Ein Schiff wird kommen …

 

Dietrich Fischer-Dieskau wäre nicht Dietrich Fischer-Dieskau, hätte er vom Melodram Enoch Arden von Richard Strauss nur eine Aufnahme hinterlassen. Es gibt deren drei. Mindestens. Wer weiß, vielleicht finden sich mit der Zeit noch weitere Einspielungen. Umtriebig wie er war, kann man sich da nie sicher sein. Die erste entstand bereits Mitte der sechziger Jahre für die Deutsche Grammophon mit Jörg Demus am Klavier. Sie ist offenbar nie auf CD gelangt. Jedenfalls habe ich keine Übernahme gefunden. Unter dem Gelblabel wurde 2005 eine zweite Version gemeinsam mit anderen Melodramen herausgegeben. Diesmal begleitete Burkhard Kehring. Auf dem Cover spaziert Fischer-Dieskau durch einen goldenen Blätterwald. Ein stimmungsvolles Bild aus dem Spätherbst eines erfüllten Lebens. Er hatte die aktive Sängerlaufbahn längst beendet und ging auf die achtzig zu. Seine Sprechstimme war erstaunlich jung und frisch geblieben. Eine gewisse Brüchigkeit fällt unter der technischen Beherrschung des unverwechselbaren Organs nicht sonderlich ins Gewicht. Im Gegenteil. Sie kann als interpretatorische Nuance ausgelegt werden. Wer gut singen gelernt hat, der kann in der Regel gut sprechen. Bis ins hohe Alter. Mit Enoch Arden wankt schließlich eine am Schicksal gebrochene Gestalt heran. Es kann nicht schaden, wenn ihn der Vortragende mit einer gehörigen Portion eigener Lebenserfahrung ausstattet. Bei Fischer-Dieskau ist das herauszuhören.

Mit der bislang dritten Produktion, die 1993 beim WDR in Köln mit Gerhard Oppitz am Klavier entstand, hat Hänssler Classic überrascht (HC16048). Alle drei verfügbaren Einspielungen unterscheiden sich allerdings nicht so gravierend voneinander, als dass sich beim Hören ein verdreifachter Gewinn einstellte. Fischer-Dieskau bleibt – wie könnte es auch anders sein – immer er selbst. Es gibt bei ihm erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen dem Klang der Sprech- und der Singstimme. Egal, in welcher Form er sich äußert, er ist immer auf Anhieb zu identifizieren. Er neigte schon früh zum Rezitieren. Und war in den sechziger Jahren mit der damals außerordentlich beliebten Schauspielerin Ruth Leuwerik verheiratet. Der Hang zum Drama, zum Sprechen war immer da. So hatte er beispielsweise eine Aufnahme von Schuberts Schöner Müllerin mit gesprochenem Prolog und Epilog versehen. Fischer-Dieskau kam also im Alter lediglich aufs Rezitieren zurück, er musste es für sich nicht neu erfinden oder erst entdecken. Mit den großen Barden der Schauspielkunst konnte er es hingegen nicht aufnehmen. Enoch Arden dauert in der jetzt veröffentlichten Aufnahme an die fünfzig Minuten. Obwohl zweigeteilt, stellt sich mit der Zeit eine gewisse Redundanz im Vortrag ein. Fischer-Dieskau wirkt auch eine Spur zu vornehm und drückt sich zu gewählt aus. Manchmal will das nicht zu der bewegten und in Teilen auch rauen Seemannsgeschichte passen.

Enoch Arden kann nach einem Missgeschick nicht mehr eigenständig als Fischer arbeiten. Er verlässt seine Familie, um für deren Unterhalt auf jenem Schiff als Hochbootsmanns anzuheuern, auf dem er in jungen Jahren schein einmal gedient hatte. Frau Annie und die Kinder lässt er in der Obhut seines besten Freundes Philipp zurück, der auf seine stille Art immer noch in Annie verliebt ist, die ihm aber einst den eigenwilligen Enoch vorgezogen hatte. Das Schiff gerät auf seiner Reise nach China in schwere Seenot. Gemeinsam mit zwei Kameraden kann sich Enoch auf eine Insel retten. Die Gefährden sterben, er bleibt für zehn Jahre auf dem Eiland gefangen, bis er zufällig gerettet wird. Gealtert und durch die Entbehrungen schwer gezeichnet, findet er in seinen Heimatort zurück, wo er längt für tot erklärt worden ist. Annie lebt nun mit Philipp zusammen. Der Heimkehrer gibt sich nicht zu erkennen. Er siecht gebrochenen Herzens einsam dahin und offenbart sein Schicksal erst auf dem Totenbett der Wirtsfrau Miriam, die sich seiner angenommen und ihn beherbergt hatte. „Ein Schiff! Ein Schiff! Ich bin gerettet!“ Das sind seine letzten Worte.

