Scottish Mystery

Peter Maxwell Davies’ Kammeroper The Lighthouse von 1979 war lang Zeit ein Liebling kleinerer Spielstätten, von Werk- und Studiobühnen, erst in den letzten Jahren verschwand  die Mystery-Oper für drei Sänger und Ensemblebesetzung mehr und mehr von den Spielpänen. Bei Naxos wurde die 1994 entstandene, klassische Ersteinspielung wieder veröffentlicht, die einst auf dem 1998 eingestelltem Label Collin Classics erhältlich war. Neil Mackie, Christopher Keyte und Ian Comboy sind die idiomatischen Interpreten, der Komponist selbst, gerade 80 Jahre alt geworden, leitet Mitglieder des BBC Philharmonic.

Maxwell Davies’ Einakter hat nichts von seiner atmosphärischen Dichte verloren, die wahre Begebenheit, die der Geschichte um das ungeklärte Verschwinden von drei Leuchtturmwärtern im Jahr 1900, hat noch immer die Wirkung einer musikalischen und psychologischen Dichte. Maxwell Davies chamber opera, 1980 als Auftragswerk des Edinburgh Festivals uraufgeführt, steht in einem Kontext mit der Ende der 1970er Jahre zusehends aufkommenden Mode, die mysteriöse Vorfälle thematisiert und prominente Beispiele etwa in Filmen wie Peter Weirs „Picnic at Hanging Rock“ (1975) John Carpenters „The Fog“, Kubricks „Shining (beide 1980) oder Stephen Kings Romanen hat. Vermutlich liegt hierin auch eine Erklärung für den zeitlichen dann doch begrenzten Erfolg des Stücks; die Mysterie-Themen sind inzwischen doch deutlich drastischer und ikonographisch deutlicher geworden.

Brittens Vorbild ist musikalisch und formal bei diesem Spiel um Verhörsituation, Schuld und Möglichkeiten freilich unüberhörbar. Innere und äußere Situationen der Protagonisten verschwimmen im zweiten Teil des Siebzigminüters. Vorgeschichten werden zu möglichen Schicksalszeichen, die Geister der Vergangenheit bestimmen die Gegenwart, eingängige Liedformen und ihnen zugeordnete Instrumente sorgen dabei für Orientierung. Die Spannungen zwischen den drei Leuchtturmwärtern entladen sich in einem klug gebauten, psychologischen Spiel. Das Klangsprektrum, das mit den zwölf Instrumenten des Ensembles entsteht, wird beständig raffinierter, spitzt sich zu und zieht den Zuhörer in seinen Bann. Maxwell Davies’ Neigung zu schottischen Motiven und Melodien fand deutlichen Eingang in die Partitur und schuf eine vermeintlich vertraute Basis, der nach und nach der Boden entzogen wird. Am Ende stehen Möglichkeiten, die Interpretation der Ereignisse bleibt offen. Vor allem Neil Mackies heller Tenor spiegelt die schwebenden Zustände des Ungewissen in den Farbgebungen seiner Stimme wieder, während die beiden tieferen Stimmen sich mehr durch ein monologisches Hineinsingen in die Situationen der Situation aussetzen. Faszinierend bleibt dieser Einakter beim Wiederhören allemal.

Moritz Schön

Peter Maxwell Davies: The Lighthouse. Neil Mackie, Christopher Keyte, Ian Comboy, BBC Philharmonic, Maxwell Davies. (Naxos 8.660354)