Würdevoll

 

Wir wissen nicht, nach welchen Kriterien die Festspiele Rossini in Wildbad ihre Aufnahmen mal als DVD, mal nur als CD herausbringen. Die diesjährige L’ occasione fa il ladro wird beispielsweise als DVD aufgenommen, während rechtzeitig zum Festspielauftakt bei Naxos Adelaide di Borgogna (2 CD 8.660401-02) auf CD erschien. Was heißt nur? Wenn ich mich richtig erinnere, bot Antonio Petris‘ Inszenierung von 2014 recht allgemeine Bilder eines modisch gefällig in die Gegenwart übertragenen Mittelalters. Deshalb alles gut.

Die CD vermittelt einen sehr unmittelbaren Eindruck von der Aufführung, wirkt mit Bühnengeräuschen, Applaus und dem direkten, oftmals unausgeglichen Klang des Camerata Bach Chors aus Posen wie ein selbstgemachter Mitschnitt, zeigt Vorzüge und Nachteile des Festivals in der Kleinstadt im Nordschwarzwald, das allen Unkenrufen zum Trotz im kommenden Jahr sein 30jähries Jubiläum feiert.

Die deutsche Erstaufführung der 1817 in Rom uraufgeführten Adelaide di Borgogna konzentriert sich ganz auf die beiden Hauptgestalten, den römisch-deutschen Kaiser Otto I. und seine ihn um ein Vierteljahrhundert überlebende Gattin Adelheid von Burgund. Als Otto hinterlässt Margerita Gritskova auch auf der CD einen guten Eindruck. Die königliche Autorität hat sie in den Rezitativen verinnerlicht, die so solide gemeißelt sind wie die Faltenwürfe der im Meißner Dom befindlichen Figuren des Kaisers und seiner Gattin. Die gelegentliche Schärfe ist nicht störend, der Klang dagegen ist manchmal etwas unkonzentriert, plusterig und opak, das Timbre mag nicht wirklich edel scheinen. Live ist das nicht so störend. Immerhin hat die russische Mezzosopranistin seit 2014 eine ordentliche Reihe von Auftritten als Carmen, Charlotte, Idamante, Sesto und Cherubino in Wien und an anderen bedeutenden Bühnen absolviert. Die ebenfalls in St. Petersburg ausgebildete Ekaterina Sadovnikova, deren Adelaide in den ersten Einwürfen der Introduzione etwas zickig wirkt, singt ihre Cavatina melancholisch umflort und mit schöner Linie, ihre Verzierungen bleiben vorsichtig, aber geschmackvoll, und in den Duetten mit der klangstarken Gritskova ist sie sozusagen die demutsvolle Gattin; auch die Karriere der Sadovnikova verlief mit Auftritten an zentralen italienischen Bühnen als Gilda, Violetta und Pamina recht zufriedenstellend. Die weiteren Figuren des Seria-Geschehens sind wenig entwickelt und entsprechend wenig bedeutend besetzt, darunter Miriam Zubieta mit nadeldünnem und spitzem Sopran als Eurice, der kasachische Bass Baurzhan Anderzhanov als würdevoller Berengario und der lichte, fast charaktertenorale rumänische Tenor Gheorghe Vlad als Adelberto. Luciano Acocella lässt den Sängern stets den Vortritt und betont – jenseits der leeren Rezitative und schablonenhaften Passagen – beispielsweise in den beiden üppigen, dennoch würdevoll verhaltenen Duetten Ottone/ Adelaide im ersten oder im Quartett des zweiten Aktes den ernsten Ton und die selbstgenügsame Belcantokunst der kleinen Schwester des Tancredi. Es spielen die Virtuosi Brunensis. Rolf Fath