Hommage an eine mythische Königin

Eine der originellsten CD-Veröffentlichungen dieses Jahres ist der dhm gelungen, die auf zwei Silberscheiben ein außergewöhnliches Programm von 15 Arien und Szenen rund um die assirische Königin Semiramis zusammengestellt hat (88725479862). Fast alle sind Weltersteinspielungen – dies der erste Vorzug dieser Ausgabe, die den Titel trägt Semiramide – La Signora Regale. Der zweite betrifft ihre attraktive Ausstattung mit einem reich bebilderten Booklet, das viele historische Abbildungen der Königin mit ihrem Hofstaat zeigt. Zudem sind in diesem 130seitigen Beiheft alle Arientexte in der Originalsprache und einer englischen Übersetzung sowie die Interpretinnen der Uraufführungen abgedruckt.

Semiramide: Ölbild von Guercino/Wiki

Semiramide: Ölbild von Guercino/Wiki

Schließlich ist die Sängerin der Musikauswahl, die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus, in mehreren eleganten, historisch inspirierten Kostümen zu sehen. Ihr künstlerischer Beitrag ist der dritte Vorzug der Veröffentlichung – und der gewichtigste. Denn sie bewältigt nicht nur die stilistisch unterschiedlichen Nummern auf höchstem Niveau, sondern betört auch rundum mit ihrer ausgewogenen, sinnlichen und persönlich timbrierten Stimme. Die Programmauswahl vereint Kompositionen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Sie beginnt mit dem fast ältesten Werk, Caldaras Semiramide in Ascalona, uraufgeführt 1725 in Wien, aus dem die Arie „Povera navicella“ zu hören ist. Diese ist in ihrem stürmisch-bewegten Charakter, mit dem ein Schiff im Sturm geschildert wird, und dem hohen Anspruch an virtuose Gesangskunst ein furioser Einstieg für die Interpretin. Nur ein Jahr davor kam in Neapel Porporas Semiramide Regina dell’Assiria zur Premiere, aus der die nicht weniger brillante Arie „Vanne fido“ erklingt. Jommellis Semiramide riconosciuta kam 1742 in Turin heraus. In dem erregten Rezitativ „Barbaro!“, aber auch der nachfolgenden dramatischen Arie „Tradita, sprezzata“ vermag  Bonitatibus ihre expressive Gestaltung solch existentieller Szenen zeigen. Weniger bekannt ist Andrea Bernasconi, dessen Semiramide 1765 in München uraufgeführt wurde. Die Arie „Non è vano il pianto“ ist ein bewegendes Lamento in schönem Fluss mit reichen Verzierungen. Die Sängerin kann hier den Farbenreichtum ihrer Stimme, die Kunst des legato und die Ausdrucksstärke ihres Vortrags demonstrieren.

Semiramide: Ölbild von Giovanni Andrea/Wiki

Semiramide: Ölbild von Giovanni Andrea/Wiki

Traettas Oper kam 1765 in Venedig heraus. Daraus ist die Arie „Il pastor se torna aprile“ zu hören, ein Bravourstück von hohen Graden, das hinsichtlich der Beherrschung von gebundenen Koloraturen und stimmlicher Flexibilität der Interpretin alles an Virtuosität abverlangt. Die erste CD beschließt ein Ausschnitt aus Paisiellos La Semiramide in villa, 1772 in Rom zur Premiere gebracht. Hinsichtlich der lyrischen Substanz und gestalterischen Tiefe gehört die Arie „Serbo in seno il cor piagato“ zu den Höhepunkten der Sammlung.