 

Das Melodram „Enoch Arden“ geht auf eine Ballade des englischen Dichters Alfred Tennyson (1809 – 1892) zurück. Foto: Wikipedia

Die Geschichte erzählt der englischen Dichter Alfred Tennyson (1809 bis 1892) in einer Ballade. Er erzählt sie wortreich und ausschweifend, die Vorgeschichte inbegriffen. Tennyson entstammte bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Priester und Lehrer. Ausgestattet mit den finanziellen Zuwendungen einer Tante begann er ein Studium am renommierten Trinity College in Cambridge. Dort begegnete er auch dem zwei Jahre jüngeren Arthur Henry Hallam (1811 bis 1833). Sie wurden Mitglieder im legendären Apostel-Debattierclub, in dem sich unter Bezugnahme auf die Zahl der Jünger Jesu die jeweils zwölf besten Studenten bei Tee und Sardellen-Sandwiches trafen, um über Religion, Kunst und andere gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Tennyson und Hallem arbeiteten an einem gemeinsamen Gedichtband, unternahmen Reisen und verbrachten die Ferien zusammen. Sie begaben sich sogar in geheimer Mission in die Pyrenäen, um in England gesammelte Spenden an Aufständische zu übergeben, die gegen den spanischen König Ferdinand VII. kämpften. Der hatte, nachdem er den Fängen Napoleons entkommen war, seine eigene Herrschaft mit äußerst brutalen Mittel befestigt und die anderen europäischen Königshäuser gegen sich aufgebracht.

Arthur Henry Hallam war ein emger Freund des Dichters Tennyson. Motive aus gemeinsamem Erleben flossen in die Ballade „Enoch Arden“ ein. Foto: Wikipedia

Hallam verliebte sich in die Schwester des Freundes, was nicht ohne Spannungen geblieben sein dürfte. Es besteht kein Zweifel, dass diese Erfahrungen in der Ballade im Dreierverhältnis zwischen Enoch, Philipp und Annie ihren literarischen Niederschlag fanden. Erst zweiundzwanzig Jahre alt, starb  Hallam auf der Durchreise nach Prag  in einem einem Wiener Hotel an den Folgen eines Schlaganfalls. Den Tod des Freundes hat Tennyson, der zu einem der beliebtesten und gefeiertsten Dichter Englands aufstieg und als Peer in den Hochadel erhoben wurde, nie verwunden. 1850 veröffentlichte er „In Memorian A.H.H.“ eines seiner umfänglichsten Gedichte, an dem er siebzehn Jahre lang gearbeitet haben soll. Es ist der Erinnerung an Arthur Henry Hallam, dessen Namen er später auch dem eigenen Sohn gab, gewidmet. Enoch Arden erschienen im Jahr 1864 und erfreute sich auf Anhieb größten Zuspruchs. Auch weit über England hinaus. In Deutschland waren gleich mehrere Übersetzungen in Umlauf. Beim Druck wurde nicht gespart. Verlage überboten sich bei der prächtigen Ausstattung. Es gab Ausgaben mit Goldprägung und Illustrationen. Im Reclamverlag erschienen Auflagen für das kleine Geld. Daraus erklärt sich, dass die Ballade noch heute antiquarisch so häufig zu finden ist. Die wohl bekannteste deutsche un d hier gesungene Übersetzung stammt von Adolf Strodtmann, der auch selbst als Schriftsteller tätig war. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, Maler und Grafiker fühlten sich davon angezogen.

 

Der Komponist Ottmar Gerster erzielte 1936 mit der Oper „Enoch Arden“ einen seiner größten Erfolge. Szenen daraus sind als Schallplatte des DDR-Labels „Nova“ erschienen. Eine CD-Überspielung gibt es nicht.

