Send in the Clowns

 

„Rien“ malt die Leuchtschrift über die nahezu leere Bühne des Salzburger Festspielhauses. Mehrere Papierstöße und eine Handvoll Raben befinden sich auf der kleinen Kreisfläche in der Mitte. Und ein schwarzer Lehnsessel, aus dem sich, komplett im schwarzen Ganzkörperanzug wie ein tapsiger Tanzbär, nur mit weißer, altertümlich mittelalterlicher Halskrause angetan, der glatzköpfige Faust herauswindet und mit einer Flasche mit grüner Flüssigkeit hantiert. Piotr Beczala singt mit exemplarischer Diktion und Phrasierung, tönschön, intensiv, und mit edlem Stimmglanz. Da vergisst man rasch die Szene. Bald tritt Idar Abdrazakov als glatzköpfiger, bärtiger, weiß gekleideter Edelmann hinzu. Wir verstehen: Fausts dunkles Alter Ego. Er hat sich einen großen, von Clownsgestalten bedienten Reisegarderoben-Kofferschrank mitgebracht. Beim Versprechen von jungen Mädchen und frischem Blut wird die kleine „Studierstube“ versenkt, erscheint im allgegenwärtigen Augen-Guckloch hinter dem „Rien“-Schriftzug Gretchen, Faust wird von den Helfern rasch umgekleidet, natürlich in weiß, damit er rechtzeitig mit seinem neuen Buddy ein paar Tanzschrittchen wagen kann, bevor sie rechts und links die geschwungene Showtreppe hinauf entschwinden. Gleich, im zweiten Akt, ist die Bühne von weißen Clowns mit Spitzhütchen und Zylindern bevölkert, die von „Bier und Wein“ singen, die zwischen mannshohen Tischen tänzeln, dazu marschieren Clowns-Soldaten mit Gewehren und Stahlhelmen.

Auf seiner laborweißen Bühne hat Reinhard von der Thannen (Blueray Unitel 2097034), der bisher einzig als Ausstatter tätig war und im August 2016 diesen Festspiel-Faust inszenierte, als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner immer das richtige Accessoire parat, um dem Zuschauer im futuristisch kargen Bühnenraum mit wenigen Handreichungen die Zeitsprünge vom Mittelalter über Goethe und Gounod bis zur Gegenwart aufzuzeigen: Valentin trägt Degen und ein Wams, das zumindest über seiner rechten Seite an eine mittelalterliche Rüstung erinnert – Alexey Markov singt ihn mit viel Kraftaufwand, doch außerordentlich solide – und Mephistophélès wirft sich für sein Rondo („Le veau d’or“) nun auch ein rüschenbesetztes weißes Clownskostüm mit einem Zottelschwanz über. Der Bass aus Ufa spielt elegant und gut gelaunt, singt hinreichend wendig, aber auch recht einfarbig; sehr dämonisch ist er nicht.

Unterstützt von Gattin Birgit als Dramaturgin hat Reinhard von der Thannen das alles geschickt austariert, erzählt eine Kasperlgeschichte, die angesichts der als mittelalterliches Jahrmarktstheater überlieferten Legende durchaus Hand und Fuß haben könnte, was aber in seiner revuehaften Glätte und choreographischen Eleganz der Gruppen, die an das Hollywood der 1940er Jahre erinnern (Giorgio Madia), und den Clowns, deren Gesten die Aussagen der Protagonisten untermalen oder kommentieren, der Raumschiff „Orion“-Optik und den Neonleuchtsignalen aus den 1970er Jahren etwas kurz greift. Klar denkt jeder sofort an Neuenfels’ Bayreuther Lohengrin-Ratten, die von der Thannen eingekleidet hatte. Endlich kommt Faust mit Perücke oder Echthaar, verjüngt jedenfalls, um sich unter die Bürger zu mischen, unter denen Tara Erraught mit ansprechendem Mezzosopran als pummeliger Siebel mit angeklebten Bartflusen eine komische Figur abgibt, aber Marguerite im lang fließend Weißen hübsch kokettiert. Maria Agresta lässt nicht immer vergessen, wie schwer die Partie ist, erweist sich im Lauf der Aufführung als dennoch ganz ausgezeichnet und ist in „Il était un roi de Thule“ und im Liebesduett mit schönen Piani, ausgeglichen weicher Stimme, leichtem Ansatz und festem Klang die rechte Entsprechung zum stilsicheren Beczala. Possierlich schlagen die Clowns Purzelbäume und Rad, machen Überwürfe und drehen sich. Kaum bleibt Zeit, sich bei der kurzen Einleitung zum dritten Akt auf die Wiener Philharmoniker zu konzentrieren, die klangschön wie stets, aber unter dem um Delikatesse und Lyrik bemühten Alejo Pérez in dieser Show, in der man die Walpurgisnacht nicht vermisst, etwas ins Hintertreffen geraten. Im schwarzen 19. Jahrhundert- Gehrock und Zylinder erscheint Faust und kommt angesichts des auf der Showbühne präsentierten Gretchen-Betts in Schwärmen, was Beczala bei „Salut, demeure chaste et pure“ mit herrlichem Legato und Eleganz ereignishaft gelingt. Marie-Ange Todorovitch macht im Quartett, für das Faust und sein Begleiter kleidsame Hausmäntel mit weißen Punkten tragen, viel aus der Marthe. Ein monströses Skelett schwebt beim Soldatenchor über die Bühne, derweil es hinten rot glüht, Siébel zieht ein kleines Häuschen auf einem Karren hinter sich her, eine Margeriten-Blüte kommt von oben, Marguerite trägt das tote Kind in einem Kästchen mit sich, Orgelpfeifen senken sich als Gefängnisgitter herab, Mephistophélès trägt den Perlenschmuck, die Clowns haben sich Klu-Klux-Klan-Kapuzen übergeworfen oder rollen riesige Billardkugeln, Gretchen wird zwischen den Clowns, die nun zusätzlich schwarze Westen und Blüten am Revers tragen, gelagert. Gedankenschwer will die Aufführung nicht sein, die das „Rien“-Motto am Ende nochmals aufgreift, eher eine Collage aus Gedankensplittern und oberflächlichen Showmomenten. Doch trotz der guten bis hervorragenden Besetzung langweilt dieser Faust durch seine neckische Verspieltheit, seine ausgestellten Bilder und die neben der virtuosen Chor- und Gruppenführung doch nicht sehr zwingende Personenführung. Rolf Fath