Begrenzte Zielgruppe

Schade, dass die Doppel-CD von Dagmar Pecková zwei gerade für eine Aufnahme von Liedern unverzeihliche Mängel aufweist: Die Textverständlichkeit der Sängerin lässt durchweg in allen Sprachen zu wünschen übrig, und selbst für Armenisch oder den Dialekt der Auvergne gibt es im Booklet neben dem Originaltext nur eine Übersetzung ins Tschechische. Da drei Viertel der Lieder in deutscher Sprache, von Brahms, Wagner und Mahler, komponiert, sind, kann sich der deutsche Hörer freuen, aber da die CDs sicherlich für den internationalen Markt bestimmt sind, werden Hörer in anderen Ländern nicht gerade erfreut über diese Sparsamkeit am falschen Platz sein. Seltsam berührt auch die deutsche Fassung des Booklet-Textes, wenn die Sägerin meint, auf Grund ihrer Vertrautheit mit deutscher Musik könne sie sebst in deren „dunkelste Ecken“ vordringen, und wenn Brahms gönnerhaft „auch ein reiches Gefühlsleben“ zugesprochen wird.

Es beginnt mit Wagners Wesendonck-Liedern, deren teils schwüle Atmosphäre sich gut im Timbre der Mezzostime auszudrücken vermag, die auch das angemessene erotische Flair hat und bis in die Höhen hinaus ihr Mezzotimbre bewahrt. In „Steh still!“ wird die Stimme bei aller scheinbaren Atemlosigkeit bruchlos geführt, dem zweiten Teil wohnt das zu erwartende Seherische inne. Im tristannahen „Treibhaus“ freut man sich über die gut gestützten Piani ebenso wie über den schönen Klagelaut auf eben dieser Vokabel. In den beiden letzten der fünf Lieder nutzt der Mezzo die Möglichkeit, im An- und Abschwellen des Klangs Gefühlsaufwallungen zu suggerieren.

Es schließen sich fünf Mahler- Lieder auf Rückert-Gedichte an, in denen irritiert, wenn in der letzten Strophe von „Liebst du um Schönheit“ nicht „mich“, sondern „liebe“ besonders betont wird. Die erwünschte Leichtigkeit in „Ich atme einen linden Duft“ wird eher vom Orchester als von der Stime erreicht, während die immer schicksalsträchtigere Wiederholung von „Um Mittenacht“ in schöner Steigerung deutlich wird. Durch eine Fermate auf „ruh“ wird der Charakter des letzten Lieds in diesem Block besonders hervorgehoben.

Es folgen Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen mit dem Einsatz der Bruststimme und angemessen leicht hysterischem Ausdruck für „Wenn mein Schatz“, ätherisch elegischem Klang für den Schluss von „Ging heut‘ morgen“ und reicher Agogik bis hin zu dramatischem, fast operngemäßem Ton in „Ich hab‘ ein glühend Messer“. Die gut gestützte klangvolle Höhe auf „allerliebster Platz“ erfreut ebenso wie der Schluss von „Die zwei blauen Augen“, wenn die Stimme wie ins Nichts einzutauchen scheint.

Die letzten Tracks der ersten CD sind Mahlers Liedern auf Texte aus Des Knaben Wunderhorn gewidmet. Die in der Stimme klar werdende Rollenverteilung von Mutter und Kind (Das irdische Leben), die feine Leichtigkeit von „Wer hat das Liedlein“, die Zwielichtigkeit von „Wo die schönen Trompeten blasen“ werden ebenso gut getroffen wie die Klage mit lichtem Ausgang von „Urlicht“.

Die zweite CD beginnt mit Brahms‘ Rapsodie für Alt, Männerchor und Orchester, in der die Stimme einen hohlen Klang annimmt, in ihrer (gewollten?) Dumpfheit sich wie ein weiteres Orchesterinstrument ausnimmt. Hier kommen die Qualitäten der Prague Philharmonia unter Jiri Belohávek besonders gut zur Geltung.

In Mahlers Kindertotenlieder umspielt der hellere Orchesterklang die dunkler getönte Singstimme, hebt sich ihr Schmerzensschrei in „Wenn dein Mütterlein“ sich wirkungsvoll vom vorherigen Erzählstil ab und wird die schwebende Stimmung des darauf folgenden Lieds gut getroffen. In überirdische Gefilde führt auch hörbar der Schluss des Zyklus‘.

Die bereits erwähnten Qualitäten und Misslichkeiten (Diktion) gelten auch für die Interpretation der Frühen Lieder von Mahler, instrumentiert von Luciano Berio. Besonders der fatalistische Tonfall von „Zu Straßburg“ bleibt davon im Gedächtnis.

Interessant ist der letzte Block, der Folksongs for Voice and Orchestra von Luciano Berio enthält mit so unerschiedlichen Ausdrucksformen wie Sprachen, darunter Aserbaidschanisch, das nicht einmal Gattin Cathy Berberian zu übersetzen wusste und rein phonetisch sang. Die Stücke entzücken durch die Vielfalt in der Orchestrierung und der Interpretation, indem ein leichtes Antippen neben wildem Ausbruch der Gefühle, ein leuchtender Klang neben melancholischer Klage stehen. Da ahnt man immerhin, was die unterschiedlichenlichen Texte dem Hörer sagen wollen. Dreams, wie sich die CDs nennen, scheinen es allerdings nicht durchweg zu sein (Supraphon SU 4171-2)

Ingrid Wanja