Un seduttore sconosciuto

Der Titel von Alessandro Melanis Dramma per musica L’empio punito lässt natürlich sofort an Mozarts Don Giovanni denken, dessen Untertitel Il Dissoluto punito lautet. Beide Werke kreisen um die legendäre Figur des Don Juan aus dem berühmten spanischen Drama El burlador de Sevilla von Tirso de Molina. Während Mozarts Oper 1787 in Prag uraufgeführt wurde, kam Melanis Version bereits 1669 in Rom heraus und der Komponist war damit der erste, der die Vorlage zu einem Musikdrama verarbeitete. Es spielt nicht in Sevilla, sondern in Pella im alten Königreich Mazedonien am Hof des Königs Atrace und seiner Schwester Ipomene. Protagonist der Handlung ist Acrimante, Cousin des Königs von Korinth, der zum Tode verurteilt wird, weil er  sich in die Räume der Infantin Ipomene geschlichen haben soll. In Wahrheit war es sein Diener Bibi im Umhang seines Herrn. Acrimante entkommt dem Urteil dank Atamira, Tochter des Königs von Korinth, die ihm statt Gift ein harmloses Schlafmittel verabreicht. Im 3. Akt verwundet Acrimante Ipomenes Erzieher Tidemo im Duell tödlich. Dessen Statue lädt ihn später zum Abendessen ein und stürzt ihn in die Hölle. Am Ende sind drei Paare vereint: Atrace mit Atamira, Atraces Cousin Cloridoro mit Ipomene und Bibi mit der Amme Ipomenes Delfa.

Bei GLOSSA erschien nun eine Gesamtaufnahme, welche im Oktober 2019 live im Teatro Verdi von Pisa in Koproduktion mit dem Teatro Manzoni von Pistoia entstand (GCD 923522, 3 CDs). Am Pult des Ensembles Auser Musici steht Carlo Ipata, der das spezifische frühbarocke Idiom der Musik trefflich einfängt. Reizvolle rhythmische Effekte gelingen ihm bei den Tänzen in den Aktfinali  – Sarabanda, Corrente, Ballo delle furie und Ballo delle statue. Drei renommierte Barocksänger finden sich in der Besetzung. Den Acrimante singt der Counter Raffaele Pe, der sogleich in seinem Auftritt („Io v’amai e v’adorai“) auftrumpft und auch in„Tormentose faville“ sowie dem beherzten „Crudo amor“ im 2. Akt imponiert. Die Sopranistinnen Raffaele Milanesi und Veteranin Roberta Invernizzi sind als Atamira und Ipomene zu hören. Letzterer fällt das erste Solo des Werkes zu („Aurette vezzose“), in welchem sie besonders streng klingt. Ihr Cloridoro ist Federico Fiorio aus der Accademia Barocca, der Nachwuchsschmiede von Auser Musici, mit kindlichem Knabensopran, beider Duett „Partenza funesta“ ist von gewöhnungsbedürftig lamentierendem Zuschnitt. Auch Milanesi klingt ungewöhnlich larmoyant, zumindest in ihrer ersten Arie „Vaghe frondi“. Auch die nächste, „Piangete occhi“, ist von klagendem Charakter, doch gelingt sie der Interpretin eindrücklich. Mit Acrimante hat sie mehrere Duette, in welchen sich beide Stimmen harmonisch verblenden.

Das Ensemble ergänzen der Bassbuffo Giorgio Celenza als Bibi, Lorenzo Barbieri als Atrace mit resolutem Bass sowie Alberto Allegrezza, der die Travestie-Rolle der Amme Delfa übermütig und keck porträtiert. Bernd Hoppe