Guter Jahrgang

Die bereits 21. Operngala zur Unterstützung der Aids-Stiftung fand, wegen der Reparaturarbeiten an der Oberbühne verspätet, am 15. Januar dieses Jahres in der Deutschen Oper Berlin statt, und auch die inzwischen erschienene Doppel-CD trägt dazu bei, diese hilfreiche Institution zu unterstützen. Ihr Besitzer genießt außerdem den Vorteil, dass er die vielen Reden, die vor Beginn des Konzerts gehalten wurde, im Booklet lesen kann, aber nicht hören muss. In diesem Jahr scheint die Auswahl der Sänger, die ohne Gage das Konzert bestritten, eine besonders glückliche gewesen zu sein und das Programm ein besonders vielfältiges, vor allem deshalb interessant, weil auch viele Arien aus Opern gesungen wurden, die gegenwärtig nicht im Spielplan des Hauses zu finden sind. Max Raabe, von Loriot selbst zu seinem Nachfolger als Moderator bestimmt, findet sich allmählich besser in seine Rolle hinein, auch wenn immer noch Aussprachefehler (Àlvaro), Irrtümer über den Inhalt von Opern oder nicht gerade auf das Musikstück Einstimmendes („Sag Alter, geht’s noch“ „Voll krass“ zur Puritani-Elvira-Arie „Qui la voce sua“) vorkommt oder derber ist als die Äußerungen seines Vorgängers.

Nach einer vom Orchester unter Generalmusikdirektor Donald Runnicles äußerst frisch und temperamentvoll vorgetragenen Ouvertüre zu Glinkas Ruslan und Ludmilla erklang als einziges deutsches Stück die Arie des Kaspar aus Webers Freischütz, für die Günther Groissböck die dunkle Dämonie in der Bassstimme und auch die notwendige Geläufigkeit für die Koloraturen hatte. Besser als die deutsche war die französische Oper vertreten mit der Arie des Roméo „Ah, lève-toi, soleil“, die Saimir Pirgu mit schlanker, fein konturierter und farbiger Tenorstimme sang, mit nur kleinen Problemen bei den Intervallsprüngen. Aus La fille du régiment trug Olga Peretyatko nach einem Gruß an Paris die Arie der Marie vor, hatte für sie bei der ebenso erstaunlichen Koloraturfähigkeit eine ungewöhnlich dunkle Mittellage. Mit üppiger, reifer Mezzostimme interpretierte Ekaterina Semenchuck die Arie der Dalila „Mon coeur s’ouvre“.

Marianne Crebassa hatte für die Arie der Rosina Mezzofarben bis in die Extremhöhe und ein besonders schnippisches „Ma“. Auch die Klage der Hinterbliebenen aus Donizettis Maria Stuarda, wunderbar differenziert vom Chor der DOB unter William Spaulding gesungen, trug bei zur Dominanz des italienische Repertoires., ebenso „Pace, pace“, von Lucrecia Garcia mit schönen Schwelltönen dargeboten, die Arie der Ernani-Elvira, die Angel Blue mit reich timbrierter Sopranstimme mitsamt der Cabaletta souverän vortrug, und die ihrer Namensbase aus den Puritani, von Venera Gimadieva, mit deliziösem Sopran weicher Emission und mit schönem Glockenton in der Höhe gesungen – eine Stimme, die den Hörer berührt. Jeder Tenor ist mit „Nessun dorma“ auf der sicheren Seite“, und so konnte auch Alfred Kim damit einen Jubelsturm auslösen, obwohl sein metallisches Timbre Geschmackssache sein dürfte. Natürlich fehlte Mozart nicht, war mit „La ci darem la mano“ und der Arie des Almaviva „Già vinta la causa“ vertreten, der Jacques Imbrailo schönes, jugendlich klingendes Material widmete. Zum Schluss wurde es „leichter“ mit Il Bacio von Luigi Arditi, den Kristina Mkhitaryan mit gewandtem Koloratursopran dem Publikum zukommen ließ, und einem gemeinsamen Imagine von John Lennon. Mit so vielseitigem Programm und so guten Sängern wird die Aids-Gala sicherlich auch weiterhin ein dankbares und spendenfreudiges Publikum finden und die CDs ihre Abnehmer (Naxos 8.551342-43).

Ingrid Wanja