Zwiespältiger Held

Der Countertenor Bejun Mehta gehört seit einigen Jahren zu den bevorzugten Interpreten von René Jacobs; ihm übertrug der Dirigent auch die Titelrolle in seiner Neueinspielung von Händels Orlando, die im Sommer des vergangenen Jahres im Concertgebouw von Brügge entstand. Die für Senesino komponierte Partie fordert vom Interpreten die Bewältigung elegischer, kantabler und heldischer Passagen sowie den existentiellen Ausdruck für eine ausgedehnte, gänzlich unkonventionelle Wahnsinnsszene. Mehta wird vor allem dem ersten Aspekt gerecht, wie Orlandos Auftrittskavatine „Stimolato dalla gloria“ beweist. Allerdings besitzt sein Vortrag fast durchgängig einen larmoyanten Beiklang. Und mir scheint, dass der Counter in dieser Aufnahme noch manierierter singt als erinnert, wie es in der gesäuselten zweiten Arie, „Non fu già men forte Alcide“, zu hören ist. Offenbar will der Sänger schon hier Orlandos pathologisches Naturell anzeigen. Das heroische „Fammi combattere“ am Ende des ersten Aktes, das Jacobs mit straffen Akzenten einleitet, entbehrt zwar nicht der Virtuosität in den Koloraturläufen, aber doch des maskulin-energischen Nachdrucks. Zudem sind bei den exponierten Noten gravierende Probleme hörbar, wie man sie bei diesem Sänger schon seit einiger Zeit bemerkt. Im zweiten Akt nimmt Mehtas Stimme in den Rezitativen zunehmend einen lallenden Tonfall an. Die Arie „Cielo! Se tu  il consenti“ ist in ihrem aufgewühlten Duktus einer seiner überzeugendsten Beiträge – trotz der Probleme in der Höhe auch hier. Der Schluss des 2. Aktes gehört ganz dem Titelhelden mit der im Tonfall hektisch-zerrissenen Kavatine „Già latra Cerbero“ und der träumerisch-entrückten Arie „Vaghe pupille“, in der er mit vielfältigen Farben und differenzierter Dynamik den Wahnsinn des Helden plastisch verdeutlicht. Auch das trancehafte „Già lo stringo“ und das visionäre „Già l’ebbro mio ciglio“ im 3. Akt gehören in diese Kategorie.

Das Hohe Paar in dieser Oper sind Angelica, Königin von Cathay, und ihr Geliebter, der afrikanische Prinz Medoro. Erstere singt Sophie Karthäuser solide, doch mit etwas anonymem und in der exponierten Lage engem, forciertem Sopran. Gut gelingen ihr die Arie im zweiten Akt, „Non potrà dirmi ingrata“, mit entschlossen beherzter Koloratur und energischen Spitzentönen sowie die ausgedehnte, mit großer Intensität vorgetragene Arie „Verdi piante“. Kristina Hamarström verleiht der Hosenrolle des Medoro interessantes Profil mit individuell timbriertem, warmem Mezzo. Die ernste, getragene Arie „Se `l cor mai ti dirà“ stellt die pastose, in der Tiefe profunde, auch in der Höhe souveräne Stimme sogleich ins beste Licht. Das berühmte „Verdi allori“ im zweiten Akt singt sie mit schlichter Größe und berührt damit ungemein. Ihre flexible Stimmführung zeigt sie bei „Vorrei  poterti amor“ im letzten Akt.

Der Schäferin Dorinda gibt Sunhae Im – auch sie eine feste Größe in den Sängerensembles von Jacobs – mit schmalem, in der Höhe unruhigem Sopran, der seinen Soubrettencharakter nicht verleugnen kann. Am besten gelingen ihr die koketten Nummern wie „O care parolette“ gegen Ende des ersten oder

„ Amor è qual vento“ in der Mitte des dritten Aktes, doch kann die Stimme ihren spitzen Tonfall auch hier nicht ablegen. Den zweiten Akt leitet Dorinda mit zwei Soli ein – der wiegenden Kavatine „Quando spieghi“, in der Im mit lieblichem Klang gefällt, und der Arie „Se mi rivolgo“, in der ein schmerzlich-expressiver Ausdruck zu bemerken ist.

Den Zauberer Zaroastro singt Konstantin Wolff mit unausgeglichenem Bass – zwischen kernigem und dumpfem Klang. Zupackend artikuliert er seine erste, auftrumpfende Arie, „Lascia Amor“, lässt allerdings knappe hohe Noten hören. Ohne Tadel gelingt ihm „Sorge infausta“ im 3. Akt.

René Jacobs leitet das 2005 gegründete Orchester, das 2012 im Théâtre de la Monnaie Brüssel auch bei einer von Pierre Audi verantworteten szenischen Produktion von Händels 1733 uraufgeführter Oper mitgewirkt hatte. Mit gewichtigem, gravitätischem Duktus formt er die Ouverture, fesselt den Hörer vom ersten Ton an und entlässt ihn bis zum finalen Coro nicht aus seinem Bann. Im  2. und 3. Akt setzt er effektvolle Bühnengeräusche mit Windmaschine und Percussion ein, die eine sehr theatralische Stimmung bewirken. Mehrere Sinfonie lassen die hohe spielerische Kultur des belgischen Ensembles hören.

Bernd Hoppe

 

Georg Friedrich Händel: Orlando (Mehta, Karthäuser, Hammarström, Im, Wolff; B`Rock Orchestra Ghent, René Jacobs) DG ARCHIV PRODUKTION 479 2199