Kleiner und großer Zauber

 

Daniel-Francois-Esprit Auber gehörte einst zu den erfolgreichsten Opernkomponisten Frankreichs, und so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Peter Tschaikowsky, Richard Wagner und Jacques Offenbach haben ihn bewundert: Daniel-Francios-Esprit Auber. Einst waren Werke wie Fra Diavolo oder Muette de Portici Kassenhits, heute werden sie kaum noch gespielt. Jetzt sind gleich mehrere neue Auber-Cds auf dem Markt erschienen. Zwei Aufnahmen im Qualitäts-Check:

Selbst den Hardcore-Fans sei von dieser Ausgrabung der Macon aus dem Archiv des Österreichischen Rundfunks abgeraten. Der Staub liegt fingerdick auf dieser Version. Das ist umso tragischer, als eine Reanimierung von Le Macon dringend geboten erscheint, nicht umsonst war dies das erfolgreichste Jugendwerk des Komponisten und besonders im Deutschland des 19. Jahrhunderts so etwas wie der beste Lortzing, der nicht von Lortzing selbst stammte.

Allerdings ist eine Verstümmelung der dreiaktigen Partitur auf eine knappe Radiostunde selbst für die Fünfziger ein bisschen heftig. Wir bekommen eine dunkle Ahnung, dass dies im Original ein hübsches Werk gewesen sein muß. Das wars auch schon. Denn grässliche Tonqualität (Übersteuerung), biedere Zwischentexte und stilistisch völlig ungenügende Stimmen verhindern jeglichen Genuss. Sagt ein hundertvierprozentiger Auber-Fan. Dann muss es schon schlimm sein.

 

Das Zauberpferd (Le Cheval de Bronze): Ein andres Kaliber ist da schon der zweite Fund, eine Aufnahme unter Kurt Richter mit Stimmen wie Kurt Equiluz und Wilma Jung, eine Studioaufnahme aus dem Jahr 1953. Mittelklasse mit Ausreißern nach oben. Zwei Dinge überzeugen hier: erstens wurde vieles aus der Originalpartitur übernommen – es gibt keine Dialoge und 86 Minuten Musik von Auber, netto ist das eine Menge Musik für diese Ära, zum andern ist in dieser durchgeknallte Oper, in der es um Chinesen geht, die zur Venus fliegen, vieles immer noch lustig anzuhören. Stilistisch ist auch dies nicht gerade das, was wir von einer Opera comique heute erwarten würden, aber als launige Spieloper geht das immer noch passabel durch.

Eine positive Überraschung: man hat sich hier mal nicht, wie so oft damals, vor den extrem schwer zu singenden Passagen gedrückt. Aubers Werk wurde nicht zur Operette degradiert, zu meiner Überraschung hat man die gefürchtete große Koloraturarie aus dem dritten Akt hier gnadenlos einsingen lassen; Prinzessin Stella wird geträllert von Herta Schmidt, und das macht sie für 1953 ganz ausgezeichnet. Diese Nummer allein ist den Kauf schon wert.

(Le Macon, Tschechische Kammerphilharmonie, Dario Salvi/Leitung | Franz Fuchs, Hilde Rychling, Jenny Colon, Erich Kuchar/Naxos 9574453 ; Das Zauberpferd (Le Cheval de Bronze) ;  Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, Kurt Tenner (Leitung) | Franz Fuchs, Tino di Costa, Leo Heppe, Kurt Equiluz, Großes Wiener Rundfunkorchester, Kurt Richter/Leitung; Orfeo 2 CD C 986 192). Matthias Käther

 

(Und als PS.: Eine moderne Stereo-Aufnahme des Werkes in französischer Sprache steht ja noch aus, die bei grauen Labels/ Gala kreisende Pariser Rundfunkeinspielung mit Antony Roden unter Jean Pierre Marty  von 1979 ist durchaus empfehlenswert (Amazon), die sehr viel ältere mit Michel Senechal, ehemals Accord, ist ebenfalls sehr idiomatisch aber ein bisschen ältlich. Es wird Zeit für eine Auber-Rernaissance, zumal die Muette de Portici ehemals EMI mit June Anderson et al. auch nicht gerade die Himmel öffnet. Da bleibe ich lieber bei den Rundfunkaufnahmen mit Myer-Fredmann/ Janet Price MRF, oder Doussard/  Monique de Pondeau/ div. G. H.)

