Der Keim der Trivialität

Einen veritablen Star kann Marschners 37 Jahre später im WDR-Funkhaus in Köln aufgezeichneter Vampyr aufbieten, der jetzt bei Capriccio in einer Reihe von Wiederveröffentlichungen in schmalen Slimcases erscheint. 1999, also während der Zeit seines Stuttgarter Engagements, bringt Jonas Kaufmann, verhalten noch, Starqualitäten mit, die sich im Versuch einer Rollengestaltung beweisen, dazu natürlich dieses schöne Timbre und die sublime, charaktervolle Herangehensweise beispielsweise in seiner Arie „Wie ein schöner Frühlingsmorgen“. Kaufmann singt den Aubry, den Bräutigam der weiblichen Hauptfigur Malwina, der keiner der üblichen noblen Opernlangweiler ist, sondern, durch einen Schwur mit dem Vampir verbunden, ein zerrissener Liebhaber. Die Hauptfigur Lord Ruthven, der sein Leben verlängern kann, wenn er den Geistern innerhalb von 24 Stunden drei Bräute opfert, wird von Franz Hawlata gesungen, den ich ganz gerne höre, der hier aber eine Fehlbesetzung ist, da er für den Vampir zu wenig charismatisch ist, einfach zu biedermännisch und brav. Auch Ruthvens Opfer, Janthe (Anke Hoffmann), Malwina (Regina Klepper) und Emmy (erneut Hoffmann), vermögen den blutleeren Eindruck nicht zu korrigieren, was sicherlich auch ein Manko des Werks ist, das mir entgegen seiner opernhistorischen Bedeutung auf der Bühne immer blass erschien. Dirigent Helmuth Froschauer, Hawlata und Klepper sowie WDR Chor und Rundfunkorchester hatten sich fünf Jahre zuvor für ein kaum noch wahrgenommenes Beispiel der deutschen romantischen Oper eingesetzt:

51lHKfzWGrL Der Trompeter von Säckingen (C 5187), der auf Anhieb die unglaubliche Popularität der Vorlage erreichte, also Victor von Scheffels gleichnamigem in den letzten Jahren des 30-jährigen Kriegs spielendem Bestseller. Hanslick veranlasste der Erfolg zur berechtigten Bemerkung, „Das Merkwürdigste an dieser beispiellos erfolgreichen Oper bleibt ihr Erfolg“, und der immer mit Gewinn zu lesenden Oscar Bie hielt bei seinen Betrachtungen über die in Theorie oder Schablone erstarrende deutsche romantische Oper fest: „Das dritte war: jenen Keim der Trivialität, den alle Romantik enthält, in Reinkultur zu entwickeln. Das ist Neßler geworden“. Ohne über Sinn oder Unsinn der Oper zu räsonieren, Froschauer und seinem geschlossenen Ensemble ist eine mustergültige Wiedergabe gelungen mit Hermann Prey als Ex-Student Werner und Franz Hawlata als Soldat Conradin, mit Alfred Kuhn als Freiherr von Schönau, dem das Kabinettstückchen der Buffoarie vom Zipperlein zufällt – überhaupt bedient Nessler sein Ensemble sehr gekonnt mit wirkungssicheren Mustern in der Art des Wildschütz-Lortzing –  Klepper als Maria, Katharina Kammerloher als Gräfin usw.

51ThuvcS1OLNoch eine Wiederveröffentlichung in der Capriccio-Reihe: 1990 nahm Stefan Soltesz in Berlin Zemlinskys siebte und letzte vollendete, 1933 parallel in mehreren Städten uraufgeführte Oper Der Kreidekreis nach Klabunds „Spiel nach dem Chinesischen“ auf. Unbedingt hörenswert wegen des ganz eigenen Märchentons, den Zemlinsky findet, und der bis in die kleinen Partien, etwa Katja Borris als Hebamme, Gidon Saks als Soldat, Warren Mok als Erster Kuli und Peter Matic als Tschu-Tschu, mit einer namhaften Besetzung punktenden Aufnahme; in der Hauptrolle der malträtierten Tschang-Haitang ist die auf Tonträgern relativ selten vertretene Renate Behle besetzt, als Pao Reiner Goldberg.

