Grenzen des Restaurierens

Bei der nachstehenden CD-Besprechung legt die Firma Immortal Performances Wert darauf, noch einmal auf die Quellenlage zu verweisen, wie aus der Zuschrift von Richard Caniell, dem Produkzenten und Tontechniker zu entnehmen ist. Seine Darstellung und die Antwort des Rezensenten Christoph Zimmermann darauf finden sich im Anschluss an die Besprechung. G. H.

1927 unternahm die Mailänder Scala eine Tournee durch Deutschland,  für die vorrangig politische Umstände ausschlaggebend gewesen sein dürften. Die erste Station war München, anschließend folgte Berlin. Hier wie dort dirigierte Victor de Sabata Verdis Requiem, Puccinis Bohème sowie Aida. Die letztgenannte Aufführung (22.6.1937) wurde im Radio übertragen, allerdings ohne den 4. Akt (Booklet von Immortal Performances wörtlich: „not broadcast“).

"Aida": Gina Cigna in der Titelrolle/OBA

„Aida“: Gina Cigna in der Titelrolle/OBA

Anders als im Falle von Wagners Lohengrin (Met 1940/Elisabeth Rethberg, Lauritz Melchior u.a.) dürfte diese Lücke eine definitive sein. Somit war die Berliner Aida ein besonderer „Fall“ für Tonmeister Richard Caniell. Seine vervollständigende Restaurationsarbeit (zuvor gab es bereits Fragment-Veröffentlichungen) zog sich an die vier Jahre hin. Ohne den Finalakt wäre für Caniell eine Edition nicht vorstellbar gewesen. Weiterhin gab auch kleinere Lücken auszubügeln. Das fehlende Vorspiel ersetzte er durch die Einspielung, welche Sabata 1939 mit den Berliner Philharmonikern gemacht hatte. Bereits hier merkt man, welch ein vulkanischer, elektrisierender Pultstratege dieser Dirigent ist. Der glutvolle, scharf geränderte Klang erinnert an Toscanini, der freilich de Sabatas exzentrische Gestik am Pult nicht mochte. Die Sänger in Berlin waren weitgehend erste Sahne. Gina Cigna trat als Aida 1937 auch an der Met und an Covent Garden. Auf. Beniamino Gigli hatte den Radames hingegen erst kurz zuvor in Rom ausprobiert.

"Aida": Beniamino Gigli als Radames/OBA

„Aida“: Beniamino Gigli als Radames/OBA

Beide Künstler sind auch in anderen, zeitnahen Aida-Livemitschnitten greifbar: die Cigna in einem New Yorker vom 6.2.1937 (Dirigent: Ettore Panizza), Gigli in einem Londoner vom 24.5.1939 (Dirigent: Thomas Beecham). Die beiden Aufführungen bildeten für Richard Caniell meiner Meinung nach die Quellen für seinen „Pasticcio“-Akt. Es kam ihm zugute, dass Verdi hier kaum wirkliche Duett-Passagen geschrieben hat, so dass er die jeweils korrekte Rollenbesetzung sozusagen „störungsfrei“ wählen konnte. Warum sich Caniell bei den viereinhalb Minuten „L’abborita rivale“ meiner Meinung nach für Bruna Castagna (Met) entschied, ist nicht ganz einsichtig. Auch hätte der Tonmeister, der seine Arbeitsmethode ja grundsätzlich darlegt, die Besetzungen in den einzelnen Tracks ruhig penibel angeben können. So geht unter, dass es meiner Meinung nach kurze Einwürfe von Maria Caniglia (London) und Giovanni Martinelli (New York) gibt, Für die „very brief“-Passagen von Tancredi Pasero (Ramfis) in der Gerichtsszene wird die Angabe „from the Victor 78s (1946)“ gemacht. Damit dürfte die unter Tullio Serafin entstandene römische Studioaufnahme gemeint sein, die für das Aufnahmejahr ungewöhnlich „schellack-kratzig“ klingt (Rausch-Zusatz?).

