13 Stunden Rita Streich

Rita StreichKönigin der Koloratur: Am Titel der neuen Sängerbox von Intense Media ist nicht zu rütteln (600196). Er stimmt auch in seiner Unverbindlichkeit. Die Streich war nicht die einzige Königin in diesem Fach. Sie musste sich diese Ehre mit etlichen Kolleginnen teilen. Und doch ist sie nicht eine unter vielen gewesen. Dafür war sie viel zu individuell. Je tiefer ich mich in diese Sammlung hineinhöre, umso stärker werden meine Zweifel, ob ihr so ein gefälliges majestätisches Anhängsel überhaupt gerecht wird. Und wenn schon, dann ist sie mehr die Kronprinzessin, noch weit entfernt von der Last majestätischer Würde. Ich empfinde sie als sehr natürlich, einfach, unprätentiös. Manchmal sogar etwas albern wie junge Mädchen albern sein können. Und dann wieder wie von Begeisterung überschäumend. Atemlos.

streich profil farbeDamit bleibt sie auch ihrer Zeit verhaftet. So wie sie singt und gestaltet heute niemand mehr. Das ist vorbei, das ist historisch. Selbst hat sie sich immer sehr gern an die ersten Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Berlin erinnert, nachzuhören und nachzulesen in ihrem musikalischen Selbstporträt, das beim NDR aufgenommen wurde und 1965 in gedruckter Form im Nannen-Verlag erschien. Das war wohl ihrer wichtigste Zeit. Damals gab es diesen Aufbruch in den Trümmern. Gestandene Kollegen wie Peter Anders, Willi Domgraf-Fassbaender, Margarete Klose und Erna Berger, die ihre Lehrerin wurde, nahmen das junge, frische Talent in ihre Mitte. Sie war glücklich, fühlte sich ernst genommen. Und genau so hört sich die Streich an.

Singen wirkt bei ihr überhaupt nicht anstrengend und kräftezehrend. Sie gibt Koloraturen, die nicht zum artistischen Selbstzweck werden, einen sehr menschlichen Klang. Deshalb gelingen ihr auch die leichten Stücke am besten, in denen sich die Stimme der Natur Geltung verschafft: Frühlingsstimmen-Walzer (Johann Strauß), Dorfschwalben aus Österreich (Josef Strauß), Le rossignol et rose (Camille Saint-Saëns), Die Nachtigall (Alexander Alabiev). Ob Schwalben, Lerchen oder Nachtigallen, die Streich zwitschert betörend. Diese Aufnahmen, eingespielt mit Radio-Symphonie-Orchester und dem RIAS-Symphonie-Orchester unter Kurt Gaebel, zwei Klangkörpern, die ebenfalls längst Geschichte sind, rangieren auf CD 9 etwas unter ferner liefen. Ich halte sie für das Beste, was die Sammlung zu bieten hat, zumal mit der russisch gesungenen Nachtigall von Alabiev auch ein Hinweis auf die Herkunft der Sängerin anklingt. Sie wurde 1920 in Russland geboren, wo ihr Vater als deutscher Kriegsgefangener interniert gewesen ist. Ihre Mutter war Russin. Bereits als Kind kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Eine genaue Jahreszahl bleibt uns die Streich in ihren Erinnerungen schuldig.

Streich-Rita-04

Rita Streich war sehr freigiebig mit Autogramm-Fotos wie diesem.

Operetten, auszugsweise, gibt es reichlich: Nacht in Venedig, Zigeunerbaron, Fledermaus (Johann Strauß), Boccacio (Franz von Suppé), Gasparone (Carl Millöcker), Opernball (Richard Heuberger). Partner in diesen Rundfunkproduktionen sind Rupert Glawitsch, Helmut Krebs, Franz Fehringer und Anders. Es finden sich auch weniger gängige Titel wie zwei Szenen aus Die Försterchristl von Georg Jarno, einem ungarischen Komponisten, der 1920 in Breslau gestorben ist. Diese Aufnahmen werden als Bonus mit dem Hinweis versehen, dass sie 1952 unter dem Pseudonym Gina Berger eingespielt wurden. Gina Berger? Mir war dieser Name bisher nie untergekommen. Im kurzen Einführungstext auf der Box ist zu lesen, dass sich die Streich für bestimmte Einspielungen dieses Pseudonym vom Nachnamen ihrer Lehrerin Erna Berger entliehen habe. Wirklich? In dem bereits erwähnten Selbstporträt tut sich eine andere Erklärung auf: 1949 hatte Rita Streich in Berlin den Regisseur Dieter Berger geheiratet, „so dass ich, wie meine verehrte Lehrerin, plötzlich Frau Berger hieß“. Darüber sei sie viel glücklicher gewesen „als über den ,Komfort’, den mein Mann in die Ehe brachte: Durch meine Heirat wechselte ich nämlich vom Fahrrad zum Motorrad mit Seitenwagen über“.

Meine eigene Begeisterung für die leichten Seiten ihres Repertoires, machen ihre Leistungen in der Oper, wo sie auch überzeugend sterben konnte, nicht kleiner. Violetta, Gilda, Lucia gelingen gar herzzerreißend. Vieles wird, wie damals üblich, deutsch gesungen. Und doch scheint die Streich mehr als andere Sänger frühzeitig mit dieser Praxis gebrochen zu haben. Sie wählt schon 1953 bei italienischen Werken auffallend oft die Originalsprache – und zwar als Oscar in Verdis Ballo in maschera oder also Rosina in Rossinis Barbiere. Auch die Lucia ist italienisch gesungen.

