Verirrte

„Wir haben schon Schlimmeres überstanden“, sagen G und H, zwei der von A bis K durchbuchstabierten Figuren in Spuren der Verirrten. Ein Schelm, wer vermutet, sie beziehen es auf die folgende Oper, die nach dem 2007 von Peymann am Berliner Ensemble uraufgeführten Stück von Peter Handke für die Eröffnung des von Terry Pawson erbauten Linzer Musiktheaters am Volksgarten kreierte. In Linz hatte der unerschütterliche Glass-Jünger Dennis Russell Davies bereits 2009 die Johannes Kepler-Oper von Glass uraufgeführt. Eine Tradition wird begründet. Fraglos war dies nicht die letzte Oper, welche das hurtig rotierende Minimal Music-Labor des tüchtigen Glass unablässig hervorbringt. Aber es war nicht schlimm. Das ist es überhaupt nie bei Glass. Vor allem lag dies an David Pountney, der uns, unterstützt von den symbolstarken, suggestiven Bildern des Robert Israel, in den Minidramen immer etwas zum Schauen gibt, mal die kleine Philemon und Baucis-Zweisamkeit des alten Paares („Und immer bis du so fröhlich gewesen“), mal die Hänsel und Gretel-Zitate zweier kutschender Mädel mit Kuh und Schaf  („Es gab eine Zeit … und man wusste, warum man da war“), ein Mann (Jacques le Roux) singt eine alte verlotterte Frau („Den Heldentod ist doch schon dein Vater gestorben. Wärst du doch in Detmold geblieben. Oder in Dithmarschen“), die einen Armlosen dem Tod überlässt, ein von Wundmalen übersäter Kranker leidet, Krankenschwestern tanzen (natürlich auch sie) und Kranke turnen in ihren Betten. Eine Kerze wird von einer Tänzerin auf einem für sie viel zu hohen Tisch angezündet, ein Ball rollt bedeutungsvoll über die Bühne, dort steht ein Gehirn wie ein Skulptur, da ein paar bunte Stühle, dort ein paar Wegeschilder, hier ein alter Herd. Vom Amazonas, von Kriegen, von Hass und Liebe, vom Großen und Kleinen ist die Rede, banal und tiefsinnig, ganz nach der jeweiligen Verfassung kann man das finden. „Und weiter bewegt sich die Menge“ sagt der Zuschauer (Lutz Zeidler). Eine Sinnsuche. Auch theatralischer Art. Virtuos erschaffen Pountney und Israel, hinzu kommen die Kostüme von Anne Marie Legenstein und die zwischen stacksiger Trippelei, Artistik und klassischen Exerzitien angesiedelte Choreographie von Amir Hosseinpour, unentwegt treffsichere Bilder.

spuren der verirrtenZu sehen auf der Orange Mountain Music-DVD OMM 5008 und zu hören auf der – daneben chancenlosen – CD OMM 0097. Ein weißer Hase spaziert herein, eine Politikerin gibt die machtkalte Dozentin, zwei zum Alphorn hüpfende Sepplhosen-Träger erzählen, unterstützt vom Marsch der feschen Dorfjugend, von Mississippi, Amazonas, Mekong und Yang-Tse-Kiang – und Glass lässt seine farbenreiche, freundlich-geschmeidige Musik malstromartig sinfonische Macht annehmen oder Zither seliges Gezirpe anstimmen. So erstaunlich, wie Pountney die zum Teil auch humorvollen oder unfreiwillig komischen Texte zwischen Tiefsinn und Poesie und Trivialität, zwischen Parodie und Zitat, großmeisterlich und immer neu mit Bildern überflutet, so gekonnt und routiniert hält Dennis Russell Davies das musikalische Gewebe und die fraglose Virtuosität vieler Details zusammen. Alle kommen: Abraham und Isaak, Ödipus und Medea. Auch viel Kitsch. Am Ende gerät das Spektakel zur grandiosen, effektgeilen Festoper. Nicht nur, was die Zahl der Akteure anbelangt. Das Orchester zieht aus dem Graben auf die Bühne, die Verirrten begeben sich auf die Orchesterstühle, ein Kinderchor marschiert auf, das Schlagzeug hat zu tun: „Wo sind wir? … Das Blau vom Himmel haben wir heruntergestaunt … Weiter in die Irre gehen. Beständiger verirrt sein… Wo sind wir?“ Na ja.

Ein wenig an Glass erinnert Nico Muhly. Schließlich arbeitete das 1981 in Vermont geborene Multitalent, vom Chicago Tribune zum Hottest Young Composer Around gekürt, zeitweise mit dem gut 40 Jahre älteren Guru der Minimal Music zusammen, schrieb aber auch für die New Yorker Philharmoniker und den Broadway, für Björk und Hilary Hahn, für den Choreographen Benjamin Millepied und für mehrere Film, darunter die Schlink-Verfilmung Der Vorleser. Hier interessiert er, weil seine 2011 an der English National Opera uraufgeführte Oper Two Boys zwei Jahre später an der koproduzierenden Met gezeigt wurde, womit er der jüngste Komponist ist, bei dem das Haus je eine Oper in Auftrag gab. Die New Yorker Aufführung unter Leitung von David Robertson mit Alice Coote als Inspectorin Anne Strawson und Paul Appleby als Brian liegt nun auf zwei CDs vor (Nonesuch). Schade, denn Bartletts Shers Inszenierung soll dem Vernehmen nach sehenswert gewesen sein. Der Oper liegt eine wahre, 2001 in Manchester spielende Begebenheit zugrunde, bei der Inspector Strawson im Laufe der Nachforschungen in einem scheinbar einfachen Fall in die Abgründe des Internets blickt, wo sich ein 16jähriger in den dunklen Chatrooms des Netzes verfängt und fast einen 13jährigen tötet. Souverän verbindet Muhly so reizlose Themen, wie die alltägliche Polizeiroutine und die Einsamkeit der Internet-Nutzer.  „Wir leben nicht mehr in einer Zeit der Maskenbälle“, so Muhly, “ aber das Internet, das uns ermöglicht andere Identitäten anzunehmen, gibt einen durchaus traditionellen Rahmen für eine Oper ab. Mit gefällt, dass Two Boys sowohl neu, wie auch sehr, sehr alt ist.“

Die Oper ist reizvoll, hat einen eigenen, durchlässigen neo-minimalistischen Sound, man erkennt repetitive und barocke Muster, eine Faszination, die Muhly möglicherweise von seinem Mentor Glass hat, dazu einen frischen, grenzgängerhaften Zugriff. Vieles wirkt wie genialisch hingeworfen, ist dennoch genau durchdacht und gut gestrickt, ein bisschen Britten und Reich, schimmernd instrumentiert, dazu eine reiche Palette gebetsmühlenartigen Chorgesangs. Und dennoch: wirklich dramatisch, dem klassischen Kriminalfall und dem Spiel der Identitäten, den sexuellen Fantasien und obsessiven Begegnungen angemessen, ist die Musik nicht. Sogar ein bisschen gebremst. Und der getragene Tonfall des Sprechgesangs ist bräsig und altbacken, was auch leicht dem Stoff passieren kann. Alice Coote singt die ältliche Anne, die einst ihren Sohn, der nun in Brians Alter wäre, zur Adoption frei gegeben hat, mit nachdrücklich lyrischer Breite; dass man der Rolle mehr Farben und Zugriff wünscht, ist nicht ihre Schuld. Paul Appleby ist der 16jährige Brian, die beiden Seiten des Verführers Jake werden von dem Bariton Christopher Bolduc und dem Knabensopran Andrew Pulver verkörpert.

Rolf Fath