"Aida": Victor de Sabata dirigiert/OBA

„Aida“: Victor de Sabata dirigiert/OBA

Dirigent und Hauptprotagonisten wurden bereits erwähnt. Gina Cigna imponiert mit lodernder Emphase und Leidenschaft. Beniamino Gigli (sein erster Auftritt vom Bühnenhintergrund her zur Rampe setzte dem Klangrestaurator merkliche Grenzen – es gab in Berlin keine Bühnenmikrophone) bietet einen kultivierten, aber auch ungemein kraftvollen Radames. Wegen Ebe Stignani müsste Verdis Oper eigentlich „Amneris“ heißen. Ihre Darstellung besitzt hinreißende Mezzo-Leuchtkraft und imperale Autorität. Paseros Ramfis bewegt sich auf vergleichbarer vokaler Höhe. Porträts von eher sekundärem Rang bieten Franco Zaccarini (König) und Ettore Nava (Amonasro). Historisch interessant ist der letztgenannte Künstler aber deswegen, weil er keine offiziellen Aufnahmen machte (Angabe Booklet, bei Kutsch/Riemens wird allerdings ein Aida-Querschnitt vom Beginn der 50er Jahre genannt), so dass – ähnlich wie bei seinem Bariton-Kollegen Julius Huehn – Livemitschnitte die einzige Möglichkeit sind, sich von der Stimme ein Bild zu machen.

Nordfassade und östliches Bühnenhaus der Berliner Staatsoper, Fotografie 1949 (Foto: Tiedemann/ Landesdenkmalamt Berlin, Fotoarchiv)

Nordfassade und östliches Bühnenhaus der Berliner Staatsoper, Fotografie 1949 (Foto: Tiedemann/ Landesdenkmalamt Berlin, Fotoarchiv)

Gigli-Freunde dürften sich über den üppigen Bonus-Anhang freuen. Er bietet in Ausschnitten eine eher rare Partie des Sängers, nämlich den Enzo in Ponchiellis La Gioconda. Von der Rundfunkübertragung am 10.7.1934 aus Cremona (offenbar eine wichtige Stadt vor den RAI-Nachkriegsjahren – immerhin dirigiert auch Tullio Serafin) existieren lediglich Szenen, von denen einige für Caniell zudem akustisch nicht anbietbar schienen. So stockt er den Querschnitt mit zwei Einzelaufnahmen Giglis von 1927 auf (darunter „Cielo e mar“). Über die günstigen Aida-Eindrücke hinaus ist für ihn wie auch für Gina Cigna im Grunde nichts zu sagen. Mario Basiolas Barnaba ist zweimal zu hören, Gianna Pederzinis Laura einmal. Zu der Komplettbesetzung gehörten noch Elena Nicolai und Tancredi Pasero. Zuguterletzt: Gigli als Nemorino, Duca und Canio in Mitschnitten von seiner Rückkehr in die USA nach längerer Abwesenheit. Interessant der Rahmen: am 2.10.1938 stand Eugene Ormandy am Pult des Detroit Symphony Orchestra. Christoph Zimmermann

 

Giuseppe Verdi: Aida (Akt 1-3, Akt 4). Gina Cigna. Beniamino Gigli, Ebe Stignani, Ettore Nava, Tancredi Pasero, Franco Zaccarini, Chor und Orchester der Mailänder Scala: Victor de Sabata (Berlin 1937) (Immortal Performances 1034-3)

 

To Geerd Heinsen/31. Juli 2014:  In connection to Mr. Zimmerman’s comment, as to not understanding why Castagna was used to sing Amneris in the Act IV reconstruction, I have now learned from Immortal Performances that an accidental and erroneous ascription was made in  the booklet tracking accompanying the CDs. Castagna was mistakenly given as the singer in the tracking at „L’Abborrita revale“, but it is actually Stignani throughout. As the author of the reconstruction, I confirm what is stated in my Recording Notes, that Stignani was used throughout. We apologize for this error. I further confirm that Martinelli is not heard, neither in a phrase or word in the Tomb scene; it is Gigli throughout, notwithstanding Mr. Zimmermann’s opinion. If it was Martinelli I so would indicate. Cigna and Gigli are heard throughout the Tomb scene except for the few lines which Aida and Radames sing simultaneously. These lines derive from the 1939 Covent Garden Gigli-Caniglia but she is barely recognizable because Gigli’s voice is so far forward. I do indicate in my notes that this performance was my source, as well as Cigna in the 1937 Met Aida.

