugreift. Was also auf dem ersten Blick aussieht wie die ehrenvolle Würdigung eines Lebenswerkes, wie die gesammelten Werke eines großen Künstlers, landet angesichts des kleinen Preises hoffentlich nicht in der Krabbelkiste. Dort gehört diese Sammlung nicht hin. Sie ist geballte Kunst, wie man das nur aus den großen Werkschauen  von Fischer-Dieskau, Schwarzkopf, Callas, Baker oder Flagstad kennt.
CD - The Art of GerhaherChristian Gerharher, 1969 geboren, studierter Mediziner, musikalisch hervorragend gebildet, bei Legenden des Gesangs in die Schule gegangen, international hoch geehrt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere stehend. Bei ihm ist so eine Edition schon jetzt angemessen, sie ist zigfach verdient. Mit Superlativen gewöhnlich zögerlich, scheue ich mich nicht, Gerhaher den begabtesten Liedersänger deutscher Zunge zu nennen. Er hat ein unverwechselbares Timbre. Sein heller Bariton mit der leichten offenen Höhe besitzt diesen jugendlichen Grundton, der beim Publikum gut ankommt. Es nimmt es schnell für sich ein. Das Gestalterische wirkt bei ihm weniger als das Ergebnis gründlichen Arbeitens und Probierens, es ist wie selbstverständlich vorhanden, als sei es ihm angeboren. Als sei es die einfachste Sache der Welt, Lieder zu singen. Wem das gelingt, der hat als Künstler gewonnen. Das unterscheidet Gerhaher für mich auch von seinem Lehrer Dietrich Fischer-Dieskau, dessen Interpretationen bei aller Großartigkeit mit den Jahren immer akademischer und belehrender wirkten. Gerhaher hat die Gabe, hart Erarbeitetes in Natürlichkeit umzusetzen. Er ist einer, der die Traditionen seiner Kollegen aus der Vergangenheit mit einer gehörigen Portion Frische versehen in die Gegenwart holt. Obwohl er einen konservativen Gesangsstil pflegt, klingt er nicht so. Was macht dieser Künstler mit den Texten, die er allesamt sehr gut studiert haben dürfte. Er weiß, wer Eichendorff ist oder Geibel. Daran hat, wer genau hinhört, überhaupt keinen Zweifel. Der Respekt vor den Dichtern beginnt bei ihm damit, dass er jedes, ausnahmslos jedes Wort wie zum Mitschreiben deutlich herüberbringt. Seine Aufnahmen sind wie Lehrstunden für den Umgang mit den literarischen Quellen. Er belebt damit neu, was einst gang und gäbe war, nur natürlicher und damit zeitgemäßer im Ausdruck. Mir scheint, dass Gerhaher großen Gefallen hat an der Frage nach dem Vorrang von Wort oder Musik, wie sie auch in Capriccio von Richard Strauss aufgeworfen wird. Den Olivier hatte er erst im Juli in London gesungen! Ein netter Zufall.

Gerold_Huber_credit_GunarStreu

Gerold Huber ist seit Jahren der ständige Begleiter des Sängers am Klavier – Foto: Gunar Streu

