Gemischter Jahrgang

 

Nur noch nachträglich hoffen für das zur 23. Aids-Gala in der Deutschen Oper Berlin (2016) versammelte Publikum kann man, dass es nicht alle der sage und schreibe elf Grußworte, die im Booklet der CD vom festlichen Ereignis abgedruckt sind, auch hat anhören müssen, ehe es in den Genuss der musikalischen Beiträge kam. Eine wahre Erfolgsstory ist das von der verstorbenen Irina Pabst und dem damaligen Operndirektor Alard von Rohr ins Leben gerufene Ereignis, und die Mittel, die es der Forschung und unmittelbaren Hilfe für an der Immunschwäche Befallenen bereit stellt, sind beträchtliche. Lange Jahre bezog das alljährlich im November stattfindende Ereignis einen besonderen Reiz aus der Moderation durch Loriot, der wie kein anderer auf dem schmalen Grat zwischen Erhabenheit und Lächerlichkeit, auf dem die Oper angesiedelt ist, zu wandeln wusste. Sein noch von ihm ausgewählter Nachfolger ist Max Raabe, sicherlich einer der bestmöglichen, aber doch kein wirklich guter Ersatz, denn die unfehlbare Kennerschaft, die erst die Parodie ermöglicht, fehlt ihm, und so wirkt der Hinweis auf den Pannenflughafen bei der „teuren Halle“ als an den Haaren herbeigezogen, wirft Venus Tannhäuser nicht aus dem Hörselberg, sind die Bemerkungen zur Italiana ungenau und ohne jeden Hinweis auf Lindoro, dessen Arie folgt, und taucht in den Perlenfischern durchaus eine Perle auf und zwar als Preis für das Keuschheitsgelübde und die Gebete der Priesterin. Dass Violetta sich in ihre Wirkungsstätte, das „Eroscenter“, zurücksehnt, ist auch eine Erfindung des Moderators. Das alles wäre einem Loriot nicht passiert.

Das musikalische Programm beginnt dankenswerter Weise mit einem eher unbekannten Stück, der Ouvertüre zu Ferdinand Hérolds Zampa, das vom Orchester der DO unter Ivan Repušić, gern gesehener Gast am Haus, schmissig und in eine erwartungsvolle Stimmung versetzend dargeboten wird. Andere Galas hatten sich  vielleicht mit mehr Stars schmücken können, aber auch junge, noch nicht berühmte Sänger hören kann Vergnügen bereiten.

Dazu gehört Edwin Crossley-Mercer eher im Duett aus den Pêcheurs de Perles als in der Registerarie des Leporello, in der er eher baritonal-lyrisch klingt und den Biss, den man hier gern hören würde, vermissen lässt. Den angemessenen Jubelton für die „Teure Halle“ hat die junge Norwegerin Lise Davidsen, nur die Diktion lässt noch zu wünschen übrig. Mattia Olivieri fehlt noch die Überlegenheit, die den Rossini-Figaro auszeichnet, auch wenn die Geläufigkeit des Singens bereits erreicht wird. Einen virtuos und stilsicher eingesetzten Tenor hat Levy Sekgapane für den Lindoro, bei dem nur ein leichter Meckerton stört. Maria Kataeva hat für Carmen nicht nur ein schönes Mezzotimbre, sondern auch ein reiches Agogikspiel. Michael Spyres klingt als Nadir höchst angenehm und ist im zweiten Teil in Bellinis Bianca e Fernando einfach sensationell mit einer Fermate auf einem sonst nie zu hörenden sehr farbigen Falsettone. Sein Auftritt sorgte schon allein dafür, dass der Abend ein Erfolg werden musste. „Di Provenza il mar“ brachte Gezim Myshketa dem Publikum mit feiner Melancholie im Timbre, weniger mit väterlicher Autorität nahe, während Teresa Iervolino virtuos und geschmeidig das Rondo aus Cenerentola angeht. Stefano La Cola arbeitet sich etwas mühsam in die Höhen des Calaf, während vor dem rasanten Auftritt des Chors mit „O Fortuna“ Patrizia Ciofi ein wahrhaft deliziöses „Depuis le jour“ singt (Naxos 8 551378 -79). Ingrid Wanja