Wagner aus dem Concertgebouw

 

Ein Mangel an überzeugenden Einspielungen von Wagners Lohengrin, der deutschen hochromantischen Oper per se, besteht mitnichten. Den Klassiker spielte bereits vor fünfundfünfzig Jahren Rudolf Kempe maßstäblich mit den Wiener Philharmonikern ein (EMI). Daneben gibt es bedeutende Aufnahmen u. a. von Joseph Keilberth bzw. Hans Knappertsbusch (Bayreuth live/ Teldec/ Decca), Wolfgang Sawallisch (Philips), Erich Leinsdorf (RCA), Rafael Kubelik (DG) und Herbert von Karajan (EMI) oder Ferenc Fricsay (DG). In jüngerer Zeit wären zu nennen Semjon Bytschkow (Profil/Hänssler) und Marek Janowski (PentaTone). Mit letzterer Aufnahme hat die neueste Veröffentlichung von Royal Concertgebouw Orchestra live (RCO 17002) den Sänger des Titelhelden gemein. Weder handelt es sich dabei um eine Studioeinspielung noch um eine Bühnenproduktion mit allen damit verbundenen Nebengeräuschen; tontechnisch ist diese halbszenische, an zwei Tagen (18. und 20. Dezember 2015) im Concertgebouw mitgeschnittene Aufführung näher an einer Studioaufnahme und besticht durch tadellosen Klang.

Eigentlich sollte Andris Nelsons, der hoch gehandelte Jungstar, die musikalische Leitung übernehmen, wie schon zuvor beim bereits erschienenen, mit eher gemischten Reaktionen bedachten Fliegenden Holländer, ebenfalls aus dem Amsterdamer Concertgebow. Bei diesem ist besonders die musikalische Leitung gelungen, sehr detailliert, die Nebenstimmen hervorhebend; auch langsamer als bei den meisten, gleichsam auf Otto Klemperers Spuren (EMI und noch besser Testament), wenn auch nicht ganz so schwarz und pessimistisch (Klemperer verzichtete auf das Erlösungsfinale). Allein, aus gesundheitlichen Gründen musste der Lette diesmal absagen. An seiner Statt sprang der Engländer Mark Elder, seit bald zwei Jahrzehnten Chefdirigent des Hallé Orchestra, ein, der bereits mehrere Wagner-CDs vorlegte: Ouvertüren und Vorspiele, Die Walküre und Götterdämmerung (alles auf dem Hallé-Label).

Es darf bereits an dieser Stelle betont werden, dass er sich als ein dermaßen geglückter Einspringer entpuppt, dass man Nelsons trotz all seiner Meriten gar nicht vermisst. Schon im betörenden Vorspiel zum ersten Akt, das Thomas Mann treffend als „Gipfel der Romantik“ bezeichnete, wird deutlich, dass Elder eine getragene Interpretation anschlägt. Sage und schreibe zehn Minuten lässt er sich Zeit, badet geradezu im Wohlklang, betont das Überweltliche, kongenial unterstützt durch das glänzend aufgelegte Königliche Concertgebouw-Orchester, das hier wieder einmal seine Weltklassequalitäten unter Beweis stellt. Interessanterweise hat Elder in allen drei Aufzügen beinahe auf die Sekunde genau exakt dieselben Spielzeiten (knapp 63 Minuten – über 84 Minuten – knapp 62 Minuten) wie weiland Hans Knappertsbusch, dessen erst kürzlich bei Orfeo aufgelegte Interpretation (ein inoffizieller Mitschnitt des stellvertretenden Intendanten der Bayerischen Staatsoper Herbert List) freilich klanglich nicht im Entferntesten mithalten kann. Und doch zeigen sich auch die Grenzen derartiger Gemeinsamkeiten, ist Knappertsbusch im Vorspiel doch geschlagene drei Minuten flotter, schneller gar als Kempe und Janowski (beide achteinhalb Minuten). Tatsächlich punktet diese Neueinspielung besonders orchestral. Die Aktschlüsse habe ich selten derart monumental vernommen.

Unterstützt wird dieser Eindruck durch die exzellenten Darbietungen des Niederländischen Rundfunkchors (Chorleitung: Daniel Reuss) und des Chors der Niederländischen Nationaloper (Chorleitung: Ching-Lien Wu). Hier kann die Elder-Aufnahme auch mit den besten Alternativen aus der Vergangenheit problemlos mithalten, ja sogar den Anspruch erheben, die moderne Referenz zu sein. Diesem Tatbestand zu Gute kommt freilich die Konzeption dieser Oper, die gleichsam als Musterbeispiel gelten kann für das gleichberechtigte Nebeneinander zwischen Sängern und Orchester. Dabei vermeidet es Sir Mark tunlichst, erstere unter den Klangmassen zuzudecken, eine Gefahr, die bei eigentlich allen späteren Wagner-Opern latent vorhanden ist. Klaus Florian Vogt hat sich in gewisser Weise alsder“ heutige Lohengrin-Sänger etabliert. Davon künden neben einem Opern-Recital von 2012 (Sony) mindestens drei weitere Gesamtaufnahmen: Eben die bereits erwähnte unter Janowski, zudem zwei auch filmisch verewigte unter Kent Nagano aus Baden-Baden von 2006 (Opus Arte) sowie unter Andris Nelsons (es gibt bereits diese Kombination) aus Bayreuth von 2011 (ebenfalls Opus Arte). Vogt ist also über einen Zeitraum von beinahe einem Jahrzehnt in dieser Rolle bestens dokumentiert. Wie man zu seinem Rollenporträt steht, bleibt letztlich eine Glaubensfrage. Zu keiner anderen Wagner-Rolle passt sein knäblicher Tonfall besser. Freilich mangelt es ihm in der Gralserzählung und im Finale, anders als einst dem unübertrefflichen Iwan Koslowski, doch am heldischen Fundament, das die Glaubwürdigkeit der Figur unterstreicht. Diese Grundproblematik bleibt auch bei seiner jüngsten Interpretation bestehen, wiewohl zu konstatieren ist, dass Vogts Rollendurchdringung mittlerweile sicherlich an Überzeugungskraft gewonnen hat und mich von allen seinen Versionen bisher am meisten überzeugt, betont er doch Nuancen, über die er früher hinwegsang. Hier macht sich wiederum die grandiose, bald subtile, bald zupackende Begleitung durch Elder bemerkbar. (Am Ende singt Vogt übrigens politisch korrekt „Schützer“ statt „Führer“.)

