Im Bann der Affekte

 

Countertenor Philippe Jaroussky befindet sich im 40. Lebensjahr und hat sich nun erst entschieden, ein erstes Händel-Album aufzunehmen. Jaroussky will Händel als „Rhetoriker und Melodiker“ präsentieren, es geht ihm bei den dreizehn Arien seiner CD The Händel Album nicht um virtuos-stimmakrobatische Koloraturen und Verzierungen, die er als „grammatikalisches Beiwerk“ bezeichnete, sondern um Ausdruck und Intimität. Dafür wurden eher unbekannte Arien aus zehn seltener gespielten Londoner Opern ausgewählt, mit denen Jaroussky seine gestalterischen Fähigkeiten zeigen kann. Das gelingt dem Franzosen mit seinem Händel-Querschnitt, der keine Vergleiche zu scheuen braucht, beeindruckend gut. Jarousskys Timbre ist einmalig: androgyn und introvertiert, mit umschmeichelnder Sanftheit und dolcezza, die in den langsamen, betörenden, flehenden oder traurigen Arien besonders zur Geltung kommt. Wenn man seine Carestini-CD aus dem Jahr 2007 zum Vergleich heranzieht, so scheint die Stimme an Ausdruck hinzugewonnen zu haben, sie scheint wärmer und einfühlsamer geworden zu sein. Händel transponierte seine Arien bei Bedarf, um sie seinen Sängern auf die Stimmbänder zu schneidern; Jaroussky hat diese Praxis für seine Bedürfnisse bei manchen Arien übernommen, damit sie „so komfortabel als möglich“ für seine Stimme liegen. Fast alle der von Jaroussky ausgewählten Stücke wurden von Händel für den Kastraten Senesino komponiert. Der frühe, in London 1715 aufgeführte Amadigi sah noch Nicolini alias Niccolò Grimaldi als Hauptdarsteller vor. „Sussurrate, onde vezzose“ ist eine pastorale Kavatine mit zwei Blockflöten, mit der Amadigi zum Gott der Liebe fleht. Die sehnsüchtige Arie des Tirinto „Se potessero i sospir“ miei“ aus dem späten Imeneo (1740) sang zuerst Giovanni Battista Andreoni. Die bittere Klage „Ombra cara“ aus Radamisto (London 1720) über dem vermuteten Suizid seiner Ehefrau klingt mit düsteren Fagottklängen und lang gehaltenen Gesangstönen des Franzosen, das Largo „Qual nave smarrita“ aus derselben Oper ist von schlichter Ruhe geprägt. Das angesichts des drohenden Todes anklagende „Son stanco …Deggio morire, o stelle“ aus Siroe (1728) klingt fragil, „Che più si tarda omai…Stille amare“ aus Tolomeo (1728) ist eine weitere beeindruckende Arie im Angesicht des Todes. Aus Ezio (1732) singt Jaroussky ein wunderschön sanftes und zärtliches  „Pensa a serbarmi, oh cara“. Es sind vor allem diese schwärmerischen, reflektierenden, introspektiven, traurigen und resignierenden Arien, die Jaroussky wie fast kein zweiter stimmlich zum Schweben bringt. Die extrovertierten Arien liegen seiner Stimme nicht ganz so perfekt, bspw. dem zornigen „Privarmi ancora… Rompo i lacci“  aus Flavio fehlt die Attacke, bei der Eifersuchtsarie des Arsamene „Sì, la voglio“ aus Serse (1738) fällt kein Zwielicht auf Jarousskys Rolle, einen Schurken würde man von ihm nicht erwarten. Ebenfalls aus Radamisto stammt das kämpferisch-erregte „Vieni, d’empietà …Vile! Se mi dai vita“, „Agitato da fiere tempeste“ aus Riccardo primo (1727) ist eine schwungvolle Heldenarie mit fordernden Koloraturen. Das triolenreiche „Son pur felice al fine… Bel contento“ aus Flavio und die Arie des tapferen Giustino (1737) „Chi mi chiama…Se parla al mio cor“  sind gut gelaunt. Wer sich mit Jarousskys Aufnahme auseinandersetzen will, der kann übrigens zum spannenden Vergleich Bejun Mehtas Händel-CD Ombra Cara aus dem Jahr 2010 heranziehen, die mit René Jacobs und dem Freiburger Barockorchester eingespielt wurde. Beide Einspielungen konzentrieren sich auf Werke für Senesino und teilen drei Arien, „Ombra Cara“ aus Radamisto, „Agitato da fiere tempeste“ aus Riccardo I. und „Son stanco …Deggio morire, o stelle“ aus Siroe. Mehta hat das männlichere Timbre, Jaroussky die flexiblere und klangfarblich reichere Stimme. Orchestral überzeugen beide Aufnahmen. Für Jaroussky musiziert das Ensemble Artaserse kraftvoll und präzise, dynamisch abwechslungsreich, mit beweglich-federndem Klang und detailreich klingenden Soloinstrumenten auf der Höhe der Zeit. Die CD-Aufnahme entstand im Februar und März 2017 in der Kirche Notre.Dame du Liban und weist einen nicht immer vorteilhaften halligen Klang auf, aber das ist ein kleiner Abstrich auf hohem Niveau. (The Händel Album, Erato/Warner 0190295774455Marcus Budwitius