51Ujo2IMX6LAntonia Fahberg ist der bekannteste Name auf der Walhall-Veröffentlichung von Marschners frühem Einakter Der HolzdiebAb 1952 bis Ende der 1970er Jahren sang sie an der Bayerischen Staatsoper. Auf dieser Aufnahme ist sie das Suschen, eine lyrische Soubrette, was auch in München ihr Fach gewesen war. Auf Wunsch ihres Vormunds, des Dorfschmieds Lorenz, soll Suschen den reichen Bauern Barthel heiraten, liebt aber den Jäger Felix. In Marschners kleinem, 1825 in Dresden uraufgeführtem Einakter, mit dem er als Musikdirektor der Dresdner Hofoper die Sache der deutschen Nationaloper vorantreiben wollte, herrscht ein unverwechselbarer deutscher Lustspielton, wie er wenige Jahre später bei Lortzing idealtypisch wiederkehrt, wie er in der Stube des Kerkermeisters Rocco herrscht oder im vier Jahre zuvor uraufgeführten Freischütz, mit dem Marschner den Textdichter Johann Friedrich Kind teilt. Musik und Begleitung, das war Programm, waren schlicht, gefällig, insgesamt 13 Nummern, kleine liedhafte Arien und wenige Ensembles, darunter ein Quartett mit anschließendem Quintett bei der Lösung der banalen Probleme. Das ist mag uns heute ein wenig einfältig erscheinen, doch Marschners Musik besitzt einen reschen volkstümlichen Ton, den der Krauss-Schüler und damalige Freiburger Generalmusikdirektor Hans Gierster, den man vor allem als langjährigen Nürnberger GMD kennt (1965-88), schlicht, wirkungsvoll und unverstellt herüberbringt. Offenbar konnte er auch noch auf ein Ensemble bauen, das keine Probleme mit dem Wechsel von Sprechtexten und Gesang hatte.

R. F.

 

Heinrich Marschner: Der Vampyr mit Jonas Kaufmann (Edgar Aubry), Franz Hawlata (Lord Ruthven), Regina Klepper (Malwina Davenaut), Markus Marquart (Lord Davenaut), Thomas Dewald (George Dibdin) u.a.; WDR Rundfunkchor Köln, WDR Rundfunkorchester Köln; Leitung: Helmuth Froschauer; Capriccio C 5184

Victor Nessler: Der Trompeter von Säckingen mit Hermann Prey (Werner Kirchhofer), Franz Hawlata (Conradin, Landsknechtstrompeter), Christoph Späth (Haushofmeister der Kurfürstin), Reinhard Hagen (Rector magnificus), Alfred Kuhn (Freiherr von Schönau), Regina Klepper (Maria), Katherina Kammerloher (Schwester des Freiherrn) u. a.; WDR Rundfunkchor Köln, WDR Rundfunkorchester Köln; Leitung: Helmuth Froschauer; Capriccio C 5187

Alexander Zemlinsky: Der Kreidekreis mit Renate Behle (Tschang-Haitang), Roland Hermann (Ma), Siegfried Lorenz (Tschao), Celina Lindsley (Mädchen), Stefan Soltesz (Pao, Kaiser) u. a.; Radio-Orchester Berlin; Leitung: Stefan Soltesz; Capriccio C 5190

Heinrich Marschner: Der Holzdieb mit Sanders Schier (Lorenz, Dorfschmied), Erika Ahsbahs (Barbara, seine Frau), Antonia Fahberg (Suschen), Johannes Hoefflin (Felix), Wolfgang Frey (Barthel, ein reicher Bauer); Chormitglieder der Städtischen Bühnen Freiburg, Kleines Orchester des Südwestfunks; Leitung: Hans Gierster; Walhall WLCD 0378