Polnische Trouvaille

Zamek na Czorsztynie (Das Schloß auf Czorsztyn) ist ein knapp einstündiger Zweiakter des historisch gesehen zwar bedeutenden doch heute auch in seiner Heimat nur noch wenig bekannten polnischen Komponisten und musikalischen Tausendsassas – Organist, Violinist, Dirigent, Impressario, Übersetzer, Musiktheoretiker, Musiklehrer – Karol Kurpiński (1785-1857). 1813 in Warschau uraufgeführt und außerhalb Polens wohl kaum gespielt, ist es ein typisches Öperchen seiner Zeit, an der Schwelle von der Klassik zur Frühromantik stehend, mit dürftiger Handlung, vage die Schauerromantik eines abendlichen Schlosses bemühend und ein Liebespaar wieder zusammen führend. Eine ängstliche Dienerfigur sorgt für Komik der harmloseren Art. Zutaten, wie man sie hundertfach zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Novellen, Romanen und Bühnenstücken finden kann. Karol Kurpiński und sein Librettist bedienen das recht schematisch und machen daraus eine gutes Dutzend, mit Dialogen verbundene, Musiknummern. Gesungen wird zwar auf Polnisch, doch Kurpińskis Formen- und Stilrepertoire ist deutlich von französischen Vorbildern (Grétry, Boieldieu) inspiriert. Der harmlose Zweiakter bleibt eine Petitesse, da es ihm musikalisch nicht gelingt die Situationen und Atmosphären aufzunehmen: romantischer Gespenster-Schauer, Ohnmachtsanfall und Wiedersehensfreude sind mehr textliche Behauptung, denn musikalischer Ausdruck. Die Versatzstücke von Kurpińskis dann doch recht uninspirierter Musik sind schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwunden.

Der Komponist Kurpinski/OBA

Der Komponist Kurpinski/OBA

Das mag auch am polnischen Jugendorchester (The Polish Sinfonie Iuventus Orchestra) liegen, das unter der Leitung von Michal Niedzialek leider viel zu undifferenziert spielt, um den Nummern Charakter zu verleihen. Schon die Besetzung wirkt zu groß für dieses Kammerspiel mit fünf Akteuren. Alles klingt auf dieser Aufnahme gleichlaut, es fehlen die intimen Momente, die mit Couplets oder solistischen Holzbläserpassagen durchaus angelegt sind (wie zum Beispiel in der Zwischenaktmusik). Die immer wieder auch von polnischen Tänzen inspirierte Rhythmik bekommt kein Eigenleben, man vermisst eine Leichtigkeit des Klanges, die Strophenformen der diversen Liedformen wirken monoton, es fehlt an Gestaltung. Das könne auch die recht unterschiedlich begabten jungen Sänger nicht wettmachen, von denen keiner so recht auffällt. Nun, immerhin ahnen wir nun, wie die ersten Schritte der polnischen Oper aussahen, Kurpiński alleine hat zwischen 1811 und 1829 knapp 30 Bühnenwerke komponiert.

Moritz Schön

Karol Kurpiński: Zamek na Czorsztynie (Das Schloß auf Czorsztyn). Aleksandra Orlowska-Jablonska, Hubert Stolarski, Madwiga Niebelska, Tomasz Raff, Witold Zoladkiewicz, Polish Sinfonia Iuventus Orchestra, Michal Niedzialek (DUX  0955)