Lieder sind denn auch der größte Posten in der Sammlung, begleitet von Gerold Huber, wenn es sich um reine Klavierlieder handelt. Huber und Gerhaher sind seit Studienzeiten durch enge künstlerische Zusammenarbeit verbunden. Das zahlt sich aus in Vollendung des Zusammenspiels, wie es zum Beispiel im “Liederkreis” op. 39 von Robert Schumann seines Gleichen sucht. Die wichtigsten Liederzyklen sind aufgenommen worden in die Edition. Neben dem Liederkreis auch “Dichterliebe” und einige andere kleinere Werkgruppen des Komponisten, der Gerhaher nach meinem Eindruck ganz besonders gut liegt. „Die schöne Müllerin“ und „Winterreise“ von Schubert sind dabei, dazu noch eine weitere CD mit Schubert unter dem Titel etwas unverbindlichen Titel „Abendlieder“. Mojca Erdmann ist die jugendliche Sopran-Partnerin im „Italienischen Liederbuch“ von Hugo Wolf. Gustav Mahlers „Lied von der Erde” ist mit Tenor (Klaus Florian Vogt) und Bariton besetzt, am Pult steht Kent Nagano. Er dirigiert auch die Orchesterfassungen der „Lieder eines fahrenden Gesellen“, der „Kindertotenlieder“ und der „Rückert-Lieder“. Die Gesellenlieder wurden noch einmal in der Kammer-Ensemble-Version aufgenommen, die Arnold Schönberg arrangiert hat. Dass auch Johannes Brahms mit den „Vier ernsten Gesängen“ vertreten ist, versteht sich von selbst. Lässlich finde ich die CD mit Auszügen aus „Schöpfung“ und „Jahreszeiten“ von Haydn, Schumanns „Paradies und die Peri“ sowie Bachs „Weihnachtsoratorium“ unter Nicolaus Harnoncourt und Mendelssohns „Elias“ unter Herbert Blomstedt. Für die Gesamtaufnahmen, die existieren, wäre auch noch Platz gewesen. Kein Mensch hört heutzutage solche Ausschnitte, zumal sich die Leistung von Gerhaher in diesen großen Oratorien nur aus dem Zusammenhang erfahren lässt und nicht aus einzelnen Schnipseln.

Auch einzeln erhältlich - eine der CDs aus der Edition

Auch einzeln erhältlich – eine der CDs aus der Edition

 

Die zu Beginn etwas kritisch beleuchtete CD „Romantische Arien“ muss zum Schluss noch ins rechte Licht gerückt werden. In dieser CD ist drin was drauf steht. Keine Mogelpackung, sondern künstlerische Wertarbeit vom Allerfeinsten – Romantik pur. Am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks steht der 1975 in Oxford geborene Daniel Harding mit einem feinen Gespür fürs deutsche Fach. Diese Besetzung ist schon mal eine sichere Bank. „Blick ich umher in diesem edlen Kreise.“ Gerhaher eröffnet sein Programm mit dem Auftritt des Wolfram von Eschenbach in Sängerkrieg aus Wagners Tannhäuser. Er ist ein sehr scheuer und introvertierter Wolfram, nimmt die berühmte Szene wie ein Lied, ganz verinnerlicht, nicht an einen edlen Kreis gerichtet, sondern ganz in sich gekehrt. Da ist die Stelle, wo Wolfram aufblickt, „zu einem nur der Sterne, der an dem Himmel, der mich blendet, steht“. Wie Gerhaher dieses „blendet“ in den Sprechgesang verlegt, als fürchte er sich, das ist so genial wie erschütternd. Das mag ja im Studio gut gehen, nicht aber auf der Bühne, könnte man einwenden! Weit gefehlt. Ich erinnere mich noch ganz genau an den konzertanten Tannhäuser unter Mark Janowski in Berlin, wo Gerhaher diesen Moment in genau der gleichen intimen Weise zum Ausdruck brachte, dass einem ein leichter Schauer überkam wie nun beim Wiederhören auf CD.

Sechs Nummern weiter tritt Wolfram noch einmal mit seiner großen Szene aus dem dritten Aufzug in Erscheinung: „Wie Todesahnung, Dämmrung deckt die Lande… O du, mein holder Abendstern“. Hier ist Wolfram nun wirklich allein mit sich, Gott und der Welt. Wenn denn Einsamkeit sich würde steigern lassen, hier geschieht es. Diese beiden Schlüsselszenen romantischen Gesangs werden verknüpft mit eher seltenem Repertoire: Arien aus Schuberts Der Graf von Gleichen und Alfonso und Estrella, Nicolais Heimkehr des Verbannten sowie – jetzt etwas prominenter – Webers Euryanthe. Diese Mischung geht sehr gut. “Romantische Arien” heißt die CD! Deshalb sollten wohl nicht nur Perlen aneinander gereiht, sondern eine Epoche anhand gemischter Beispiele zum Klingen gebracht werden. Harding hält sich im Hintergrund, er überlässt dem Sänger das Feld ganz. So soll es im Idealfall auch sein. – Foto oben: © Jim Rakete, Sony Classical

Rüdiger Winter