Talent ist keine Frage des Geldes

Gordon Getty, Jahrgang 1933, fehlt so ziemlich alles, was ihn zum spannenden Musiktheater-Komponisten machen würde. Zwei Opern des Milliardärs, er ist der Sohn des Öl-Tycoons Jean Paul Getty, sind kürzlich bei Pentatone erschienen: eine gekürzte Konzertversion  seiner Falstaff-Oper Plump Jack (PTC 5186 445) und der Edgar Allan Poe-Einakter Usher House (PTC 5186 451). Würde es einen Preis für die langweiligsten Opern geben, beide wären Anwärter auf die Spitzenplätze.

Denn beiden Opern fehlt ein dramaturgisches Gespür für Proportionen, Steigerungen, für Bezüge und Textverknappung, für Theatralität und das Verhältnis von Text und Musik. Die von Getty selbst besorgten Libretti sind redselig und beschreibend, sie kommen nicht auf den Punkt und lassen der Musik zumeist keine andere Wahl, als das zu illustrieren, was ohnehin gesagt und gespielt wird. Das Hauptproblem von Gettys beiden Opern liegt jedoch in der in einer ohngefähren Spätromantik verankerten Tonsprache, die keine großen Bögen entwickelt, sondern nicht übers Kleinteilige hinauskommt. Es plätschert vor sich hin, egal ob ironisiert oder Mystisches beschwört werden soll, egal ob eine große Ballszene oder eine derbe Szene im Pub geschildert werden soll.

Schon die überdimensionierte 11-minütige Ouvertüre zu Plump Jack ist eine sich dahin modulierende Orchestereffekthascherei mit viel Leerlauf.  Dabei bemühen sich Ulf Schirmer und sein bestens disponiertes Münchner Rundfunkorchester herauszuholen was nur geht. Doch die sorgfältige Inszenierung der Partitur verläuft sich in der Beliebigkeit einer Musik, die eigentlich nichts zu sagen hat. Die folgenden zehn (der im Gesamtwerk zwölf) Szenen dieser auf 75 Minuten komprimierten Fassung laufen vor allem rezitativisch ab.  Akkordeinsprengsel, kleine und kleinste Bläsereinwürfe, etwas klopfen im Schlagwerk, neoklassizistische Cembaloeinwürfe à la Strawinskys Rake, eine kurz aufblinkende Gesangslinie wie aus Brittens Turn of the Screw, dann mal fast zehn Sekunden ein Gedanke in den Streichern. So und so ähnlich setzt sich das mehr assoziativ als planvoll zusammen. Darüber vor allem Rezitativisches in den Gesangsstimmen, nur unterbrochen von knapp aufflammenden melodieähnlichen Einfällen. Wenn das Orchester mal etwas zusammenhängender erklingt, dann dient es der Illustration des ohnehin im Text ausgesprochenen Geschehens. Eine eigene Funktion im Sinne einer künstlerischen Erweiterung erhält die Musik nicht, wirkungsvolle Theatermusik ist diese Akkordeinwurf- und Modulationsorgie mit gelegentlichen Dynamikkontrasten ohnehin nicht.

Die seit 1985 in verschiedenen Arbeitsetappen frei aus den drei Shakespeare-Dramen Henry IV Part 1& 2 und Henry V gewachsene Story stellt die Figur des Falstaff (von Queen Elizabeth Plump Jack genannt) und seine Freundschaft zum Thronfolger ins Zentrum. Von der in einem Vorwort Gettys  behaupteten Tragikomik ist allerdings in seiner Musik nichts zu spüren. Immerhin Die Sängerbesetzung ist bis in die kleinen Rollen hinein exzellent, hier hat sich jemand dieses Projekt etwas kosten lassen. Lediglich die Titelrolle ist mit Lester Lynch etwas blasser besetzt, fehlen ihm doch bei aller Wandelbarkeit seines kräftigen Baritons die Zwischentöne, die Christopher Robertson (Henry IV) und Nikolai Schukoff (Henry V) ihrem Sprechgesang abgewinnen können. Die hörbar gealterte Susanne Mentzer (Quickly) gestaltet  mit Charakeristik, was die Stimme nicht mehr hergeben will. Melody Moore, Nathaniel Webster, Robert Breault machen aus ihren Episoden das Beste, doch all das hilft nicht,  mühsam schleppt sich das Ganze bis zu einem wenig mitreißenden Finale dahin.

