Gar nicht provinziell

Eine der wenigen noch ab und zu im Repertoire befindlichen Opern mit exotischem Flair, in der Zeit von Kolonisierung und Industrialisierung besonders in Frankreich hoch geschätzt, sind Bizets Pêcheurs de Perles vor allem dank ihrer Wunschkonzert-Hits, der Tenorarie und dem Duett Tenor/Bariton. Während drei Vorstellungen im Mai 2012  wurde im Teatro Municipale Giuseppe Verdi di Salerno eine Aufzeichnung gemacht, die trotz der nicht wirklich vorhandenen französischen Stimmen wegen ihrer guten Sänger gar nicht provinziell, sondern sehr hörenswert ist. Zu verdanken ist das auch Daniel Oren, der mit dem heimischen Orchester nicht nur ein zurückhaltender, aber zuverlässiger Begleiter ist, sondern in der Ouvertüre einen feinen, durchsichtigen Klang erzeugt, ein flirrendes Anschwellen der Orchesterstimmen wie von der Sonne beschienene Wasserkaskaden. Nicht besonders französisch trotz der Originalsprache klingt der Chor, eher noch der der Damen in deliziösem Schweben. Aber auch das rasante Sombres divinités“ wird vom Gesamtchor ansprechend gestaltet.

Über die Sänger lässt sich nur Lobendes berichten, sogar über den Nourabad von Alistair Miles, den man zuletzt schon schlechter gehört hatte, der hier aber bis auf einen verunglückten hohen Ton eine exakt konturierte, dunkle Bass-Stimme voll strenger Autorität vernehmen lässt.  Nicht ganz so schlank, wie man ihn sich für den Zurga wünscht, aber ungemein farbig, ist der Bariton von Luca Grassi, mit energischem Attackieren des Tons, guter Diktion und im Duett „Au fond du temple saint“ eher das irdische, bodenständige Element vertretend. Ihm gelingt ein kühner Intervallsprung, und die Höhe ist erfreulich präsent.

Von zarterer Natur ist die helle Tenorstimme von Celso Albelo für den Nadir. Die leichte Emission der Stimme, die sichere Höhe lassen eine leichte Anämie der Stimme tolerieren. Im Duett verkörpert sie auf jeden Fall das poetische Element. Auch seine Romanze „Je crois entendre encore“ singt er nach einem ausdrucksvoll gestalteten Rezitativ sehr sensibel und damit rollengerecht und stilsicher.

Vom Koloratursopran und begehrter Königin der Nacht kommend, nähert sich Desirée Rancatore dem lyrischen Fach und damit der Leila, die ihr allerdings auch noch die Möglichkeit bietet, in einer raffinierten Kadenz ihrer Cavatine zu brillieren. Bewundernswert ist der schwebende Klang der ungemein süß klingenden Stimme, auch die Mittellage weist keine Defizite auf. Lediglich im Duett des zweiten Akt lassen sich leichte Schwächen im Volumen hören. Im Duett mit Zurga machen ein sicherer Intervallsprung und ein irrer Spitzenton den Hörer staunen. Man staunt also auch, was die italienische Provinz, die hier gar nicht provinziell ist, vermag (2 CD Brillant Classics 94434), auch wenn man sich das Ganze vielleicht frnzösischer vorstellen kann. Aber wir sind ja auch in Italien, und selbst in Frankreich findet sich kaum noch eine durchgehend frankophone Besetzung in diesen Tagen.

Ingrid Wanja