Luxuriöse Auferstehung

 

Was lange währt, wird endlich gut, kann auch für die Aufnahme von Bizets Carmen unter Thomas Beecham gelten, denn erst drei Jahre nach Beginn der orginalen Columbia-Produktion kamen die LPs 1959 auf den Markt. Die Protagonistin Victoria de los Angeles hatte sich mit dem Dirigenten heillos zerstritten und war  mitten in den Aufnahmen überraschend abgereist. Erst nach zwei Jahren des Schmollens wurden die Arbeiten nach einer Versöhnung wieder aufgenommen worden. Da hatte sich nach Meinung des Tenors dessen Stimme bereits so stark verändert, dass Nicolai Gedda auf einer Neuaufnahme seiner bereits eingespielten Szenen bestand.

Die Entstehungsgeschichte allerdings ist nicht das Bemerkenswerteste an der Aufnahme, sondern die Tatsache, dass sie mit der traditionellen Auffassung von dem Werk als reichlich Knalligem, Schwülem, Pathetischem bricht, an dessen Stelle  Durchsichtigkeit, Eleganz, Esprit, ja Ironie setzt, straff in der Toréador-Szene, allerdings etwas matt im  Kartenterzett und wenig dramatisch zum Schluss des dritten Akts  ist. Die femme fatale würde sich optisch nicht mit Hüfte- und Röckeschwenken in Szene setzen, sondern auf subtilere Art zu verführen wissen, so wie Victoria de los Angeles, zuvor oft als Micaela eingesetzt,  vokal nicht der vorherrschenden Idealvorstellung der meistens von einem Mezzosopran verkörperten Partie entspricht. Sie singt die Habanéra unbekümmert mit einem kleinen frivolen Schlenker, die Seguidilla verspielt verheißungsvoll, das Chanson zu Beginn des 2. Akts in immer schneller werdendem Tempo und das Kartenterzett ganz ohne Pathos, eher kühl fatalistisch. Die Sopranstimme bewirkt natürlich auch, dass es das Gefälle von frisch bis sinnlich-verheißungsvoll auf „l’amour“ im zweiten Akt nicht mehr gibt. Im Schlussduett  deklamiert diese Carmen eher, als dass sie singt, während Don José-Gedda sich durch leidenschaftlichen Gesang von ihrer Auffassung abhebt. Nicolai Gedda hat im Don José eine Grenzpartie, besonders im dritten Akt, gefunden. Aber das Duett mit Micaela singt er wunderschön verhalten, mit einer zärtlichen Fermate auf „femme“, poetisch erklingt die Blumenarie mit einem Schwellton am Schluss, mehr Gewicht scheint das kurze Duett mit Carmen zu Beginn des dritten Akts zu haben, als man es gewöhnt ist. Die Diktion ist exemplarisch.

Janine Micheau, obwohl nicht mehr ganz frisch, ist eine anrührende, hellstimmige Micaela, sehr süß, sehr zart, die beiden Soprane heben sich voneinander nicht so sehr durch unterschiedliche Stimmen ab, sondern durch eine unterschiedliche Art und Weise, wie diese eingesetzt werden.. Sie weiß Interesse für ihre Arie zu wecken und hat einen schönen wehmütigen Klang am Schluss des 3. Akts in der Stimme. Ernest Blanc, der in Bayreuth einst den Telramund sang, hat die typischen, allerdings geringfügigen Probleme eines Baritons in der Partie des Escamillo. Vollmundig singt Xavier Depraz den Zuniga, Bernard Plantey eher schütter den Morales. Die Übrigen legen ein irres Tempo beim Schmugglerquintett voller Präzision vor.

Ausgesprochen duftig klingt der Männerchor im ersten Akt, viel Peng bringt der Kinderchor für seinen militärischen Auftritt mit. Das Ganze ist wie ein Buch aufgemacht, natürlich das Libretto in drei Sprachen ein interessanter Artikel über die Aufnahme sowie Fotos von derselben-ein ideales Geschenk für Opernliebhaber. (Warner Classics 0825646994489Ingrid Wanja