Spätbarocke Dichterehrung

 

1616 starb Miguel Cervantes, der spanische Schöpfer des berühmten Don Quichotte. Zum Jubiläum hat die Universität Madrid ein interessantes musikalisches Projekt umgesetzt. Das Ensemble La Ritirata hat dort mit drei Sängern von der iberischen Halbinsel eine CD produziert mit Ausschnitten aus zwei barocken Don-Quichotte-Opern.

Es handelt sich hier um zwei Werke des italienischen Opernkomponisten Antonio Caldara, der heute besonders in Erinnerung geblieben ist als brillanter Hofkomponist in Wien, er hat aber auch längere Zeit in Spanien gewirkt, kannte sich mit der Kultur dort gut aus und hat gleich zwei Opern nach Don-Quichotte-Romanmotiven komponiert, die in Wien 1727 und 1733 Premiere hatten: Don Chiciotte in Corte della Duchessa (Don Quichotte am Hof der Herzogin) und Sancio Panza Governatore dell’Isola Barattaria (Sanchio Pansa als Gouverneur der Insel Barattaria). Beide Opern hängen zusammen: Das selbe Haus, der selbe Librettist (Pasquini),  der selbe Stoff  in zwei verschiedenen Perspektiven. Die zweite Oper ist etwas, das was wir heute bei Fersehserien ein Spin-off nennen, das heißt, es handelt sich im dieselbe Episode im Roman, in dem sich Quichotte und Sancho Pansa vorübergehend trennen und getrennt Abenteuer erleben. Die erste Oper erzählt die Geschichte Quichottes, die zweite die von seinem Knappen Sancho Pansa.

Venezianische Schule in Wien: Caldara mit Don-Quichotte-Musik zu hören ist wirklich aufregend, denn er war nicht nur einer der ersten überhaupt, die sich an den Stoff  herangewagt hatten, (allerdings gab es vor ihm eine vielbeachtete Vertonung von Conti 1719 am selben Haus),  er war auch einer der  einflussreichsten Opernkomponisten seiner Zeit. Er gehörte zur Venezianischen Schule, das heißt, seine Musik fußte zwar auf festen Regeln und Leitsätzen, war aber bei aller Klarheit immer beschwingt durch italienische Melodien und südeuropäische Leichtigkeit – das ergibt eine sehr schöne Kombination, die ihm hier in zwei tragikomischen Stoffen sehr zugutekommt bei Arien, die elegant zwischen Wehmut und Verschmitztheit hin- und herpendeln. Da bekommt man Lust auf mehr. (Dass Caldara auch Spanien aus eigener Erfahrung gut kannte, merkt man seiner erzitalienischen Musik allerdings nicht an.)

Das Projekt ist an sich schon eine schöne Idee. Hier ist wirklich eine unterhaltsame, kurzweilige und informative CD entstanden. Vielleicht kann man bemäkeln, dass die zweite Don-Quichotte-Oper, genauer gesagt, die Sancho Pansa-Oper,  eigentlich das schrägere Stück, ins Hintertreffen geraten ist. Von 70 CD-Minuten sind nur neun für dieses Werk reserviert worden. Also ist rabiat gekürzt worden. Aber der Vorteil eines solchen Querschnitts liegt auf der Hand: Man kann den Sängern aus einer Fülle von Arien  diejenigen auswählen, die ihnen am besten in der Kehle liegen.

Und hier hat man sehr intelligent ausgewählt. Alle drei Solisten sind exzellente und stilsichere Interpreten. Emiliano Gonzalez Toro als Don Quichote steht streift manchmal die Grenzen seiner Verzierungskünste, bleibt aber eben noch innerhalb seiner Möglichkeiten und auch in den komplizierteren durchaus erfreulich. Und das Ensemble La Ritirata spielt durchsichtig, hat einen saftigen und ganz unherben Barockklang, und offenbart besonders in den schönen Balletten seine große Liebe zu dieser Musik.

Apropos Ballette – vielleicht sind die hier dazwischen gestreuten Tänze aus der ersten der beiden Opern eigentlich Aufregende für den Opernfreund. Sie stammen nicht von Caldara, sondern von Nicola Matteis Junior – einem versierten Hofballettkomponisten, übrigens trotz italienischer Wurzeln ein Brite, der fast ein Vierteljahrhundert lang nur diesen einen Job hatte: Zwischenballette für die Wiener Oper zu komponieren. Seine Tänze sind alles andre als hohle Routine, und ich bekenne, es gab Momente, wo mich die Tänze von Matteis mehr gefesselt haben als die Arien des bekannteren Kollegen  (Antonio Caldara: The Cervantes Operas, mit Maria Espada, Emiliano Gonzalez Toro, Joao Fernandes; Ensemble La Ritirata, Josetxu Obregon; Glossa GCD 923104, natürlich wieder kein deutsches Wort in der Beilage). Matthias Käther