Zum Sterben schön

Diese Aufnahme von Pelléas et Mélisande macht süchtig. Von ersten dunkelmächtigen, verzauberten Akkorden an zieht sie in ihren Bann. Voller Poesie und Geheimnis. Désiré-Émile Inghelbrecht (1880-1965; auf der CD fälschlicherweise ohne ‚h’ geschrieben) steht hier im Juni 1951 am Pult des Philharmonia Orchestra. Inghelbrecht, der mit Debussy befreundet war, kennt das Werk seit der Uraufführung, hat die Partitur (und andere Werke) noch mit dem Komponisten selbst studiert und dann kontinuierlich aufgeführt. Allein im Archiv von Radio France sind sieben vollständige Pelléas-Aufnahmen vorhanden (erst zwei davon, eine von 1952 und eine von 1963, wurden veröffentlicht). Inghelbrechts Karriere ist eng verbunden mit der Debussy-Rezeption der ersten zwei Drittel des 20. Jahrhunderts. Seine Laufbahn ermöglichte ihm dies mit Chefpositionen beim Théâtre des Arts, dem Théâtre des Champs-Elysées, der Opéra-Comique und vor allem von 1934 an als Leiter des von ihm gegründeten Orchestre National de la Radiodiffusion Française (dem späteren ORTF), dem er mit kurzer Unterbrechung bis 1958 vorstand und dort maßgeblich das französische Rundfunkmusik-Repertoire mit prägte.

Désirée-Emile Inghelbrecht/Foto Gross

Désiré-Emile Inghelbrecht/Foto Gross

Der Pelléas-Mitschnitt der BBC einer Studioproduktion (wohl vor Publikum, wie gelegentlich zu hören ist) vom 1. Juni 1951, der auf 3 CDs bei Testament (SBT3 1484) erschienen ist, ist ein bemerkenswertes Zeugnis von Inghelbrechts Verständnis dieser Oper. 1941 bei der legendären ersten Studioproduktion im besetzen Paris (unter Roger Désormière und mit Irène Joachim und Jacques Jansen) übergangen, ist diese Londoner Produktion vielleicht Inghelbrechts wichtigste; galt er doch seit den 1920er Jahren als der Pelléas-Experte schlechthin. Zwei hervorragende Texte im Beiheft informieren über die Zusammenhänge und die Hintergründe der Aufnahme, die ursprünglich Ernest Anserment mit dem BBC Symphony Orchestra dirigieren sollte.

Inghelbrecht breitet die Partitur in einem rhythmisch akzentuierten, musikalisch-erzählenden Fluss aus, der ebenso sehr poetische Kraft hat, wie er das Drama greifbar werden lässt. Es gibt keinen Leerlauf in diesen zweidreiviertel Stunden der ungekürzten Partitur (inklusive der Yniold-Szene mit dem Schäfer), alles ist leidenschaftlich aufgeladen und voller geheimnisvoller Atmosphäre. Debussys farbreich instrumentierte Harmonien erblühen hier als schildernde, illustrierende oder das Innenleben der Figuren zeichnende Lebenschiffren. Ein poème en musique, das sich von den Äußerlichkeiten (wie Exotismus, Folklore etc.) der akademischen Spätromantik Frankreichs verabschiedet. Inghelbrecht spricht eine deutliche musikalische Sprache, zwar elastisch in der Gestaltung, doch mit klaren Konturen und das Werk in die postwagnersche Neubesinnung des Musiktheaters um 1900 einordnend. Kaum jemand hat das so deutlich gemacht wie hier Inghelbrecht im Zwischenspiel zum zweiten Bild (CD 1, Track 2) mit dem extrem deutlich herausgearbeiteten Parsifal-Zitat, das harmonisch und rhythmisch quasi zum Urkern der Musiksprache des Pelléas wird.

Zudem hat Inghelbrechts Interpretation eine ungeheure Sprachnähe der Musik (auch hier ist das Wagner-Vorbild Ausgangspunkt), was nur möglich ist, da die ausgezeichneten Sänger hier mit einer clarté artikulieren, wie sie der französische Stil einmal kannte. Sie lassen rein akustisch – und hier sei der überstrapazierte Ausdruck einmal erlaubt – psychologische  Charakterbilder entstehen, lebendig und vielschichtig. Eine fast vergessene Kultur der exactitude in der darstellerisch-vokalen Darbietung.

51uC-q+azDLSuzanne Danco, zum Zeitpunkt der Aufnahme 40 Jahre alt, ist eine bezaubernde Mélisande, kein Feenwesen, sondern ganz sehnsuchtsvolle, begehrenswerte Frau, vielleicht noch etwas vitaler als in ihrer zeitnah entstandenen Ansermet-Aufnahme für die Decca. Camille Maurane ist ein idealer Pelléas, von großer Eleganz der Tongebung geprägt, aufmerksam und Impulse gebend im Zusammenspiel mit den anderen und von eindringlicher Emotionalität  in den Schilderungen, mit einer über das ganze Werk hin ausgebreiteten Steigerung hin ins Morbide und Düstere (er nimmt diese Partie übrigens 1964 noch einmal mit Ansermet auf). Henri-Bertrand Etcheverrys Golaud (den er bereits in der Pariser Einspielung von 1941 aufgenommen hatte) ist ein mit mächtigem Bariton Leidender, mit absoluter Kontrolle seiner Tonproduktion, Schroffheit und Gewalt als Mittel des Ausdrucks nicht scheuend. Er ist Vertreter jener obscurité, von der er im zweiten Akt in der Konfrontation mit Mélisande selbst singt. Seine exemplarische Interpretation ist im Vergleich zur 1941er-Aufnahme konsequenter, eindringlicher, bedrückender geworden. Arkel wird vom ausgezeichneten André Vessières gesungen, einem lyrischen Bass der französischen Schule mit exzellenter Diktion und einer enormen Palette an couleurs. Die Geneviève ist Oda Slabodskaya, eine Sopranistin der St. Petersburger Schule, die seit den 1930er Jahren am Royal Opera House Covent Garden auftrat und mit ihrem dunkel timbrierten Sopran regelmäßig für die BBC sang.

Die klangliche Aufbereitung der Edition (die es bereits in außerordentlich luxuriöser Ausstattung und Klangqualität bei der legendären Firma Disques Montaigne mit vielen schönen Fotos in den Neunzigern gab) ist behutsam gemacht, mit großem dynamischem Spektrum und einer vorsichtigen Reduktion von Störgeräuschen. Ein Grundrauschen, an das man sich schnell gewöhnt, muss man freilich in Kauf nehmen, um eine der spannendsten, intensivsten Pelléas et Mélisande-Aufnahmen erleben zu können.

Moritz Schön