Going Baroque

 

Viele prominente Sängerinnen haben in ihrer Karriere gleichermaßen Barock- wie Belcanto-Partien gesungen – man denke nur an Sutherland, Sills, Fleming oder Bartoli. Zu ihnen gesellt sich nun Sonya Yoncheva, die nach ihren Interpretationen der Violetta und Norma auf der Bühne nun bei ihrer Stammfirma SONY eine CD mit dem Titel Handel vorlegt (88985302932). Der letzte Track, Didos Lament aus Purcells Dido and Aeneas ist offenbar als Bonus gemeint, denn der Name des Komponisten erscheint auf dem Cover nicht. Die Sopranistin hätte darauf auch verzichten können, denn gerade hier fehlen ihr Pathos und grandeur für dieses von vielen legendären Vorgängerinnen maßstäblich interpretierte Finale.

Fast von allen vertretenen Händel-Heroinen werden zwei Szenen vorgestellt, beginnend mit der Cleopatra aus Giulio Cesare und ihrer Arie aus dem 2. Akt „Se pietà“. Später folgt die kokett-spöttische Arie aus dem 1. Akt „Non disperar“. Die Sopranistin singt sehr kultiviert und vor allem in den schmerzlichen Szenen mit inbrünstigem, wehmütigem Ton und starker Expression. Deshalb hinterlässt gerade Alcinas ausgedehntes „Ah, mio cor“ in seiner Verzweiflung besonders starken Eindruck. Das zweite Beispiel aus dieser Oper steht dazu in starkem Kontrast, denn es ist das virtuose „Tornami a vagheggiar“ von Alcinas jüngerer Schwester Morgana. Die Solistin bewältigt es mit bemerkenswerter Leichtigkeit und jubilierender Koloratur. Auch die Titelheldin der Agrippina ist mit zwei Stücken vertreten, ebenso jene des einzigen Oratoriums auf der Auswahl: Theodora. Agrippinas „Pensieri“ bezieht seine Wirkung aus Zweifel und Entschlossenheit von Neros intriganter Mutter. Yoncheva setzt hier auf einen lamentierenden Tonfall, der gewöhnungsbedürftig ist. Dagegen ist „Ogni vento“ in seinem lebhaften Charakter sehr gelungen. Theodoras „With darkness deep“ ist eine bewegende ombra-Szene im Kerker, das „To thee“ ein Duett mit ihrem Geliebten, dem römischen Offizier Didymus, bei dem die Mezzosopranistin Karine Deshayes assistiert. Beide vereinen ihre Stimmen auch im Duett Rodelinda/Bertarido „Io t’abbraccio“ aus Rodelinda, regina de’ Longobardi in schöner Harmonie. Das letzte Beispiel aus Händels Feder ist Almirenas berühmtes „Lascia ch’io pianga“ aus Rinaldo.  Yoncheva findet hier zu feinen Farben und ausgewogener Linie. Die Academia Montis Regalis unter Alessandro De Marcho grundiert das Stück mit interessanten Varianten, ist der Solistin überhaupt ein inspirierender Begleiter und hat großen Anteil am gelungenen Barock-Debüt der bulgarischen Sängerin. Bernd Hoppe