Original als Marktvorteil

 

Schon wieder kommt ein neues Doppelalbum mit Fritz Wunderlich über uns. Die ihn lieben und schätzen, werden dankbar danach greifen. Seine Gemeinde ist noch immer sehr groß. In den fünfzig Jahren nach seinem Tod dürften neue Verehrer hinzugekommen sein – und immer noch hinzukommen. Wunderlich scheint zeitlos wie kaum ein anderer. Zugleich aber bewahren seine vielen Aufnahmen den Geist der Zeit, in der er von Erfolg zu Erfolg eilte. Liegt in dieser Mischung der Grund für seine anhaltende Popularität? Wie dem auch sei. Wunderlich kann singen, was er will – Oper, Lied, Oratorium, Operette, Schlager -, er gefällt. SWR music hat sich auf Schlager aus den 50ern geworfen (SWR19029CD). Das Label kann auf das Archiv der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt im Südwesten Deutschlands zurückgreifen. Auf diese Weise gelangen historische Aufnahmen, die in der Regel nicht mehr gesendet werden, an die Öffentlichkeit zurück. Immer mehr Sender gehen diesen Weg, einige schneller, andre zögerlich, und wieder andere überhaupt noch nicht. Das lässt für die Zukunft hoffen.

Wunderlich war der so genannten leichten Muse sehr zugetan. Dort liegen seine musikalischen Wurzeln. Es scheint, als habe er dieses Genre stilistisch auch in seinen späten großen Opernpartien verankert. Die hellen, strahlende Töne, die Unverstelltheit und Aufrichtigkeit des Ausdrucks finden sich hier wie da. Wunderlich ist immer Wunderlich. „Ich habe mein Studiengeld bei der Tanzmusik verdient“, zitiert Tochter Barbara im Booklet ihren Vater aus einem Interview für den Bayerischen Rundfunk von 1963. Er habe Jazz gemacht, Trompete geblasen, Akkorden gespielt. Nach eigenem Bekunden sang Wunderlich nachts auch Jazz, während er am Morgen zum Studium gegangen sei, um sich alten Arien zu widmen. Bereits 1953 wurde er von Willi Stech ins Studio des Südwestfunks geholt. Stech leitete von 1951 bis 1970 das Kleine Unterhaltungsorchester des Südwestfunks in Freiburg. Unter seiner Leitung entstanden bis 1957 einunddreißig Titel. „Diese frühen Aufnahmen sind für mich persönlich besonders faszinierend“, schreibt Barbara Wunderlich. Die „authentischen Arrangements“ würden einen „atmosphärisch direkt in die Nierentisch- und Capri-Urlaubs-Zeiten katapultieren“. Die Stimme klinge noch so jung. Es sei aber nachvollziehbar, wie sich der spätere „Wunderlich-Klang“ entfalte, sich die Anfänger-Fehler verflüchtigten.

Wunderlich hat die Unterhaltungsmusik in der Praxis nie beiseite gelegt. Noch am 9. November 1965 nahm er den italienischen Gassenhauer Tiritomba auf – jenes Lied, mit dem die Schlagersängerin Margot Eskens zur gleichen Zeit in einer deutschen Bearbeitung die Schlagerparaden dominierte. Bis heute ist sie damit in Erinnerung geblieben. Als Single wurde der Song seinerzeit achthunderttausend Mal verkauft. Im Gegensatz zur Eskens lehnt sich Wunderlich an das italienische Original an, das er mit Rossinischen Figaro-Kantilenen verziert. Eine Schlagerproduktion in zeitlicher Nähe zur legendären Schönen Müllerin und zur noch berühmteren Zauberflöte der Deutschen Grammphon! Schwer vorstellbar, wenn da nicht die unbestechlichen Aufnahmedaten wären. So eng liegen die Dinge bei Wunderlich zusammen. Im Doppelalbum folgt auf diesen Titel die 1954 eingespielte Serenade der Nacht von Franz Grothe. Ob die Koppelung nun Zufall ist oder nicht – sie ist höchst vergnüglich und aufschlussreich. Ich neige zur frühen Einspielung. Die ist naiver und ehrlicher, gar mit einem kräftigen Schuss Erotik versehen. Wunderlich folgt dem innern Triebe, singt mit Leichtigkeit drauflos. Nicht so perfektioniert und künstlerisch kalkuliert wie in den späten Aufnahmen.