 

Die sehr durchwachsene Kritiken zu ersten Auber-Ouvertüren-CD mag Naxos veranlasst haben, nun doch auf andere Interpreten zu setzen. Mit dem Tschechischen Philharmonischen Kammerorchester Pardubice unter dem schottisch-italienischen Dirigenten Dario Salvi konnten bei dieser Neuerscheinung (Naxos 8.574005) nun andere Künstler gefunden werden, mit denen das Mammutvorhaben offenbar bestritten werden soll. Und soviel darf bereits vorausgeschickt werden: Es hat sich wirklich gelohnt. Wie im knappen, aber informativen Begleittext von Robert Ignatius Letellier betont wird, wurde diesmal besonderer Wert auf den richtigen französischen Spielstil gelegt und sich zudem akribisch an die originalen Metronomvorgaben Aubers gehalten. Letellier bietet eine kurze Einführung zu den insgesamt 16 eingespielten Stücken aus acht Opern. Von allen liegen nunmehr die Ouvertüren vor; teilweise wurde zudem Aktvorspiele berücksichtigt. Abgesehen von einem einzigen Fall handelt es sich sämtlich um Weltersteinspielungen, was diese Neuerscheinung umso kostbarer macht. Man verzichtete (vielleicht bewusst) auf die landläufig bekanntesten Auber’schen Ouvertüren und setzte gewissermaßen auf volles Risiko. Das Ergebnis gibt dem Unterfangen Recht. Im Mittelpunkt steht der frühe Auber vor seinem endgültigen Durchbruch mit La Muette de Portici (1828) und Fra Diavolo (1830). Bis auf die 1813 noch unter Napoleon entstandene Ouvertüre zur Oper Le Séjour militaire erhält man ein reizvolles musikalisches Portrait der Ära der Restauration (1815-1830), die mit den Opern Le Testament et les Billets doux (1819), Le Bergère châtelaine (1820), Emma, ou La Promesse imprudente (1821), Leicester, ou Le Château de Kenilworth (1823), La Neige, ou Le Nouvel Éginard (1823), Le Maçon (1825) sowie Le Timide, ou Le Nouveau Séducteur (1826) ausgezeichnet abgebildet wird. Spritzigkeit und Esprit – nomen est omen – sind all diesen Werken gemein. Die Ouvertüren dauern zwischen knapp sechs und knapp neun Minuten und zeigen einen gewissen italienischen Einfluss á la Rossini, ohne jedoch dafür ihr urfranzösisches Idiom zu opfern. Auber darf mit Fug und Recht zu den französischsten Compositeuren überhaupt gerechnet werden, das wird noch einmal ganz klar deutlich. Kein Wunder, dass sein wohlklingender, aber nie oberflächlicher Stil gerade in der Restaurationsära Ludwigs XVIII. und Karls X. sowie später in der Juli-Monarchie Louis-Philippes ankam. Wie das Booklet kundig weiß, entwickelte sich besonders Le Maçon zu einem Dauerbrenner, der bis 1896 nicht weniger als 525 Aufführungen in Paris erlebte und sich in Deutschland unter dem Titel Maurer und Schlosser bis in die 1930er Jahre im Repertoire halten konnte. Künstlerisch von besonderem Rang ist aber gerade auch Leicester, nicht nur die erste so folgenreiche Zusammenarbeit mit Eugène Scribe, sondern auch aufgrund des royalen Sujets bereits auf den gewichtigeren späteren Stil Aubers hinweisend, der sich in den fünfaktigen Grand opéras – eine Gattung, die Auber gewissermaßen „erfand“ – La Muette de Portici und Gustave III, ou Le Bal masqué (1833) voll entwickelt hatte. Es nimmt nicht wunder, dass die Leicester-Ouvertüre am ausgedehntesten gerät. Die orchestrale Darbietung ist sehr adäquat, schön detailliert, nie dick oder zähflüssig, auf der anderen Seite aber auch nicht Gefahr laufend, allzu kammermusikalisch zu erklingen. Salvis Dirigat lässt den Werken hörbar Gerechtigkeit widerfahren. Die sehr gute Klangqualität dieser zwischen 28. und 31. Oktober 2018 im Kulturhaus Dukla in Pardubice in Tschechien eingespielten Aufnahmen unterstreicht dies noch. Volle Punktzahl in allen Belangen. Daniel Hauser