Bravour-Arien von Porpora

Souverän behauptet Franco Fagioli seine derzeit führende Position in der Liga der Countertenöre und unterstreicht diese auch mit einer neuen CD bei naïve, die sich Il maestro nennt und dem kompositorischen Schaffen von Nicola Porpora gewidmet ist (V5369). Zu hören sind Szenen aus sieben verschiedenen Opern, zwei Kantaten und einem Oratorium, welche von der Accademia Montis Regalis unter Alessandro De Marchi mit straffem Zugriff, festlich-pompösem Glanz und musikantischer Verve begleitet werden. Porpora, der von 1686 bis 1768 lebte, wurde von dem Musikologen Frank Walker als „der größte Komponist unter den Gesangslehrern und der größte Gesangslehrer unter den Komponisten“ betitelt. Er schrieb für Farinelli, einen der berühmtesten Kastraten seiner Zeit, die Oper Polifemo, aus der zwei Arien des Aci ganz unterschiedlichen Charakters erklingen. Erstere, „Nell’ attendere il mio bene“ (im 2. Akt), schildert die Freude des Schäfers beim Nahen seiner geliebten Galatea, mit stürmischem Schwung und jauchzenden Koloraturen kann der Interpret hier imponieren, während er in „Alto Giove“ (3. Akt) die Stimme mirakulös und scheinbar unendlich schweben lässt – ein magischer Moment der Einspielung. Die Arie ist ein Prüfstein für jeden Interpreten von Rang und Fagioli erweist sich hier als unangefochtener Meister seines Fachs.

Begonnen hatte der Solist sein Programm mit einer Arie des Valentiniano, „Se tu la reggi al volo“, aus Ezio, der 1728, also sieben Jahre vor dem Polifemo, in Venedig uraufgeführt wurde. Diese sichert ihm einen fulminanten Einstieg mit bravourösen Koloraturläufen, die seine scheinbar unendlichen Atemreserven effektvoll zur Schau stellen. Es folgen zwei Ausschnitte aus der 1729 in Venedig zur Premiere gebrachten (und zehn Jahre später für Neapel überarbeiteten) Semiramide riconosciuta. „Vorrei spiegar l’affanno“ ist eine Arie des Scitalce aus dem 1. Akt, in der Fagioli mit starker Empfindung und sinnlichem Vibrato betört, darüber mit vielfältigen Verzierungen, Schleifen und Trillern stupenden Effekt macht. „Il pastor se torna aprile“ in lieblich wiegendem Rhythmus gehört der Titelheldin im 2. Akt und gibt dem Interpreten Gelegenheit für eine anmutige pastorale Szene mit sanfter, träumerischer Tongebung und delikaten Trillern. Für eine Aufführung 1725 in Reggio Emilia komponierte Porpora seine Didone abbandonata, aus der Fagioli das Solo des Araspe aus dem letzten Akt, „Già si desta la tempesta“, singt und in dieser Sturmarie Gelegenheit zu furioser Bravour hat. Von der Wind- und Donnermaschine sowie dem tobenden Orchester sehr atmosphärisch eingeleitet, blättert der Sänger hier einen ganzen Katalog von vokaler Bravour auf. Auch aus der 1726 anlässlich des Karnevals in Venedig uraufgeführten Oper Meride e Selinunte erklingen zwei Beispiele mit verschiedenen Rollen – die Arie der Ericlea, „Torbido intorno al core“, und die der Selinunte, „Con alma intrepida“. Erstere ist ein Seelengemälde mit Todessehnsucht, Ängsten und unterschiedlichen Gefühlen der Verwirrung – Fagioli vereint hier gesangliche Virtuosität mit reichen Schattierungen im Ausdruck. Die zweite Arie in bewegtem Tempo schildert ähnliche Stimmungen bei größerer vokaler Bravour. Der letzte Opernbeitrag stammt aus Carlo il Calvo (1738/Rom), also aus der mittleren Schaffensperiode Porporas, und ist die Arie des Adalgiso, „Spesso di nubi cinto“. Sie vereint die gleichnishaften Bilder von Blitzen, Wolken und Meer zu einem effektvollen Stück von aufgewühltem Duktus und halsbrecherischer Virtuosität – noch einmal Gelegenheit für den Counter zu brillieren und seinen enormen Stimmumfang auszustellen. Einzig zwei angetippte Spitzentöne klingen etwas knapp und hätten vielleicht korrigiert werden können.

Ergänzt wird die Auswahl durch die Arie der Umanità, „Distillatevi o cieli“, aus Il verbo in carne, seinem Weihnachtsoratorium, das er 1748 in Dresden schrieb, wo er am Hofe Prinzessin Maria Antonia Walpurgis im Gesang unterrichtete. In dieser Arie von getragenem Zeitmaß schmeichelt Fagioli mit lieblichem Ton und makelloser Skala über die drei Oktaven seiner Stimme. Zwei Stücke aus Kantaten in ernstem, strengem Stil – „A voi ritorno“ aus Il ritiro a voce sola con stromenti und „Non lasciar chi t’ama tanto“ aus Vulcano a voce sola con violini – vervollständigen das Bild eines Komponisten, dem erst in jüngster Zeit Gerechtigkeit hinsichtlich seiner Bedeutung als einer der größten Meister der opera seria widerfährt. Franco Fagioli, der dem Verehrten im Booklet auch eine Reverenz erweit, erweist sich den immensen Herausforderungen dieser Kompositionen in souveräner Manier gewachsen und damit als konkurrenzlos in seinem Fach.

Bernd Hoppe