Was ist neu? Eine genaue Berechnung wird zur abendfüllenden Beschäftigung. Ich bin bei dem Versuch so gut wie gescheitert, herauszufinden, wann und wo etwas schon einmal erschienen ist. Dazu hätten auch die alten Platten herangezogen werden müssen. Nicht zuletzt erklärt sich die Flut von Wunderlich-CDs aus der schlichten Tatsache, dass immer wieder neu gemischt, zusammengestellt und bearbeitet wird. Das Lied Lass mich niemals mehr allein ist eines der insgesamt neununddreißig Nummern. Immer dann, wenn er nichts zu singen hat, begleitet sich der Tenor selbst auf der Trompete. Der Song ist ein besonders drastisches Beispiel für die Veröffentlichungspolitik. Die Aufnahme unter Leitung von Stech und begleitet von seinem Orchester, entstand nach SWR-Angaben am 3. Oktober 1955. Sie ist auch Bestandteil des neuen Albums. Kurz zuvor kam sie in der großen Edition der kompletten Studioaufnahmen heraus, die bei der Grammophon erschien und zwar auf der Polydor-CD „Wunderlich populär“ (4796438). Profil Edition Günter Hänssler gönnte sich die Übernahme in seine Sammlung Songs & Melodies (PH08078). Schließlich fehlt das Lied auch in der 50-CD-Collection von The Intense Media nicht (600271).

SWR Music kommt mit seiner Veröffentlichung zwar spät, legt aber Wert auf die Feststellung, dass auf die originalen Tapes zurückgegriffen werden konnte. Das ist schon dem Cover wie mit einem runden Stempel aufgedrückt. Gut so. Man darf mit den eigenen Pfunden wuchern. Das Original ist ein nicht zu unterschätzender Marktvorteil, den andere Labels und Firmen so vielleicht nicht gehabt haben. Das superbe Klangbild gibt den Herausgebern Recht. Um das gehörig herauszustreichen, kommen im Booklet jene Mitarbeiter zu Wort, die für das Remastering verantwortlich zeichnen: Gabriele Starke und Boris Kellenbenz. Sie stehen persönlich für ihr Produkt ein. Das macht Eindruck und sollte Nachahmung finden. Sie geben einen auch dem Laien verständlichen Einblick in ihre aufwendige Arbeit und kommen zu dem Schluss, dass die hochwertigsten technischen Geräte und Software-Tools eingesetzt würden, „um der vor vielen Jahrzehnten aufgenommenen Musik eine zeitgemäße Klanggestalt zu geben, ohne die musikalische und klangliches Substanz zu verändern“. Die Resultate sind bestechend. Es würde einen nicht wundern, käme der Sänger, der seit fünfzig Jahren tot ist, plötzlich mal eben aus dem Studio.

So frappierend dieser Gedanke ist, die rührseligen musikalischen Darbietungen von der „singenden Gitarre“, den „Narzissen aus Montreux“, dem „Walzer der Liebe“ und dem „Duft, der eine schöne Frau begleitet“ werden dadurch nicht moderner. Schnulzen bleiben Schnulzen. Auch wenn sie akustisch so aufgemöbelt werden wie hier. Ja, es beschleicht mich sogar das Gefühl, dass Schlager in dieser technisch perfekten Verpackung noch altbackener wirken. Als sei das Verfallsdatum drastisch zurückgesetzt worden. Damit soll nicht die hervorragende Arbeit der Techniker kritisiert oder gar in Zweifel gezogen werden. Die Frage ist, wie weit sollte Remastering gehen. Wann hört ein Original auf, Original zu sein? Rüdiger Winter