Märchenhaftes, nicht unbedingt für Kinder

In der Reihe der Opernmitschnitte der Oper Frankfurt ist nun eine im Herbst 2012 mitgeschnittene Produktion von Engelbert Humperdinck Königskindern erschienen (Oehms Classics 943). Sebastian Weigle ist Motor dieser gelungenen Aufnahme und entlockt dem Orchester des Hauses ein fein abgestuftes Farbenspektrum, findet flüssige Tempi, ist dynamisch flexibel und trifft vor allem den rechten Ton, des sich zuspitzenden Dramas. Sichtlich bemüht er sich um eine eigene Musiksprache Humperdincks, die eben nicht mit dem Stichwort der Wagnerepigonalität abgetan ist. Er treibt an und gewährt doch den Raum zur Entfaltung der Klangpracht von Humperdincks grandioser und opulenter Instrumentation. Die Orchestervorspiele sind reich an emotionaler Kraft und vor allem die dunklen Farben leuchten durch die Partitur und bekommen unerhörte Stärke. Die leichte Melancholie, die in dieser Partitur stets mitschwingt, schillert immer wieder zart durch, jedoch ohne eine lähmende Bodenschwere zu bekommen. Ohnehin hat alles eine kammermusikalische Transparenz die vorbildlich ist. Das Solistenensemble der Frankfurter Oper ist wie der Chor in bester Verfassung. Amanda Majeskis Gänsemagd betört mit tragfähigem Piano, lyrischer Kantilene und strahlkräftigen Ausbrüchen sowie packender Dramatik im letzten Akt. Hingebungsvoll sind hier die Sequenzen von  ihr emotional gestaltet, nichts wird einfach nur heruntergesungen, alles steht im Kontext eines sich konsequent entwickelnden, packenden Rollenporträts. Daniel Behles jungendlicher Tenor scheint als Königssohn kaum Grenzen zu kennen, sorgfältige Deklamation und mitreißendes, heldenhaftes Aufbrausen gehen bei ihm Hand in Hand. Sein aus dem Mozartfach kommender und liederfahrener Tenor hat hier einen poetischen Erzählduktus, der der Partie bestens steht. Er phrasiert kraftvoll und direkt bis in die sichere Höhe hinein und ist im Zusammenspiel mit Amanda Majeski ideal besetzt. Nikolay Borchevs Spielmann trifft einen wunderbar melancholischen Ton, der junge, hörbar musikantische Bariton blüht zudem immer wieder einnehmend auf, ist präsent im Zusammenspiel und erreicht in der Schlussszene ergreifend tragische Größe. Dazu kommt Julia Jons vokal stabile Hexe, die hinter ihrer Bedrohlichkeit eine fast mütterliche Wärme durchscheinen lässt und  dem Charakter dadurch Tiefe verleiht. Diese Veröffentlichung ist eine wunderbare Bereicherung der schmalen Königskinder-Diskographie, die sich vor Heinz Wallbergs Münchner Referenzaufnahme (mit Helen Donath, Adlf Dallapozza und Hermann Prey) nicht verstecken muss.

märchenopernBrother Grimm’s Fairy Tales in Operas ist eine jener spartanisch ausgestatteten 10 CD-Box überschrieben, die derzeit zum märchenhaften Preis von kaum mehr als einem Euro pro CD erhältlich sind und auf denen sich auch schon mal ein seltenes Sammlerstück versteckt (the intense media 600100).  Das mit den Märchen der Brüder Grimm darf man dabei freilich nicht allzu ernst nehmen, denn sie lieferten nicht zu allen der hier versammelten sechs Opern die Vorlage. Wohl aber für Humperdincks Hänsel und Gretel-Oper,  die in der bekannten, klassischen Karajan-Einspielung von 1953 (EMI) mit Elisabeth Schwarzkopf (Gretel) und Elisabeth Grümmer (Hänsel) den Reigen eröffnet. Beim Wiederhören atmet diese erste offizielle Einspielung des Märchenspiels den Geist einer anderen Zeit, vor allem in Artikulation und mancher Manieriertheit der Sänger(innen), die man heutzutage zu Gunsten einer volksliedhafteren Natürlichkeit allgemein hin aufgegeben hat. Karajan lässt das Philharmonia Orchestra funkeln und schunkeln, kostet das Tonpoem des Waldes aus und kitzelt eine schöne Mischung aus Dämonie und Witz aus den Hexenpassagen heraus. Josef Metternich und Maria von Ilosvay sind die stimmkräftigen, allzu seriösen Eltern und Else Schürhoff eine kindgerechte Hexe.

