Weltpremieren und andere Köstlichkeiten

 

Das großangelegte und ambitionierte Naxos-Projekt, erstmals sämtliche Ouvertüren des unermüdlichen französischen Komponisten Daniel-François-Esprit Auber einzuspielen, schreitet voran. Mittlerweile ist man bei Vol. 4 angelangt (Naxos 8.574143). Erfreulicherweise wird abermals auf den genialen schottisch-italienischen Dirigenten Dario Salvi gesetzt, der bereits die drei vorhergehenden CDs eingespielt hat. Wie schon in Vol. 3, kommt auch diesmal das Mährische Philharmonische Orchester zum Einsatz.

Die bekannteste Beigabe der mit gut 78 Minuten voll ausgereizten Compact Disc ist ohne Frage die auch künstlerisch herausragende Ouvertüre zu Fra Diavolo von 1830, neben La Muette de Portici die bis heute meistgespielte (auch wenn das leider nicht mehr viel heißt) Auber-Oper (und wie alle anderen enthaltenen mit Libretto von Eugène Scribe). Hier muss sich die Neueinspielung folglich auch der prominentesten Konkurrenz stellen. Es darf gleichwohl konstatiert werden, dass Salvi eine feurige Lesart abliefert, die keine Vergleiche zu scheuen braucht und ähnlich überzeugt wie die klassischen Schallplatteneinspielungen von Albert Wolff (Decca, 1954), George Szell (CBS, 1957) und Paul Paray (Mercury, 1959). Wirklich gelungen auch die im Folgejahr komponierte Ouvertüre zu Le Philtre. Aus der Ära der Julimonarchie stammen ebenso die Ouvertüren zu Actéon (1836) und Le Duc d’Olonne (1842), letzteres um teils sehr knappe Entr’actes bereichert, wie bereits bei Fra Diavolo und Le Philtre der Fall. Es tut sich der Eindruck einer gewissen Austauschbarkeit auf, doch zumindest die Introduction zum zweiten Akt von Le Duc d’Olonne mit ihrem militärisch-marschartigen Charakter hat hohen Wiedererkennungswert.

Die Weltersteinspielungen umfassen (abgesehen von zwei Entr’actes) vor allem die Orchesterstücke aus dem Spätwerk La Fiancée du Roi de Garbe von 1864. Es ist erstaunlich, aber der Stil Aubers hat sich auch mit über 80 Jahren nicht grundlegend verändert. Neben der fast neunminütigen Ouvertüre sind der Schlusstanz des ersten Aufzuges, der Beginn des zweiten Aktes sowie das Mélodrame des dritten enthalten. Dass Auber in den 1860er Jahren, obschon als kaiserlicher Hofkapellmeister Napoleons III. und Direktor des Pariser Konservatoriums der formal erste Komponist Frankreichs, nicht mehr den neuesten musikalischen Stil wiedergab, liegt auf der Hand. Es schwingt eben bis zuletzt der Geist der Zeit vor 1848 unverkennbar mit.

Die eigentliche Überraschung der Neuproduktion stellt mit La Fête de Versailles gar keine Ouvertüre dar, sondern eine Festmusik anlässlich der Einweihung des Museums im Schloss Versailles Anno 1837 unter dem Bürgerkönig Louis-Philippe I. Es handelt sich um einen musikalischen Streifzug durch die französische Geschichte vom Sonnenkönig Ludwig XIV. über das Rokoko, die Französische Revolution, das darauffolgende napoleonische Zeitalter, die Restauration und eben schließlich die als friedlich charakterisierte (und insofern etwas verklärte) Julimonarchie. Zahlreiche musikalische Zitate lassen sich finden, darunter die Marseillaise und seinerzeit populäre Werke von Auber selbst (La Muette de Portici, Fra Diavolo, Gustave III). Auch dieses sehr hörenswerte Stück erfährt hier seine allererste Einspielung überhaupt. Ein weiteres Mal also eine Bereicherung der Diskographie und für jeden Freund von Opera-comique und Grand opéra eigentlich ein Pflichtkauf. Klanglich ausgezeichnet, das Beiheft knapp aber gediegen (Englisch und Französisch). Daniel Hauser

 

Daniel-François-Esprit Auber war einer der wichtigen französischen Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts. Heute ist sein Ruhm allerdings etwas verblasst, aufgeführt werden seine Opern nur selten. Und doch erscheint eine großangelegte Ouvertüren-Edition beim Label Naxos. Auber als „Influencer“ der Oper Neudeutsch formuliert: man entdeckt Auber heute als wichtigen Influencer wieder. Man kann eigentlich sagen, er ist ein bisschen der Carl Philipp Emanuel Bach der Oper: Auber hat fast alle beeinflusst – Lortzing, Wagner und Rossini und er hat mit seiner Manon Lescaut eine Steilvorlage für Massenet und Puccini geschaffen. Aubers Musik klingt in der Instrumentierung eher schlank und auch immer ein bisschen wie Offenbach nach Orchestergraben; die Ouvertüren riechen noch nach Theaterluft und wirken nicht wie verhinderte Konzertpiecen.