Als sein weibliches Pendant fungiert die Finnin Camilla Nylund, mittlerweile ebenfalls eine der erfahrensten heutigen Interpretinnen der Elsa von Brabant, so bereits auf CD dokumentiert mit „Einsam in trüben Tagen“ unter Hannu Lintu (Ondine) und komplett unter Bertrand de Billy (Oehms). Zwar hält sie den Vergleich mit Elisabeth Grümmer nicht stand (wer schon?), doch dürfte sie aktuell in der obersten Liga der Rollenvertreterinnen spielen. Ähnlich verhält es sich mit ihrer „bösen“ Gegenspielerin Ortrud, blendend interpretiert von Katarina Dalayman aus Schweden. Ihr dunkler, dramatischer Sopran stellt das ideale Gegenbild zur „unschuldigen“ Elsa dar. Bei den übrigen Rollen sticht insbesondere Jewgeni Nikitin als Friedrich von Telramund positiv heraus, den er glaubwürdig als durch sein Eheweib manipulierten verlängerten Arm gibt.

Eher enttäuschend der König Heinrich von Falk Struckmann, der hörbar mit Höhenproblemen zu kämpfen hat und auch sonst grenzwertig klingt, dies aber durch eine klare Artikulation zumindest teilweise ausgleichen kann. Dies soll der legendäre erste deutsche König sein, der die Ungarn niederwarf? An Frick, Greindl oder Ridderbusch sollte man besser nicht denken. Rollendeckend Samuel Youn in der Nebenrolle des Heerrufers. Summa summarum also eine fabelhafte musikalische Leistung, herausragende Chöre und eine passable bis sehr gute Sängerbesetzung. Dies alles macht die neue Einspielung aus Amsterdam zu einer wirklichen Bereicherung in der nicht eben kleinen Diskographie des Lohengrin. Die Krone geht an Mark Elder, der neuerlich seine Befähigungen als ernstzunehmender Wagner-Dirigent beweist. Daniel Hauser

Der fliegende Holländer (RCO 14004) unter Andris Nelsons ist schon seit einiger Zeit auf dem Markt. Er wurde im Mai 2013 – wie Lohengrin auch an zwei Abenden – im Concertgebow live mitgeschnitten. Terje Stensvold, damals bereits siebzig, singt die Titelrolle. In seinem Heimatland hoch geschätzt, trat er seine internationale Karriere, die ihn nach London, Mailand und nach Wien führte, erst sehr spät an. Im Booklet wird seine warme, ausdrucksvolle und kräftige Stimme gerühmt. Eine Wertung, welcher der Sänger nicht durchweg entsprechen kann. Anja Kampe, inzwischen im hochdramatischen Repertoire angekommen, bleibt als Senta bemüht und unbestimmt. Gelegentlich klingt sie unstet. Töne wackeln. In der großen Szene mit dem Holländer, in der auch Stensvold an Grenzen kommt, werden die Längen spürbar. Eine vorzügliche Diktion hat der Daland von Kwangchul Youn zu bieten. Mit der Rolle des Erik tut sich Christopher Ventris schwer. Und Jane Henschel als Mary? „Ich spenne fort“, verkündet sie entschlossen. Vom Timbre her passt der junge amerikanische Tenor Russel Thomas als Steuermann gut. Er hätte aber deutlicher singen müssen. Der eigentliche Star dieser Produktion ist der Chor, den es in dieser Zusammenstellung im Wirklichkeit gar nicht gibt. Beteiligt sind nämlich gleich drei deutschsprachige Chöre, die Chöre des Bayerischen, des Norddeutschen und des Westdeutschen Rundfunks. Das ist luxuriös. Nelsons führt sie – unterstützt von den jeweiligen Chormeistern – perfekt zusammen, ohne dass ein überwältigender Eindruck, wie es dieser Luxus erwarten ließe, erreicht wird. Es fehlt die Bewegung, die Dynamik, der Schwung, die wohl nur auf der Bühne zu erzielen gewesen wären. Der Chor agiert wie ein Konzertchor. Ein Eindruck, der sich auf die ganze Veranstaltung überträgt. Was live beim Publikum gewiss Eindruck gemacht haben dürfte, hat sich nicht stark und ausreichend genug auf den zusammengeschnittenen Mitschnitt übertragen. Rüdiger Winter

Das Foto oben entnahmen wir der website des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden und deren trailer.