Von der Insel

 

Der deutsche Dirigent Wilhelm Keitel gründete nach vielfältigen Aktivitäten in internationalen Opernhäusern 1992 das Rossini Opera Festival Rügen auf der Ostsee-Insel, das seinen Schwerpunkt auf die Opern des Schwans von Pesaro setzte. Daraus entstand dann das Putbus Festival unter Mitwirkung des Putbus Festival Orchestra und des Putbus Festival Chorus. Beide Klangkörper wirken auch in der Produktion von Rossinis letztem Opernwerk, dem Melodramma tragico Guglielmo Tell, mit, das von Arte Nova 1996 auf drei CDs im Rahmen der PUTBUS EDITION veröffentlicht wurde (74321 49704 2). Die Ausgabe (in italienischer Sprache) muss sich mit mehreren hochkarätig besetzten Einspielungen messen, dürfte aber vor allem für jene Besucher, die damals das Ereignis live erlebt haben, ein habenswertes Erinnerungsstück sein.

Der spanische Bariton Ismael Pons Tena, der vor allem in Barcelona und Madrid erfolgreich aufgetreten ist, debütierte beim Festival in der Titelrolle. Er bietet eine solide Interpretation mit dunkler, markanter Stimme. Das Solo im 3. Akt, „Resta immobile“, gelingt ihm eindrücklich mit verhaltenem Beginn und großer Steigerung.

Die fordernde Partie des Arnoldo nimmt der argentinische Tenor Daniel Muñoz wahr – auch er im Debüt beim Putbus Festival. Die Stimme besitzt heroischen Charakter mit Otello-Potential, ist zupackend, in der exponierten Höhe allerdings gequält im Klang und in den Szenen mit Matilde nicht genügend schwärmerisch. Seine berühmte Arie zu Beginn des 4. Aktes, „O muto asil del pianto“, ist ein Prüfstein für jeden heldischen Belcanto-Tenor. Muñoz kann im Rezitativ „Non mi lasciare“ mit autoritärem Ausdruck noch Eindruck machen, stößt aber schon in der Arie mit forcierter Höhe an Grenzen und scheitert schließlich an der Cabaletta„Corriam, voliam“.

Gioachino Rossini/OBA

Schließlich ist die brasilianische Sopranistin Monica Martins als Matilde eine Debütantin auf der Insel. Ihre große Szene zu Beginn des 2. Aktes, „Selva opaca“, gestaltet sie mit empfindsamem Ausdruck und schöner Linie. Im forte gibt es mitunter herbe Töne, aber ihr Vortrag besitzt Emphase, so auch im Duett mit Arnoldo im 2. oder in der mit Koloraturläufen gespickten Szene im 3. Akt.

Mit seinem Bassbariton von dumpfem, kehligem Klang hinterlässt Dimitri Kapilov als Melchthal keinen vorteilhaften Eindruck. Der Bassist Ezio Maria Tisi als Gessler hat ein ähnliches Timbre, das aber angenehmer, weil weniger guttural wirkt. Aufhorchen lässt der italienische Tenor Patrizio Saudelli in der kleinen, aber anspruchsvollen Partie des Pescatore.

Wilhelm Keitel gelingt in der Ouverture ein atmosphärischer Aufbau vom elegischen Beginn der tiefen Streicher über das dramatisch aufgewühlte fortissimo des gesamten Orchesters bis zur mitreißenden stretta, die das Stück zum Hit in Wunschkonzertprogrammen werden ließ. Das Finale des 1. Aktes formt er zu einer dramatisch packenden Szene, das des 2. zu einem kantabel ausschwingenden Ensemble. Spannend gestaltet ist die Tempesta im 4. Akt und das Finale erfüllt vom Jubel über den glücklichen Ausgang der Handlung.

 

