Gänsehaut auf der Schanz

 

Im Regal wird die Reihe mit den Aufnahmen von Fritz Wunderlich immer länger. Jetzt wirft SWR Music eine CD nach der anderen auf den Markt. Das ist kein Zufall. Wunderlich stammt aus Kusel in Rheinland-Pfalz. Im Südwestfunk, der auch für dieses Sendegebiet zuständig ist, nahm seine Karriere ihren Anfang. Er wurde dort mit Aufgaben überschüttet. Der Hörfunk hat erheblichen Anteil an der Popularität des Tenors. Senderverantwortliche handelten weitsichtig. Ein Glücksfall, der sich auch mehr als fünfzig Jahre nach dem Tod des Sängers noch auszahlt. Die Archive sind voll. Das Label braucht nur zuzufassen. Jüngste Ausbeute sind drei Neuerscheinungen: Klassische Arien (SWR19048CD), Romantische Arien (SWR9032CD) und Operetten-Arien (SWR19038CD).

Die Titel sind nicht sonderlich originell. Potenzielle Kunden wissen schon, was gemeint ist. Sie dürften sich ohnehin am Inhalt orientieren, was sich nicht immer als ganz einfach erweist. Welche Titel sind neu? Eine genaue Recherche wird zur abendfüllenden Beschäftigung. Ich bin bei dem Versuch so gut wie gescheitert, herauszufinden, wann und wo etwas schon einmal erschienen ist. Dazu hätten auch alten Platten herangezogen werden müssen. Nicht zuletzt erklärt sich die Flut von Wunderlich-CDs aus der schlichten Tatsache, dass immer wieder neu gemischt, zusammengestellt und bearbeitet wird. Mit den SWR-Music-Aufnahmen stellt sich dieses Problem etwas anders. Es stehen die originalen Bänder zur Verfügung, die sorgsam remastert sind. Folglich ist der Klang viel besser und entwertet, was Sammler über die Jahre aus anderen Quellen zusammengetragen haben. Wer also seinen Wunderlich liebt, wird einiges ersetzen müssen. Ein frischer und heller Klang wird dem Sänger wesentlich gerechter als eine alte dumpfe Überspielung vom grauen Markt. Das Bessere ist des Guten Feind, wusste schon Voltaire.

Es werden aber auch Chancen verpasst. Im Doppelalbum mit den klassischen Arien erscheinen lediglich zwei Szenen aus Schuberts Oper Fierrabras, obwohl es davon eine erheblich gekürzte Gesamtaufnahme gibt. Aus den kompletten Jahreszeiten von Haydn, die SWR Classic noch gemeinsam mit Hänssler herausgeben hatte, werden ohne Not nun noch einmal vierzehn Nummern herausgenommen. Erklärungsversuche im Booklet, das insgesamt sehr faktenreich und ausführlich ist, können nicht überzeugen. Schade, dass die Wunderinsel von Schubert bzw. nach Schubert nur bruchstückhaft wiedergeben wird, zumal diese Produktion ein ganz besonders spannendes Kapitel Rundfunksgeschichte ist, mit dem sich hätte wuchern lassen. Dieses Stück gibt es eigentlich nicht. Den Angaben im Booklet zufolge hatte sich der Musikwissenschaftler und Journalist Kurt Homolka (1913-1988) die Musik von Alfonso und Estrella sowie sowie anderer Schubert-Opern wie der Zauberharfe „geborgt“, um William Shakespeares „Sturm“ zu vertonen. „Schuberts Partitur(en) unterwarf er dabei Umstellungen, Kürzungen, Modifikationen und schrieb vielleicht auch einige Überleitungen.“ Dieses Stück sei am 26. Januar 1958 im Staatstheater Stuttgart aufgeführt und Ende November vom SWR eingespielt worden. Dabei habe Wunderlich den Ferdinand gesungen. Nachaufnahmen habe es am 26. Februar des nächsten Jahres ohne Wunderlich gegeben, wobei nicht erwähnt wird, ob dabei auch Ferdinand-Szenen berührt gewesen sind. Diese seien jetzt „teilweise zum ersten Mal auf Tonträger“ zu erleben. Das ist sehr frei formuliert. In Wahrheit sind mehr als elf von jetzt ungefähr siebzehn Minuten Musik, die neugierig auf mehr machen, bereits in einer Edition von Intense Media veröffentlicht worden.

Die CD mit den romantischen Arien zeigt Fritz Wunderlich ganz in seinem Element. Als bade er in der Musik. Deutsches und Italienisches mischen sich. Auch sprachlich. „La Donna è mobile“, die Arie des Herzogs aus Rigoletto singt er im Original wie ein Capri-Lied. Cavaradossis „Und es blitzten die Sterne“ aus Tosca verwechselt er mit Lehár. Er kann nicht anders. „Zu Straßburg auf der Schanz“ aus Wilhelm Kinzls Kuhreigen aber ist mit Gänsehautgarantie versehen. Fentons Arie „Horch die Lerche singt im Hain“ aus den Lustigen Weibern von Windsor entstand 1959 und damit vier Jahre vor der Gesamtaufnahme. Sie ist ausschweifender und freier angelegt, weil sie sich nicht in die Dramaturgie der kompletten Oper einfügen muss. Gemeinsam mit Kurt Böhme gibt es „Mein Sohn, sei Allahs Friede hier auf Erden aus“ dem Barbier von Bagdad von Cornelius und „Komm mein Söhnchen auf ein Wort“ aus der Verkauften Braut von Smetana.

Mit dem Wolgalied aus Lehárs Zarewitsch beginnt das Operettenalbum. Schlag auf Schlag folgen Zugnummern aus der Spätzeit des Genres. Was musikalisch etwas dünn geraten ist, poliert Wunderlich mit dem Glanz seiner Stimme auf. Er wirkt zeitlos wie kaum ein anderer. Zugleich aber bewahren seine vielen Aufnahmen den Geist der Zeit, in der er von Erfolg zu Erfolg eilte. Liegt in dieser Mischung der Grund für seine anhaltende Popularität? Wie dem auch sei. Wunderlich kann singen, was er will – Oper, Lied, Oratorium, Operette, Schlager – er weiß zu gefallen. Er war der so genannten leichten Muse sehr zugetan. Dort liegen seine musikalischen Wurzeln. Es scheint, als habe er dieses Genre stilistisch auch in seinen späten großen Opernpartien verankert. Die hellen, strahlende Töne, die Unverstelltheit und Aufrichtigkeit des Ausdrucks finden sich hier wie da. Wunderlich ist immer Wunderlich. Rüdiger Winter