 

getty2In Lisabon entstand 2011 die Aufnahme von Gettys 67-minütigen Einakter Usher House, der zwar keine Veroperung von Edgar Allen Poes short story The Fall of the House of Usher ist, aus dieser Geschichte jedoch Grundmotivik und Personal gewinnt und Poe höchstselbst als erzählenden Hauptprotagonisten auftreten lässt. Selbstverständlich ist er Tenor. Auch hier schrieb sich Getty sein Libretto selbst, das vor allem aus langen, langen Dialogen zwischen Poe und Roderick Usher besteht. All das im Getty’schen Rezitativstil mit Orchestereinsprengseln, etwas filmmusikartiger Atmospährenmusik, ein paar Effekten, vor allem aber auch hier viel Kurzatmigkeit in den musikalischen Gedanken. Düsterkeit und Geheimnis, die der nicht enden wollende Gesangstext behauptet, wollen sich nicht einstellen. Selbst die große 5-minütige Ballszene, bei der Rodericks Schwester Madeline sich bei Musik, die nur sie hören kann, in Ekstase tanzt und schließlich bewusstlos zu Boden sinkt, gewinnt keinen Sog (Track 5). Und das in der Handlung bewusst als vertontes Gedicht ausgegebene „Where is my lady“ (Track 3) entbehrt jeglichen (melodischen) Einfalls, der haften bleiben würde. Auch die bewusst hinzugefügten Gothic-Versatzstücke, von denen Getty wiederum in einem Vorwort berichtet (Geheimwissen, faustischer Pakt, Geister der Vorfahren), bleiben bloße Behauptung und allenfalls szenische Elemente, finden jedoch keine musikalischen Äquivalente. Mit einigen Freiheiten und Veränderungen wird also Poes Usher-Geschichte erzählt und fadet schließlich musikalisch irgendwann aus, es hätte im Orchester auch gut noch 37 Minuten weiter gehen können oder schon 22 Minuten vorher enden. Von der Dramatik des Untergangs des Hauses Usher, das im Finale in Schutt und Asche versinkt, von Leidenschaft und Tod, hat man da musikalisch freilich nichts gemerkt. – Auch bei dieser Studioproduktion findet die künstlerische Umsetzung auf hohem Niveau statt. Lawrence Foster bemüht sich selbst da noch Klangfarben aus dem akkuraten Orquestra Gulbenkian zu kitzeln, wo keine mehr sind. Christian Elsner präsentiert seinen im spätromantischen Sprechgesangidiom dahinströmenden Tenor prachtvoll, der junge Kanadier  Etienne Dupuis verspricht mit seinem frei sich entfaltendem lyrischen Bariton großes für die Zukunft (er tritt inzwischen regelmäßig an der Deutschen Oper Berlin auf) und Phillip Ens ist in einer kleineren Basspartie gewohnt zuverlässig.

 

Mich beschäftigte beim Hören die Frage: Wer hat diese Aufnahmen initiiert und die nötigen Mittel dafür zur Verfügung gestellt? Der Milliardär Gordon Getty selbst? Die szenische Erstaufführung von Usher House ist für 2014 an der Welsh National Opera angekündigt, als Koproduktion mit der San Francisco Opera. Für letztere, das weiß man, gibt der Philanthrop  und Kunstförderer Getty gerne mal viel Geld aus.

 

Moritz Schön