Mit seiner Oper Enoch Arden oder Der Möwenschrei landete der Komponist Ottmar Gerster 1936 einen seiner größten Erfolge, der allerdings nicht bis in die Gegenwart anhielt. Die Oper mit teilweise geänderten Namen der Handelnden und vereinfachten Handlungsabläufen ist in einem traditionellen und einprägsamen Stil gehalten und entsprach damit den ästhetischen Vorstellungen im Nationalsozialismus. Gerster, der auf Hitlers so genannter Gottbegnadetenliste stand und damit vor Kriegseinsatz geschützt war, machte seine zweite Kariere in der DDR, wo er zeitweise Direktor der Musikhochschule Weimar gewesen ist. Von der Oper, die damit beginnt, dass Enoch Aarden erneut in See sticht, ist eine Rundfunkproduktion von 1965 überliefert, die in Teilen auf dem der neuen Musik vorbehaltenen DDR-Label Nova herausgekommen ist. Sie wird von Kurt Masur dirigiert. Die Titelrolle singt der Heldenbariton Hajo Müller, der die meiste Zeit am Nationaltheater Weimar verbrachte. Als Anni, die bei Gerster Annemarie heißt, war die ebenfalls in Weimar engagierte Sopranistin Ingeborg Zobel besetzt, meine erste Marschallin und Fidelio-Leonore. Sie folgte dem Regisseur Harry Kupfer an die Semperoper Dresden und gastierte oft in Leipzig und an der Berliner Staatsoper. Eine Veröffentlichung des Opernquerschnitts auf CD wäre zumindest unter historischen Gesichtspunkten interessant und wünschenswert. Jüngst hat der Stoff als Ballett mit Musik von Gustav Mahler in Münster neue Aufmerksamkeit gefunden.

 

Dietrich Fischer-Dieskau hat 2005 bei Deutsche Grammophon seine zweite Aufnahme des Melodrams gemeinsam mit anderen Werken des Genres vorgelegt.

Die Zeiten überdauert hat Enoch Arden als Melodram von Richard Strauss, der es 1897 für den mit ihm befreundeten Schauspieler Ernst von Possart komponierte. Possart, der in Münchner Kulturkreisen großen Einfluss besaß, hatte Strauss bei der Bewerbung um eine Kapellmeisterstelle an der Bayerischen Hofoper unterstützt. Strauss räumt dem Sprecher die erste Position ein. Ganze Passagen bleiben unbegleitet vom Klavier, das mit einem stürmischen Vorspiel in die ereignisreiche Handlung einführt. Umso größer sind die Anforderungen an den Vortragenden. Strauss fühlte sich nach dem Erfolg des Enoch Arden beim Publikum ermutigt, das weniger aufwändige Melodram Das Schloss am Meere nach einem Gedicht von Ludwig Uhland nachzuschieben. In der Strauss-Literatur führen beide Werke im Schatten der Opern, Lieder und Orchestermusiken ein wenig beachtetes Dasein. Das finde ist unangemessen. Hingegen ist die Menge der Enoch Arden-Einspielungen kaum zu übersehen.

Jon Vickers beeindruckte in seiner Aufnahme bei VAI in englischer Sprache nach Abschluss seiner Sängerkarriere als Rezitator.

Nicht nur Fischer-Dieskau Sänger hat sich das Werk erschlossen und damit viel für dessen Verbreitung getan. Mit seinem Namen bürgte er quasi für die Qualität dieses Melodrams. Brigitte Fassbaender nahm Enoch Arden und Das Schloss am Meere 2013 im Rahmen der von ihr betreuten Gesamtaufnahme aller Lieder von Richard Strauss für das Label Two Pianists Records auf. Der Heldentenor Jon Vickers war über siebzig, als er für das Melodram in englischer Sprache ins Studio ging. Michael York ist einer der berühmtesten Interpreten unter den Schauspielern, die das Werk reizte. In der Produktion mit dem Pianisten Glenn Gould für CBS war Claude Rains, der Captain Renault aus dem Casablanca-Film, der Rezitator. Dass sich auch Gert Westphal damit versuchte, muss gar nicht erst besonders herausgestellt werden.

Hochinteressant sind die Titel, mit denen die neue CD aus dem Hause Hänssler eingeleitet wird. Fünf Lieder von Strauss Ständchen, Heimkehr, Freundliche Vision, Winterweihe und Schlechtes Wetterfür Klavier solo bearbeitet von Walter Gieseking, der viele bedeutende Sänger bei Liederabenden und im Studio begleitet hatte. Auf den ersten Blick wirkt dieses Angebot im Zusammenhang mit dem Namen des Sängers Dietrich Fischer-Dieskau zunächst irritierend. Einer der großen Onlinehändler ließ sich sogar zu der Ankündigung verleiten, die Lieder würden ebenfalls von Fischer-Dieskau gesungen. Gieseking verlässt sich diesmal aber ganz allein auf die Melodie. Gut und einschmeichelnd hört sich das an. Als ob es gar keiner Stimme bedarf. Rüdiger Winter