Wenngleich die Streich der unangefochtene Star der Box ist, verbreiten die Partner in den Opern- und Operettenszenen zusätzlich Glanz. Einige Namen fielen bereits. In Rigoletto sind es Rudolf Schock und Josef Metternich, im Gluckschen Orfeo die legendäre Margarete Klose, in der Szene „Lebt wohl, ihr süßen Stunden“ aus La Bohéme gar noch Elfride Trötschel als Mimi. Diese Rundfunkaufnahme, in der außerdem Fehringer als Rudolf und Dietrich Fischer-Dieskau als Marcel mitwirken, ist eine der frühesten Einspielungen mit der Streich, die die Musette gibt. Sie entstand 1949. Im Duett „Lass es, ach, lass es mich hören“ aus Don Pasquale wird Schock als Ernesto so sehr eins mit ihrer Norina, dass er zunächst gar nicht zu erkennen ist. Als ob aus beider Stimmen eine dritte wird.

Irmgard Seefried singt in dieser "Ariadne" (zuletzt bei Naxos / 747313303328) neben der Streich einen betörenden Komponisten

In einer Szene aus dieser „Ariadne“ mit Irmgard Seefried als Komponist (zuletzt bei Naxos / 747313303328) glänzt die Streich als Zerbinetta.

Editionen wir diese, die nur wenig Unbekanntes enthalten, empfinde ich dennoch als ungemein anregend. Sie bringen einen dazu, endlich wieder einmal die Gesamtaufnahmen aus dem Regal zu fischen, denen einzelne Szenen entnommen sind. Ich hatte die Ariadne auf Naxos der EMI unter Herbert von Karajan lange nicht gehört. Nun bin ich plötzlich ganz ergriffen von Irmgard Seefried als Komponist, für den eine Welt zusammenstürzt nach der Anordnung, seine Oper seria gleichzeitig mit der „niedrigen Posse“ auf die Bühne zu bringen. Seine Ariadne? „Sie gibt sich dem Tode hin – ist nicht mehr da – weggewischt – stürzt sich hinein ins Geheimnis der Verwandlung…“ Die Seefried nimmt diese Emphase mit unmerklich aufsteigendem Ton, der ein Maß an Verinnerlichung ausdrückt, das für mich heute noch – nach so langer Zeit und so vielen anderen Komponisten Land auf, Land ab, an Wunder grenzt. In diesem Moment habe ich vergessen, dass die Edition nicht ihr,  sondern der Streich gewidmet ist, die eine freche, gelegentlich etwas zu neckische Zerbinetta hinlegt, den Tücken der Partie stets gewachsen.

Ein anderes Beispiel, in dem die Streich gar hinter dem Orchester zurückstecken muss, ist ihre Arie „Schelm, halte fest!“ aus dem Freischütz, der 1954 bei den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler mitgeschnitten wurde. Die kurze Einleitung mit den dunklen Streichern, bildet einen unheimlichen Kontrast zu Ännchens fast hilflosem Versuch, gute Laune zu verbreiten. So etwas gelingt vielleicht nur live im Opernhaus, im Moment, aus der Situation heraus. Ich hatte es nicht in dieser Eindringlichkeit im Gedächtnis und bin froh, dass mich die Edition darauf bringt. Noch mehr Strauss gibt es aus der alten Rosenkavalier-Gesamtaufnahme unter Karl Böhm. Mozart war eine Bastion der Streich. Wie nicht anders zu erwarten, ist er überproportional mit Bastien und Bastienne, Zaide, Idomeneo, Entführung, Figaros Hochzeit, Cosi fan tutte, Don Giovanni, Zauberflöte – und reichlich Liedern vertreten.

Rita Streich und Ernst Kozub in "La Traviata". Als Violetta ist sie auch in der Edition zu hören

Rita Streich und Ernst Kozub in „La Traviata“ auf einer Philips-LP. Als Violetta ist sie auch in der Edition zu hören.

Die Liedersängerin kommt auch noch mit Franz Schubert (17 Titel) und Hugo Wolf (8) zu ihrem Recht. Im Vergleich mit dem, was es sonst noch gibt, ist das wenig, mit Blick auf die Verhältnismäßigkeit der inhaltlichen Zusammenstellung der Edition viel. Mit Mozart, Schubert und Wolf sind die Komponisten ausgewählt, die ihr am besten liegen. Dreizehn Stunden dauert es, bis alle CDs gehört sind. Hintereinander ist das nicht durchzuhalten. So viel Streich auf einen Haufen habe ich mir nicht zugetraut. Ich möchte ihr ja zugetan bleiben. Zur Wahrheit gehört, dass diese Sängerin immer gleich aufgelegt ist. Immer gleich gut. Überforderungen oder Schwachstellen technischer Natur dürfte auch derjenige schwerlich finden, der sie sucht. Rita Streich folgte dem inneren Triebe, nur das zu singen, was sie singen konnte. Grenzen hat sie nicht überschritten.

Rüdiger Winter