Arien, Kantaten und Lieder

„Equivocal“ nennt The New Grove Dictionary of Opera Scarlattis Bedeutung für die Geschichte der Oper. Einerseits habe keiner in den letzten zwei Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts mehr dazu beigetragen, Neapels Ruf als führendes Opernzentrum zu festigen, habe kein Italiener zu dieser Zeit mehr Opernmusik von vergleichbarer Qualität komponiert und wurde keinem von seinen Zeitgenossen mehr Respekt bezeugt. Andererseits habe Alessandro Scarlatti den Lauf der Operngeschichte nicht beeinflusst. Der im Februar 1697 in Neapels Teatro San Bartolomeo uraufgeführte L‘ Emireno, overo Il consiglio dell l’ombra  (Emireno oder Der Ratschlag des Geistes) ist ein typisches Beispiel für die brave, viel dutzendfach erprobte Reihung von Ouvertüre, Arien und Duetten, wobei Alessandro Scarlatti nie den Versuch unternimmt, eine Spannung zu erzeugen, die über den musikalischen Augenblick hinausgeht. Im Juni 2012 haben Daniela Dolci und die Musica Fiorita, die seit zwanzig Jahren unter ihrer Leitung Musik der Spätrenaissance und des Barock aufführt, in Basel einige Arien und Duette aus L’Emireno aufgeführt und eingespielt, Klage-, Nachtigallen- und Eifersuchtsarien, in denen die Gefühle der Liebenden gerne in Symbole gekleidet werden. Zwischen Todesverzweiflung und vielen, vielen Klagen vollzieht sich das seelische Drama ohne nennenswerte Schwankungen, gesungen von Alice Borciani mit blassem Sopran und dem Countertenor  Alex Potter mit geschmeidig hellem und virtuosem Alt.  Interessant der Hinweis im Beiheft auf den als Soloinstrument verwendeten Zink, der zu dieser Zeit fast völlig aus dem Gebrauch verschwunden war.

donizetti aristea naxosMehr als 120 Jahre später wurde in Neapel Donizettis knapp einstündige Kantate Aristea uraufgeführt, die mir in der Aufnahme unter Franz Hauk und mit dem Simon Mayr Chorus and Ensemble auf Anhieb Freude machte – von der spritzigen Ouvertüre bis zum vielgliedrigen Quartett, das in ein Rondo-Finale mündet. Nach seinem Durchbruch mit Zoraïda di Granata 1822 in Rom war Donizetti gleich vom wendigen Domenico Barbaia, dem Impresario der königlichen Theater in Neapel, geschnappt worden und hatte Schlag auf Schlag Talentproben am Teatro Nuovo und Teatro del Fondo in Neapel abgeliefert. Sein Debüt am Teatro San Carlo war für Mitte 1823 vorgesehen. Vor seinem Operndebüt mit Alfredo il grande stand am 30. Mai die szenische Kantate zum Namenstag des Bourbonen Ferdinand I. König beider Sizilien auf dem Programm, eine Pastorale aus dem alten Griechenland. Im Mittelpunkt steht die Fürstentochter Aristea, die unter falschem Namen von dem Schäfer Erasto aufgezogen wurde. Für Donizetti stand viel auf dem Spiel. Er legte sich ins Zeug und behandelte die arkadische Nichtigkeit derart stimulierend, dass man, trotz der offenkundigen Rossiniismen, vielfach an seine späteren Werke denken muss. Auf jeden Fall ist die Huldigungskantate eine richtige Oper, die von den Ausführenden im September 2012 im Kongregationssaal in Neuburg an der Donau mit theatralischer Verve angegangen wurde, wobei im jungen Ensemble die Damen – Andrea Lauren Brown in der Titelrolle und Sara Hershkowitz als ihr Gatte Filinto – die vokalen Hürden sicherer nehmen als die Herren.

Berlioz La captive Lisa larson ChallengeDer Titel der Berlioz-Einspielung La captive der Sopranistin Lisa Larsson führt ein wenig in die Irre, denn die siebenminütige Victor Hugo-Vertonung La captive op. 12, eines der umfangreichsten Lieder von Berlioz, ist der bei weitem schmalste Part der CD  (englischsprachiges Beiheft, engl.-frz. Gesangstexte). Das Augenmerk wird und muss auf den beiden rund 20minütigen Szenen Herminie und Cléopâtre liegen. Mit Herminie, die, obgleich sie die Trojaner und die Symphonie fantastique vorwegnimmt, wenig aufrüttelnd ist, erweichte Berlioz 1828 das Herz der Akademiker und errang den zweiten Peis beim Prix de Rome. Mit der Darstellung der sterbenden Kleopatra verwischte er im folgenden Jahr vollends die Übergänge von Rezitativ und Arie und schuf eine musikdramatisch wuchtige Szene, die in der pathetisch feierlichen Anrufung „Grands Pharaons“ gipfelt. Dafür gab es keine Anerkennung. Mag einem Larssons Sopran auch etwas zu leicht und ausdrucksschwach erscheinen, so erzählt und gestaltet sie die aus dem Gerusalemme liberata-Epos stammende Episode der Prinzessin von Antiochien in Herminie hingebungsvoll, zeigt allerdings in La captive, dass ihr Sopran offenbar hier und da schon stark gelitten hat. In Cléopâtre denkt man wehmütig an Janet Baker und wünscht sich eine gewichtigere Aussage. Het Gelders Orkest aus Arnheim und Antonello Manacorda können dagegen schon eher dem Vergleich mit Colin Davis antreten.

Rolf Fath

Alessandro Scarlatti: Arien und Duette aus L’Emireno mit Alice Borciani (Sopran), Alex Potter (Countertenor); Musica Fiorita; Leitung: Daniela Dolci; Pan Classics PC 20303

Gaetano Donizetti: Aristea mit Andrea Lauren Brown (Aristea/ Cloe), Sara Hershkowitz (Filinto), Caroline Adler (Corinna), Cornel Frey (Licisco), Robert Sellier (Erasto) u.a.; Mitglieder des Chors der Bayerischen Staatsoper; Simon Mayr Chorus and Ensemble; Leitung: Franz Hauk; Naxos 8.573360

Hector Berlioz: La captive mit Lisa Larsson; Het Gelders Orkest; Leitung: Antonello Manacorda; Challenge Classics CC72639