Auf steinigen neuen Wegen

Als Rolando Villazón als 1999 frischgebackener Operalia-Gewinner (gemeinsam mit Giuseppe Filianoti und Joseph Calleja) den Nemorino in der Premiere von L’Elisir d’Amore in der Staatsoper Unter den Linden sang, entzückte er durch eine frische, dunkelgetönte Tenorstimme voller Glanz und Schmelz, wenn auch technisch noch entwicklungsfähig, mehr aber noch durch ein hingebungsvolles, charmantes  Spiel des einfältigen Bauernburschen. In kurzer Zeit avancierte er zum Star, füllte bei einem Recital die Berliner Philharmonie und begeisterte das Publikum mit einem üppigen Programm, schonungslosem Einsatz der Stimme und dem so bedingungslosen wie erfolgreichen Aufgehen in der jeweiligen Partie. Sogar außerhalb des Saals, so zeigte es die Fernsehübertragung, stand der Sänger sichtbar und hörbar unter physischer wie psychischer Dauerspannung. „Schön dass wir ihn noch einmal so hören konnten, und schade dass es nicht mehr lange gut gehen kann bei diesem unökonomischen  Einsatz“,  waren meine und meines Kollegen Meinung nach dem Konzert. Es folgten mehrere Stimmkrisen und Comebacks, so auch im Schillertheater als Nemorino in der Produktion, in der Villazón die Premiere gesungen hatte. Die Mittellage war fahl, die Höhen wurden mühsam erkämpft, das Spiel, wohl auch durch das Bemühen, Defizite zu kaschieren, verkrampft und aufgesetzt wirkend. 

Inzwischen singt Rolando Villazón zwar längst wieder, ist in seiner Rollenwahl aber vorsichtiger geworden, nachdem das dunkle Timbre der leichten Stimme zu verfehlter Rollenwahl geführt hatte, betätigt sich aber auch als Regisseur, Clown oder Moderator. Sein neuester Lieblingskomponist ist Mozart, in Baden- Baden sang er den Don Ottavio (u.a. auch an der Berliner und Wiener Staatsoper), den Ferrando konzertant und bereitet den Belmonte vor. Nach einer Verdi-CD zum Jubiläum legt er nun eine CD mit Konzert-Arien von Mozart vor. Mozart, der, wie italienische Sänger sagen, stimmliche Schwächen non perdona, dazu noch Konzertarien, in denen Villazon nicht darauf bauen kann, dass bei Hören visuelle Visionen von bekannten Rollenportraits vor dem geistigen Auge des Hörers auftreten – eine enorme Herausforderung. Allerdings gibt es auch kaum Vergleichsmöglichkeiten, denn  der Tenor hat, so das Booklet, die Tenorarien zufällig in einem Münchner Musikgeschäft entdeckt. Es sind Musikstücke vom neunjährigen wie vom reifen Mozart, komponiert als Einlagen für andere Opern wie von Hasse und Piccinni, als Konzertstücke auf die Stimmbänder berühmter Sänger geschrieben  oder aus nicht vollendeten Opern wie Lo sposo deluso stammend. Es gibt heroische, buffoneske, Wut oder Verzweiflung ausdrückende Stücke, Arien, die eine Viertelstunde, und solche, die knapp drei Minuten dauern. Geschieht es da aus Vorsicht, dass im Booklet behauptet wird, an ihre Interpretation brauche man nicht die herkömmlichen Maßstäbe an Mozartgesang anzulegen?

Die einzige Arie in deutscher Sprache steht am Schluss der CD und lässt den Sänger trotz auch deutscher Wurzeln mit starkem Akzent singen und die nicht einmal extremen Höhen nur mühsam erklimmen. Am Belmonte muss also noch schwer gearbeitet werden. Ansonsten gelingen generell die Rezitative, bei Mozart von besonderer Bedeutung, am besten. Hier wird die Stimme zum ausdrucksvoll erzählenden Instrument, so in „Or che il dover oder“ in „Misero! O sogno o son desto!“. Hier äußert sich die darstellende Fähigkeit der Stimme, hier kann sie sich in einer bequemen Mittellage bewegen, die den intaktesten Teil des Tenors bildet, auch wenn nicht mehr der jugendliche Schimmer von einst auf ihm liegt. Den silbrigen Klang, den man bei Mozart erwartet, bietet voll und ganz Antonio Pappano mit dem London Symphony Orchestra, was manchmal als Kontrast zur relativ stumpfen Stimme der Wirkung des Sängers nicht dienlich ist. Von Track zu Track wiederholt sich der Eindruck, dass die Mittellage den Intentionen des Sängers gehorcht, wenn auch nicht in idealer Rundung, sondern recht flach, die Höhen erreicht, aber oft nur angetippt werden, das Piano hauchig klingt. Die tragischen Inhalte einiger Arien werden eher kläglich als melancholisch klingend vermittelt, so in „Aura che intorno spiri“. Wird es virtuos wie in „Va‘, dal furor portata“ (Kadenz von Prégardien), dann gibt es verwischte Konturen bei den Koloraturen und den Eindruck großer Anstrengung bei der Bewältigung derselben. Etwas von der alten Freude am clownesken Spiel bricht sich Bahn in „Clarice cara mia sposa“, zu monoton bleibt der Sänger in dem ewig lang erscheinenden „Se al labbro mio non credi“ von akkurat 13.07 Minuten, die dem Hörer wegen mangelnder Variation aber viel länger erscheinen.

Rolando Villazon hat eine treue Fangemeinde, der die CD gefallen wird – in die Mozart-Rezeption wird  sie trotz dankenswerter Entdeckerfreude nicht als positiver Markstein eingehen (DG 479 1054).

Ingrid Wanja 

  1. Eleonore Brandt

    Sehr geehrte Frau Wanja – zu Ihrer Kritik fällt mir wirklich nichts mehr ein – und ich bin kein Villazon-Fan, aber ein grosser Mozart -Fan – und an dieser CD ist gar nichts, was den Hörer langweilt oder erschreckt.
    Und es ist wunderbar, dass es auch Sänger gibt die den bisher gewohnten Mozartstil anders interpretieren, als bisher gewohnt – ich glaube W. A. Mozart hätte an diesem Gesang seine wahre Freude.
    Mfg. E. Brandt

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    1. RAINER MAU

      SEHR GEEHRTER HERR BRANDT,
      WENN SIE EIN MOZARTFAN SIND, DANN EMPFEHLE ICH IHNEN DIE EINSPIELUNG DER KONZERTARIEN FÜR TENOR MIT WALDEMAR KMENTT, DER SINGT DIE ARIEN UND FORCIERT SICH NICHT DURCH DIE PARTITUREN. VIEL SPASS DABEI.

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      1. Geerd Heinsen Artikelautor

        da liegt ein irrtum vor: ist doch gar keine lobhudelei, frau wanja ist megakritisch! und kmentt wirklich lange tot, und es bringt doch niemanden weiter, wenn man nur auf das vergangene schaut – da

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  2. RAINER MAU

    BEIM ABSPIELEN DER CD HÖRTE ICH EIN MERKWÜRDIGES GERÄUSCH, DAS KONNTE LETZTLICH NUR MOZART SEIN DER IM GRAB ROTIERTE GRAUSLICH UND VOLLKOMMEN ÜBERFLÜSSIG DIESE CD.

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