Dirigent Dario Salvi bildet die Musik mit ihren Stärken und Schwächen so ab, wie sie ist, er versucht nichts zu flicken – auch hier erleben wir Auber mal als Routinier mit mageren Einfällen, als mittelmäßigen Orchestrierer, dann wieder als Genie, sprühend vor Esprit. Anders als die vorige CD mit Auber-Ouvertüren, vol. 2, , wo vor allem Frühwerke zu hören waren, findet man hier Opern der mittleren und späten Jahre, viele davon völlig unbekannt – insgesamt eine sehr schöne und abwechslungsreiche Mischung (8574007, mit Auber Ouvertrüren, vol. 3,  zu La Bacarolle, Lestocq, Les Chaperons blancs, La Muette de Portici, Le Serment, Rêve d´amour; Moravian Philharmonic Orchestra, Dirigent Dario Salvi). Matthias Käther

 

Die sehr durchwachsene Kritiken zu ersten Auber-Ouvertüren-CD mag Naxos veranlasst haben, nun doch auf andere Interpreten zu setzen. Mit dem Tschechischen Philharmonischen Kammerorchester Pardubice unter dem schottisch-italienischen Dirigenten Dario Salvi konnten bei dieser Neuerscheinung (Naxos 8.574005) nun andere Künstler gefunden werden, mit denen das Mammutvorhaben offenbar bestritten werden soll. Und soviel darf bereits vorausgeschickt werden: Es hat sich wirklich gelohnt. Wie im knappen, aber informativen Begleittext von Robert Ignatius Letellier betont wird, wurde diesmal besonderer Wert auf den richtigen französischen Spielstil gelegt und sich zudem akribisch an die originalen Metronomvorgaben Aubers gehalten. Letellier bietet eine kurze Einführung zu den insgesamt 16 eingespielten Stücken aus acht Opern. Von allen liegen nunmehr die Ouvertüren vor; teilweise wurde zudem Aktvorspiele berücksichtigt. Abgesehen von einem einzigen Fall handelt es sich sämtlich um Weltersteinspielungen, was diese Neuerscheinung umso kostbarer macht. Man verzichtete (vielleicht bewusst) auf die landläufig bekanntesten Auber’schen Ouvertüren und setzte gewissermaßen auf volles Risiko. Das Ergebnis gibt dem Unterfangen Recht. Im Mittelpunkt steht der frühe Auber vor seinem endgültigen Durchbruch mit La Muette de Portici (1828) und Fra Diavolo (1830). Bis auf die 1813 noch unter Napoleon entstandene Ouvertüre zur Oper Le Séjour militaire erhält man ein reizvolles musikalisches Portrait der Ära der Restauration (1815-1830), die mit den Opern Le Testament et les Billets doux (1819), Le Bergère châtelaine (1820), Emma, ou La Promesse imprudente (1821), Leicester, ou Le Château de Kenilworth (1823), La Neige, ou Le Nouvel Éginard (1823), Le Maçon (1825) sowie Le Timide, ou Le Nouveau Séducteur (1826) ausgezeichnet abgebildet wird. Spritzigkeit und Esprit – nomen est omen – sind all diesen Werken gemein. Die Ouvertüren dauern zwischen knapp sechs und knapp neun Minuten und zeigen einen gewissen italienischen Einfluss á la Rossini, ohne jedoch dafür ihr urfranzösisches Idiom zu opfern. Auber darf mit Fug und Recht zu den französischsten Compositeuren überhaupt gerechnet werden, das wird noch einmal ganz klar deutlich. Kein Wunder, dass sein wohlklingender, aber nie oberflächlicher Stil gerade in der Restaurationsära Ludwigs XVIII. und Karls X. sowie später in der Juli-Monarchie Louis-Philippes ankam. Wie das Booklet kundig weiß, entwickelte sich besonders Le Maçon zu einem Dauerbrenner, der bis 1896 nicht weniger als 525 Aufführungen in Paris erlebte und sich in Deutschland unter dem Titel Maurer und Schlosser bis in die 1930er Jahre im Repertoire halten konnte. Künstlerisch von besonderem Rang ist aber gerade auch Leicester, nicht nur die erste so folgenreiche Zusammenarbeit mit Eugène Scribe, sondern auch aufgrund des royalen Sujets bereits auf den gewichtigeren späteren Stil Aubers hinweisend, der sich in den fünfaktigen Grand opéras – eine Gattung, die Auber gewissermaßen „erfand“ – La Muette de Portici und Gustave III, ou Le Bal masqué (1833) voll entwickelt hatte. Es nimmt nicht wunder, dass die Leicester-Ouvertüre am ausgedehntesten gerät. Die orchestrale Darbietung ist sehr adäquat, schön detailliert, nie dick oder zähflüssig, auf der anderen Seite aber auch nicht Gefahr laufend, allzu kammermusikalisch zu erklingen. Salvis Dirigat lässt den Werken hörbar Gerechtigkeit widerfahren. Die sehr gute Klangqualität dieser zwischen 28. und 31. Oktober 2018 im Kulturhaus Dukla in Pardubice in Tschechien eingespielten Aufnahmen unterstreicht dies noch. Volle Punktzahl in allen Belangen (weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.)Daniel Hauser