Semiramide: frühe Darstellung aus dem Mittelater/Wiki

Semiramide: frühe Darstellung aus dem Mittelalter/Wiki

CD 2 widmet sich Kompositionen des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts, beginnt mit der Sinfonia aus Francesco Bianchis La vendetta di Nino von 1790, bei der die Accademia degli Astrusi, welche der Solistin mit ihrem akzentuierten Spiel ein beflügelnder Begleiter ist, sich bei diesem Orchesterstück mit ernstem Pathos und Mozart-nahem Duktus profilieren kann. Gefällig und graziös dagegen die Danse No. 2 aus Charles-Simon Catels Sémiramis, die erstmals 1802 in Paris gezeigt wurde. Ganz zart, weich und mit hohem Soprananteil klingt Bonitatibus in der Arie „Figlio diletto“ aus Giovan Battista Borghis La morte di Semiramide von 1791, einem bewegenden Liebesgeständnis der Königin. Es folgt eine große Szene mit Chor aus Sebastiano Nasolinis ein Jahr später in Rom zur Premiere gebrachten Oper mit demselben Titel. Zu hören ist die Fassung aus Neapel von 1815, in der immerhin Isabella Colbran die Titelrolle gesungen hatte. Hier wirkt La Stagione Armonica, ein auf Alte Musik spezialisiertes Ensemble mit, ebenso der Tenor Vincenzo Di Donato als Arsace und Gian-Luca Zoccatelli als Seleuco, die der Solistin im dramatischen Eingangsrezitativ „Fermati! Il ciel minaccia“ assistieren. Der Schlussteil der Szene, „Serbo ancora un’alma altera“, nimmt im Fluss der Koloraturen und den Abwärtsskalen bereits das Rondò der Angelina aus Rossinis La cenerentola vorweg, eine Partie, die nicht umsonst zum Stammrepertoire von Anna Bonitatibus gehört. Im Ausschnitt aus Meyerbeers Semiramide (Turin/1819) kommt in der Canzonetta „Il piacer, la gioia scenda“ nochmals der Chor zum Einsatz. Die Sängerin kann in dieser munteren, reich verzierten Nummer noch einmal glänzen.

Semiramide modern: Poster des italienischen Sandalenfilms/Wiki

Semiramide modern: Poster des italienischen Sandalenfilms/Wiki

Natürlich darf in einer solchen Kollektion Rossinis Vertonung des Stoffes nicht fehlen – als Überraschung erklingt hier die erste Version der berühmten Kavatine aus dem 1. Akt „Bel raggio lusinghier“ in Philip Gossetts Orchestrierung, die in der Kritischen Ausgabe der Oper bei der Fondazione Rossini di Pesaro als Anhang veröffentlicht wurde. Isabella Colbran, ewiger Maßstab in Sachen Rossini-Gesang, war die Creatrice der Titelheldin in der Uraufführung 1823 in Venedig. Auf ihren Spuren wandelt Bonitatibus und erweist sich als Meisterin des Belcanto mit wunderbarem Fluss der Stimme, souveränem oberem Register und fein getippten staccati.

Das offizielle Programm beschließt eine Szene aus Manuel Garcías Komposition des Stoffes – eine innige Preghiera („Al mio pregar t’arrendi“), in der die Sängerin zur Bravour der vorangegangenen Stücke mit lyrischer Intensität einen schönen Kontrast setzen kann. Und sie schenkt dem Hörer auch noch einen Bonus, mit dem sie an eine weitere Diva des Gesangs erinnert – Margherita Durastanti, die 1733 in London bei der Uraufführung von Händels Semiramide riconosciuta mitgewirkt hatte, die als Pasticcio konzipiert war und Musik aus Leonardo Vincis Oper desselben Titels von Rom 1729 enthielt. Damit unterstreicht die Interpretin, dass sie auch eine renommierte Händel-Sängerin ist und während ihrer Jahre an der Hamburgischen Staatsoper in vielen seiner Partien reüssiert hatte. Die Ausgabe darf man allen Barock- und Belcanto-Freunden empfehlen, zumal sie in ihrer luxuriösen Präsentation in heutigen Zeiten der CDs mit ärmlicher Ausstattung eine absolute Ausnahme darstellt.

Bernd Hoppe

Sie hat´s natürlich auch gesungen: "Bel raggio lusingher´"", wenngelich sie auf dem Foto "nur" als Rossinis Armida in Florenz 1952 (Foto Locchi) zu sehen ist - dennoch, Pose und Klang sind sich da sehr ähnlich: Maria Callas

Sie hat´s natürlich auch gesungen: „Bel raggio lusinghier´““, wenngeich nur im Konzert und auf LP/CD und sie hier „nur“ als Rossinis Armida in Florenz 1952 (Foto Locchi) zu sehen ist – dennoch, Pose und Klang sind sich da sehr ähnlich: Maria Callas