Richard Caniell/ Producer and Sound Engineer/ Immortal Performances

 

Christoph Zimmermanns Antwort auf Richard Caniells Einwände: In letzter Zeit hat der Autor dieser Zeilen drei historische Opern-Livemitschnitte des Labels „Immortal Performances“ rezensiert, die mit viel audio-technischem Aufwand und Liebe zum Gegenstand  dem heutigen Hörer wiedergewonnen wurden: 2 Wagner-Aufführungen der Met (Meistersinger 1936, Lohengrin 1940) sowie eine Aida 1937 in Berlin als Gastspiel der Mailänder Scala. Die Besprechungen in Operalounge  gingen umfänglich auf die Restaurationsarbeit von Richard Caniell ein, dem verantwortlichen Toningenieur, wobei der hohe Respekt vor dessen Arbeit eigentlich mehr als deutlich geworden sein sollte. Eine Leserzuschrift von Caniell jedoch lief darauf hinaus, dass der Rezensent vieles falsch gehört und dargestellt habe.

Die Aida war ein Objekt besonderer Art. Von dem Berliner Mitschnitt (in der akribischen Diskografie von Karsten Steiger, auf welche sich der Rezensent stützt, ist er als offenbar relativ neuer „Fund“ nicht verzeichnet) fehlte der komplette 4. Akt. Die Protagonisten waren mit ihren Partien aber erfreulicherweise auch in anderen, zeitnahen Aida-Livemitschnitten greifbar: Gina Cigna in einem New Yorker vom 6.2.1937 (Dirigent: Ettore Panizza), Beniamino Gigli in einem Londoner vom 24.5.1939 (Dirigent: Thomas Beecham). Diese beiden Aufführungen bildeten für Richard Caniell die Quellen für seinen „Pasticcio“-Akt. Ihm kam dabei zugute, dass Verdi hier kaum wirkliche Duett-Passagen geschrieben hat, so dass er die jeweils korrekte Rollenbesetzung quasi „störungsfrei“ benutzen konnte. (Die Fehlinformationen re Bruna Castagna erklärt Richard Caniel oben./G. H.) Was vokale „Randeinwürfe“ betrifft, ist nach nochmaligem Hören bei den ursprünglich gemachten Behauptungen zu bleiben. Aidas wenige Worte in „La fatal pietra“ (CD 3, Track 1, 1’37- 1’39) müssen, da Gigli den Radames singt, ganz einfach von Maria Caniglia (London 1939) stammen. In Track 8 ist kurz (2’10 – 2’14) eine völlig andere (dunklere) Radames-Stimme zu hören, die nach Lage der Dinge keinem anderen Sänger als Giovanni Martinelli zugeschrieben werden kann. Seine Aida-Rezension hält der Autor weiterhin in allen Belangen für korrekt

Christoph Zimmermann/ 3. August 2014

.. und nun, zum wirklich letzten Mal, eine Entgegnung von Richard Caniell (8. August 2014): Following Mr. Zimmerman’s assertion I again compared the Gigli-sung four words (Il tripudio dei Sacerdoti – three seconds in length) to the Martinelli sung four words (in the 1937 Met Aida). Both sing the four words low, both are recessed in sound, only Martinelli pronounces the four words more incisively or clearly than does Gigli, who is heard in my reconstruction. The texture of their voices distinguishes them from each other. (…)

 

Die Diskussion ist hiermit geschlossen, weil die Argumente endgültig klar sind. G. H.