Heroische Koloraturen

Auf dem Weg zum Idomeneo-Debüt (im September 2013 in Frankfurt) war Daniel Behle bei den Aufnahmen seiner CD mit Gluck-Opernarien (Decca  478 6758). Und Mozart ist auch beim Abhören dieser Neuveröffentlichung präsent. Der Tenor singt auf dieser Einspielung Ausschnitte aus neun verschiedenen Werken, darunter vier Weltpremieren. Fast am Schluss findet sich der bekannteste Titel der Auswahl – Orphées „J’ai perdu mon Eurydice“ im französischen Original –, den Behle ganz unsentimental, aber doch berührend und sehr differenziert vorträgt. Auch die Arie des Achille, „Cruelle, non jamais“, kennt man (aus diversen Gesamtaufnahmen der Iphigénie eAulide), hier erklingt sie gleichfalls in einer bewegend emotionalen Interpretation.

Alle anderen Programmbeiträge sind als Raritäten zu werten, die man in einem Sängerrecital besonders schätzt. Den Anfang macht Antigonos „Quercia annosa“ aus der gleichnamigen Oper – ein Stück von heroischem Charakter, den  die begleitende Armonia Atenea unter George Petrou mit auftrumpfendem Bläsergeschmetter unterstreicht. Auch der Sänger wirft sich mit Verve ins Zeug und bringt seine seit dem sensationellen Artaserse von Vinci noch maskuliner und  energischer gewordene Stimme Gewinn bringend ein. Aus Semiramide riconosciuta erklingen zwei Arien des Mirteo aus dem 2. Akt, zunächst „Io veggo in lontanzana“, in der wegen der ausgedehnten Koloraturgirlanden eine flexible Stimmführung und große Atemreserven gefordert sind, dann „Bel piacer“ mit ähnlichem Anspruch. Die Arie des Danao „Non hai cor“ stammt aus Ipermestra, die den über seine Tochter erzürnten Vater in starker Erregung zeigt. Auch hier mischen sich dramatische Affekte mit virtuosen Verzierungen – und beiden Aspekten wird der Interpret bravourös gerecht. Massimos Arie „Se povero il ruscello“ aus Ezio bedient jenes bekannte Bild vom murmelnden und dann anschwellenden Bächlein. In ihrem wiegenden Duktus erinnert sie stark an den „Reigen der seligen Geister“ aus dem Orphée; Behle singt sie mit weicher, gleichwohl nie verzärtelter Tongebung. Das Ensemble trägt mit seinem kultivierten Spiel dazu bei, dass dieses Stück einen Höhepunkt der CD markiert.  Eine ausgedehnte Szene ist die des Giove aus La contesa de’ numi mit einem furiosen, von aufgewühlten Orchesterwogen eingeleiteten  Rezitativ „Qual ira intempestiva“ und der Arie „Oggi per me non sudi“, in welcher der Gott herrisch und höhnisch auftrumpft. Bei dieser Nummer unterstreicht der Tenor am eindrücklichsten seine Eignung für den Idomeneo und ähnlich anspruchsvolle Rollen. Aus der komischen Oper Le cinesi ist die Arie des Silango „Son lungi e non mi brami“ zu hören, in der man sich einmal mehr an Behles betörendem Timbre erfreuen kann. Dazu passt der letzte Titel des Programms, die Arie des Ali „Je chérirai“ aus Glucks Opéra comique La Rencontre imprévue, die 1764 in Wien uraufgeführt wurde. Der Sänger schmeichelt hier nochmals mit superben Linien, schwebenden hohen Tönen und feinen Trillern. Unter den Initiativen zur Gluck-Ehrung anlässlich seines 300. Geburtstages dürfte dieser CD schon jetzt ein Ehrenplatz gebühren.

Bernd Hoppe

 

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit dem Sänger./Die Redaktion