Im Sommer 1994 gründete Wilhelm Keitel das MINSK ORCHESTRA, mit dem er bei dem von ihm etablierten Festival CANTO BAYREUTH 2003 in der Richard-Wagner-Stadt Rossinis Melodramma tragico Tancredi aufführte. Auch dieses Dokument findet sich bei Arte Nova auf drei CDs (4 020796 414542). Es bezieht seinen besonderen Reiz aus der Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Werkes von 1813 – der aus Venedig mit dem lieto fine und der aus Ferrara mit dem tragischen Schluss, der sich enger an Voltaires Vorlage hält. Wegen der Besetzung der Titelrolle mit dem deutschen Countertenor Matthias Rexroth galt die Aufführung damals als Sensation, obwohl schon 1994 Jochen Kowalski an der Berliner Staatsoper sich dieser Herausforderung gestellt hatte. So wie er daran gescheitert war, muss auch Rexroth vor dieser Aufgabe kapitulieren. Dem Rezitativ des Auftritts, „O patria!“, fehlt das vokale Pathos – ein Umstand, der bei mehreren Nummern der Partie als Mangel zu konstatieren ist. Da klingt vieles zu reduziert und eher gesäuselt als stimmlich erfüllt. Darunter leiden auch die Duette mit Amenaide im 1. und 2. Akt. Die große Kavatine vor dem Finale, „Ah, che scordar non so“, wird von Orchester bewegend eingeleitet, findet aber in der Interpretation des Titelhelden nicht die nötige grandeur. Das Schlussrondò der Ferrara-Version, „Perchè turbar la calma“ und die finale Kavatine „Amenaide … serbami tua fè“ vermögen gleichfalls nicht zu überzeugen wegen der Interpretation ohne den nötigen pathetischen Nachdruck.

Die kolumbianische Sopranistin Alexandra Zabala versucht sich an der Partie der Amenaide. Die Stimme verfügt über wenige Farben, ist ein heller, hoher Koloratursopran, dem man mehr lyrische Valeurs wünschte. Ihre Auftrittskavatine „Come dolce all’alma mia“ , die Keitel leichtfüßig einleitet, tupft sie nett, aber schon im Duett mit Tancredi („L’aura che intorno spiri“) wird der Mangel an stimmlicher Substanz offenbar. Die beiden Kavatinen im 2. Akt, „No, che il morir non è“ und „Giusto Dio“, leitet Keitel mit wehmütigem Klangteppich ein, die Sopranistin nimmt diese Stimmung auf und findet hier zu überzeugenderen Auftritten.

Der britische Tenor Simon Edwards als Argirio führt sich in der Introduzione mit beachtlicher stimmlicher Prägnanz und mühelosem Koloraturfluss ein. Die Arie im 1. Akt „Pensa che sei mia figlia“ hat Nachdruck und schwärmerischen Ausdruck, die im 2., „Ah! segnar invano“, Emphase und prächtige Spitzentöne. Ungewöhnlich ist die Besetzung des Roggiero mit einem Tenor – der deutsche Sänger Tobias Wall lässt in der Arie „Torni alfin ridente“ eine hübsche Stimme und muntere Koloraturen hören. Die ungarische Mezzosopranistin Krisztina Nemeth ergänzt die Besetzung als Isaura, die in ihrer sorbetto-Arie „Tu che i miseri conforti“ gefallen kann.

Mit federnden Impulsen und spannungsvollem accelerando sorgt Keitel schon in der Sinfonia für einen stimmungsvollen Einstieg. Auch für die Vorspiele zu den einzelnen Soli findet er passende Farben und Akzente sowie für das 1. Finale, „Ciel! Che intesi!“, einen vorwärts drängenden Rhythmus und mitreißende Steigerung. Das jubelnde Schlussensemble nach dem glücklichen Ausgang, „Fra quai soavi palpiti“, in dem Rexroth durch besonders larmoyante Tongebung stört, inspiriert er nachdrücklich.

 

Erwähnt werden soll noch eine Live-Aufnahme von Rossinis Messa di Gloria aus der Wallfahrtskirche Weggental in Rottenburg am Neckar aus dem Jahre 2000 (74321 77711 2). Die geistliche Komposition wurde 1820 in Neapel uraufgeführt, geriet aber danach in Vergessenheit. Seit der Aufführung beim ROF in Pesaro 1992 anlässlich von Rossinis 200. Geburtstag ist das Werk wieder häufig in Konzertsälen und Kirchen zu hören.

Es musiziert das ehemalige Minsk Orchestra, nunmehr umbenannt in das European Festival Orchestra, das auch von Gustav Kuhn für seine Tiroler Festspiele in Erl regelmäßig verpflichtet wurde.

Der Landesjugendchor Baden-Württemberg und ein internationales Solistenquartett mit der amerikanischen Sopranistin Doreen Maria De Feis, der Schweizer Mezzosopranistin Caroline Odermatt, dem italienischen Tenor Patrizio Saudelli und dem deutschen Bass Christian Tschelebiew sorgen für eine lebendige Wiedergabe. Bernd Hoppe