Wagner mit englischer Noblesse

 

Englische Knabenchöre gelten nicht wenigen als die weltbesten. Die neueste Eigenproduktion des Hallé Orchestra aus Manchester (CD HLD 7539) liefert einen weiteren ohrenfälligen Beweis dafür. „Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!“ Wann hat man den Schlusschor des Bühnenweihfestspiels Parsifal je ergreifender gehört? Die Reinheit der Knabenstimmen hat hier in zweifacher Weise etwas wahrlich Englisches an sich. Aufnahmen der letzten Wagner-Oper von der Insel hatten schon früher das gewisse Etwas. Unnachahmlich der legendäre Sir Reginald Goodall, der die getragensten Interpretationen vorlegte: 285 Minuten 1984 im Studio (EMI), 283 Minuten 1971 live (ROH). Der „Parsifal-Papst“ Knappertsbusch spielt rein temporal, entgegen dem Klischee, nur im oberen Mittelfeld mit. Hier ist auch diese neue, am 25. August 2013 bei den BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall entstandene Einspielung unter Sir Mark Elder anzusiedeln: 258 Minuten. Nicht eben die schlechtesten Voraussetzungen also für eine gelungene Darbietung. Elder, seit 2000 Chefdirigent des berühmten Hallé, des ältesten Orchesters von England, hat sich in den letzten Jahren beinahe unmerklich zu einem der größten lebenden Wagner-Dirigenten emporgearbeitet. Ließen bereits seine Aufnahmen von Walküre und Götterdämmerung aufhorchen (beide ebenfalls auf dem Hallé-Eigenlabel erschienen), legte er kürzlich als Einspringer für Andris Nelsons die womöglich beste moderne Einspielung des Lohengrin vor (RCO).

Englische Noblesse ist etwas, was man seinem Wagner durchaus nachsagen könnte. Zuweilen sehr auszelebriert, doch stets stimmig seine Tempowahl. Schon das Vorspiel zum ersten Aufzug nimmt er breit (14 Minuten). Zusammen mit den drei eingesetzten, tadellosen Chören – Royal Opera Chorus, Hallé Youth Choir und Trinity Boys Choir – darf die orchestrale Pracht, die Sir Mark zuweilen entfacht, als der absolute Höhepunkt dieser Neuaufnahme bezeichnet werden. Ungemein detailliert und feierlich lässt er die Apotheose ganz am Ende ausmusizieren. Die Streicher, die hier oft untergehen, habe ich noch nie derart präsent vernommen. Ganz große Klasse!

Und wie sieht es sängerisch aus? Auch wenn der Parsifal gewissermaßen die symphonischste aller Opern von Wagner ist, kann keine derselben ohne eine adäquate Sängerbesetzung bestehen. Soviel darf vorausgeschickt werden: Es gibt keine Ausfälle. Fangen wir vielleicht untypisch mit dem Amfortas an: Detlef Roth bringt gut das Gequälte dieser leidenden Figur herüber und braucht keine Vergleiche zu scheuen, auch wenn es noch expressivere Rolleninterpreten gab (denke man nur an Dietrich Fischer-Dieskau). Lars Cleveman in der Titelrolle ist mehr der naive Jüngling denn der gereifte Mann. Mit seiner geschmeidigen Stimmfarbe ist er mehr in der Tradition eines Wolfgang Windgassen als in jener von Jon Vickers, was beim Parsifal kein Schaden sein muss, auch wenn ich persönlich an großer Fan von Vickers bin. Als ich auf dem Cover las, dass Sir John Tomlinson den Gurnemanz singt, war ich hin- und hergerissen. Tomlinson, zum Zeitpunkt der Aufnahme siebenundsechzig, war vor einem Vierteljahrhundert ein großartiger Wotan in Bayreuth und noch vor einigen Jahren ein sehr beachtlicher Hagen in Hamburg. Rein stimmlich sind mittlerweile Abstriche zu machen; besonders die Höhe muss er sich zuweilen doch unüberhörbar erkämpfen. Allerdings, und das sei betont, fasziniert mich sein machtvolles Timbre auch heute noch. Als alter, am Ende greiser Gralsritter passt die nicht mehr völlig intakte Stimmkapazität auf ihre Art sogar sehr gut. Fabelhaft Katarina Dalayman, längst bewährt im Wagner-Fach, als Kundry. Ihre Darstellung ist dramatisch, intensiv und empfindsam. Tom Fux gibt einen gebieterischen Klingsor, dessen Dämonie fühlbar wird. Die Blumenmädchen sind klar voneinander unterscheidbar und machen den zweiten Aufzug zu einem der Höhepunkte. Reinhard Hagens noch erstaunlich vitaler Titurel beschließt die Reihe der wichtigsten Protagonisten.

Fazit: Herausragendes Dirigat und exzeptionelle Chöre, gute bis sehr gute Sänger und zudem eine glasklare und sehr gut ausbalancierte Tonqualität machen diesen Parsifal für mich zu einer der überzeugendsten Wagner-Aufnahmen aus diesem Jahrtausend. Man darf hoffen, dass Sir Mark Elder seinen Streifzug durch Wagners Opernschaffen weiterhin auf diesem hohen Niveau fortsetzen wird. Daniel Hauser