Die heute vielleicht unbekannteste Aufnahme der Box ist die auf knapp zwei Stunden heftig eingekürzte Cenerentola unter Vittorio Gui, die 1953 im Zusammenhang mit gefeierten Aufführungen in Glyndebourne entstand (früher bei der EMI). Die Aufnahme ist stilistisch auf der Höhe ihrer Zeit, Juan Oncina (Don Ramiro) am Anfang seiner Karriere noch frisch, mit zuverlässig biegsamen Tenor und lyrisch ausdrucksstark, Marina da Gabarain, die nur wenige aufgenommen hat, besitzt als Angelina einen natürlich Charme und brennt zwar kein Koloraturfeuerwerk ab, zieht sich aber mehr als beachtlich aus der Affäre. Sesto Bruscantinis Dandini und Ian Wallaces Magnifico sind ein treffliches Buffopaar, nie zu überdreht und doch stets den Schalk in der Stimme. Höhepunkt ist aber Vittorio Guis legeres und doch prickelndes, überschäumendes Dirigat in bester Buffa-Manier.

Carl Orffs inzwischen leider viel zu selten gespielte Einakter Der Mond und Die Kluge sind in den wunderbaren Sawallisch-Aufnahmen enthalten, die Mitte der 1950er entstanden. Die Werke würden dringend einer inhaltlichen Neudeutung bedürfen, sind beides doch als Märchen verkleidete Parabeln über Herrschafts-, Besitz- und Machtwillkür in dunklen Zeiten, komponiert während der Zeit des Nationalsozialismus. In dieser EMI-Produktion stimmt alles: Rhythmik, Dynamik, Effekt. Die Sänger sind handverlesen und können mit Orffs süddeutschem Idiom und seinen Sprachmelodien bestens umgehen: Hotter, Schmitt-Walter, Kuen, Cordes, Frick, Kusche, Prey zählen dazu und eine mit reiner Unschuldsstimme, opernhafte Attitüden vermeidende Elisabeth Schwarzkopf als kluge Bauerntochter.

Humperdincks Königskinder in der WDR-Produktion von 1952, die es inzwischen in mehreren Editionen gibt, ist allen, die sie immer noch nicht kennen unbedingt anzuempfehlen. Vor allem wegen Peter Anders’ strahlendem Königssohn und Dietrich Fischer Dieskaus ungewohnt lockerem Spielmann. In einem guten Sängerensemble sind sie die herausragenden Interpreten neben der nicht nur in Köln geschätzten Käthe Möller-Siepermann, die man auch aus Marszaleks Operetten-Produktionen kennt, die sich hier aber als Gänsemagd zu sehr eines Spieloperntons bedient. Richard Kraus hat das alles sicher im Griff und lässt Humperdincks verkannter Partitur die nötige Ernsthaftigkeit angedeihen.

Den Abschluss bildet Herzog Blaubarts Burg in der deutschsprachigen Fassung, die Ferenc Fricsay 1958 für die Deutsche Grammophon in Berlin mit dem dortigen RSO aufnahm und als eindringliches Kammerspiel zwischen Spätromantik und Moderne Klang werden ließ. Das hat mit dieser Mischung aus Emotionalität und klarer Struktur kaum noch einer geschafft. Zudem waren Dietrich Fischer-Dieskau und Herta Töpper damals ideale Interpreten, die auch heute noch die Faszination an dieser mustergültig gelungen Produktion vermitteln können. Wer auch nur eine der Aufnahmen dieser CD-Box nicht im Regal stehen haben sollte, möge zugreifen!

Moritz Schön