Plädoyer für eine Anti-Oper

Am besten ist es, ich sage es gleich zu Beginn. Ich hege eine heimliche Liebe zum Intermezzo von Richard Strauss, diesem Unding, das sich bürgerliche Komödie mit sinfonischen Zwischenspielen in zwei Aufzügen nennt. Dafür muss ich mich oft entschuldigen, wenigstens aber erklären. Warum denn ausgerechnet dieses Stück? Weder Fisch noch Fleisch. Und diese Story erst. Ein Ehekrach mit allem Hin und Her, gespickt mit Schlittenfahrt, Skatrunde, einem Ball und am Ende der Versöhnung. Gut, zwischen den Szenen ein paar ganz hübsche Orchesterstücke, mehr nicht. Endlos ist die Reihe der Vorbehalte. Hat überhaupt jemand das Stück je auf einer Bühne gesehen? Opernhäuser drücken sich. Die Aufführungsstatistik ist so übersichtlich wie aufschlussreich.

Glyndebourne hat sich gleich zweimal in englischer Übersetzung daran gewagt, 1974 und 1983, die RAI 1964 in Italienisch, Wien 1963, 2008 gab es eine Radio-Übertragung aus dem Theater an der Wien. Im Münchner Cuvillies-Theater entstand 1963 eine Videoaufzeichnung unter Joseph Keilberth, die aber wie vom Erdboden verschwunden ist. Zürich – um ein weiteres namhaftes Beispiel zu nennen – findet sich unter dem Jahr 2008 der Statistik. Selbst das Mittelsächsische Theater in Freiberg griff 2005 nach dem Werk. EMI hat 1980 eine bis heute nicht übertroffene Studioeinspielung unter Wolfgang Sawallisch vorgelegt mit der hinreißenden Lucia Popp als Christina, Dietrich Fischer-Dieskau als Hofkapellmeister Robert Storch und Adolf Dallapozza als Baron Lummer. Die Inszenierungen von Glyndebourne und Wien haben es auch auf Tonträger bzw. auf DVD gebracht. Dresden, wo Intermezzo 1924 mit Lotte Lehmann in der weiblichen Hauptrolle im Schauspielhaus uraufgeführt wurde, macht einen Bogen um das Werk. Dabei gehört es genau dorthin. Im Sonderkonzert zum 150. Geburtstag von Strauss am 11. Juni dieses Jahres in der Semperoper wagte sich Christian Thielemann wenigsten schon mal an das berühmteste Zwischenspiel, die „Träumerei am Kamin“. Das lässt hoffen. Thielemann wäre genau der Richtige für eine neue Produktion ohne Mätzchen und Zutaten aus dem Arsenal des Regietheaters.

Das Stück muss ganz pur und ernst genommen werden, sonst geht es nicht auf und macht keinen Sinn. Es braucht nur einigen Mut, es auf den Spielplan zu setzen, möglichst bei einem Festspiel, wo nicht nach dem Abonnement geschielt werden muss. Beim Richard-Strauss-Festival 2011 in Garmisch wurde als salomonische Lösung eine konzertante Aufführung gewählt, die jetzt bei cpo auf CD gelangt ist (777 901-2). Obwohl das Stück auf dem Podium des sehr sachlichen Werdenfelssaal, der für alle möglichen Zwecke taugt, nur schwer vorstellbar ist, die akustische Wiedergabe wirkt überhaupt nicht steril. Den Mitwirkenden gelingt es, das mitunter höchst turbulente Geschehen glaubhaft zu vermitteln. Es spielt sich an den Lautsprechern wie auf einer unsichtbaren Bühne ab. Besonders gelungen ist die Skatrunde mit sehr gut unterscheidbaren Stimmen, bei der ein Mitspieler die Karten hörbar zwischen den Fingern aufblättert. Ein Geräusch, das jeder kennt, der schon einmal ein Spiel in der Hand hatte. Derlei Details sind immer auch ein Gütesigel fürs Ganze.

Es ist in dieser Produktion akustisch vielleicht besser noch als auf einer Bühne nachzuvollziehen, was Strauss mit seinem Werk vorschwebte, nämlich ein ganz eigener Parlando-Stil, ohne Arien, ohne Duette, ohne traditionelle Ensembles. Was aber über die von diesem Sprechgesang getragene formale Handlung hinausgeht, nämlich die Gefühle, die Sehnsüchte, die Trauer, die Wut – also all das Unaussprechliche zwischen und hinter den Worten, ist allein dem Orchester vorbehalten. Deshalb sind die handlungsbezogenen Zwischenspiele, die nicht umsonst bereits im Untertitel Erwähnung finden, so wichtig. Strauss schuf mit Intermezzo eine Art Anti-Oper indem er noch viel weiter geht als in der Ariadne und traditionelle Formen radikal auflöst. Darin sehe ich seine Bedeutung. Inwieweit das geglückt ist, darüber lässt sich trefflich streiten, denn die Geschichte selbst wirkt schwierig und banal. Vielleicht soll sie ja genauso sein. Wer weiß?

Strauss hat den Text selbst verfasst. Dabei ist die Übereinstimmung der Initialen des imaginären Hofkapellmeisters Robert Storch mit denen seines eigenen Namens nicht die einzige persönliche Anspielung. Der Storch geht und lebt genau wie der Vogel Strauß auf hohem Fuß. Das Libretto ist von Anfang bis Ende voller Selbstironie. Strauss nimmt sich gern auf die Schippe. Ob die Spuren, die er auf diese Weise legt, immer mit der Wirklichkeit übereinstimmen, steht auf einem anderen Blatt. Der Meister aus Garmisch hat auch mit diesem Werk an der eigenen Legende gestrickt. Ulf Schirmer sorgt am Pult des Münchner Rundfunkorchesters dafür, dass die Balance zwischen kammermusikalischem Parlando und teils üppiger Sinfonik gewahrt wird. Damit ist die größte Herausforderung des Werkes, dessen Reiz für mich gerade in diesem konzeptionellen Spagat liegt, bewältigt. Gebraucht wird eine exzellente Sängerin für die eifersüchtige Kapellmeistersgattin Christine, die deutliche Züge von Pauline, der eigenen Gattin des Komponisten, trägt.

Stimmlich ist sie in Simone Schneider gefunden. Sie klingt üppig, sehr fraulich, kann zickig sein, frech, wütend, liebevoll, einschmeichelnd, katzenhaft. Ihr steht das das gesamte Arsenal an Eigenschaften zu Gebote, die gern den Frauen angedichtet werden. An der Wortdeutlichkeit, die Strauss gerade für sein Intermezzo so konsequent einforderte, hapert es gelegentlich. Markus Eiche ist mit Mandryka-Bariton als Storch genau richtig, Martin Homrich als Baron ebenfalls gut gewählt. Köstlich, wie Günter Missenhardt am Skattisch seinen gewaltigen Bass und sein schauspielerisches Talent als im Personenverzeichnis nicht näher bezeichneter Kammersänger einbringt, der gern aus Opern zitiert. Es gelingt ihm eine wunderbare Studie des Kammersängers an sich. Dieses Intermezzo wäre keine Produktion aus Garmisch, würde sich die Festival-Chefin Brigitte Fassbaender nicht selbst unter die Darsteller gemischt haben – diesmal in Gestalt der verschiedensten kleinen Sprechpartien. Es verdient großen Respekt, wie souverän die einst weltweit gefeierte Sängerin noch eine weitere neue Rolle in ihrem erfolgreichen Leben spielt.

Rüdiger Winter