Führend als Sachs: Friedrich Schorr

Zu den jüngsten IP-Veröffentlichungen gehören – nach Lohengrin und Aida – auch Wagners Meistersinger von Nürnberg (Met 1936). Und auch diesmal ist mit der engagierten Restaurationsarbeit von Richard Caniell zu beginnen. Der Toningenieur hatte zwar nicht wie bei Verdi einen kompletten Akt aus anderen Livemitschnitten zu kompilieren, lieh sich für Friedrich Schorrs Sach-Ansprache „Euch macht ihr‘s leicht“ aber eine 5 Jahre zuvor entstandene Studioaufnahme des Sängers aus, weil der Dirigent Artur Bodanzky diese Szene radikal zusammengestrichen hat.

"Die Meistersinger" Met 1936: Der Dirigent Arthur Bodansky auf einer Künstlerpostkarte von 1918/OBA

„Die Meistersinger“ Met 1936: Der Dirigent Arthur Bodansky auf einer Künstlerpostkarte von 1918/OBA

Dessen Entscheid ist umso weniger nachvollziehbar, als der Wegfall der gewählten Passagen für den Interpreten keine erkennbare Erleichterung bringt. Auch im Preislied gibt es einen Sprung, im Bild zuvor wird Evas Ausbruch „O Sachs, mein Freund“ durch eine gravierende Lücke unverständlich. Was einem beim bloßen Hören sonst noch entgehen mag, hat Caniell festgehalten. Ein Foto von ihm (?) im Booklet zeigt ihn vor seinem Computer, im Hintergrund sieht man eine heraldische Statue. Moderne Technik und romantische Inbrunst Hand in Hand.

Richard Caniell legt nicht nur (neuerlich) seine technischen Korrekturen akribisch dar, sondern hat auch alle anderen Texte für das großartige Booklet geschrieben, sogar die Inhaltsangabe der Oper. Besonders ausführlich, ja geradezu ausschweifend äußert er sich über Friedrich Schorr und seine Gestaltung des Hans Sachs. Damit eifert er Jürgen Kesting nach, welcher dem Künstler in seinem bekannten Buch viele Seiten im Abschnitt „Erlösung für Wagner“ widmet. Eine der wichtigsten gestalterischen Kriterien für Schorr war, Wagner „aus der Melodie heraus“ zu interpretieren. Das hört man beeindruckend in der Met-Aufführung vom 22.2.1936. Allerdings deuten sich bereits die Schwierigkeiten späterer Jahre mit der baritonalen Extremhöhe an.

"Die Meistersinger" Met 1936: Friedrich Schorr/OBA

„Die Meistersinger“ Met 1936: Friedrich Schorr/OBA

Ein Rollenfoto Schorrs zeigt einen Sachs mit herab gelassenen Hemdsärmeln. Das entspricht nachgerade symbolisch seinem edel strömenden, sinnprägenden Gesang, der bei allem Humor im Detail aber nie etwas Burschikoses an sich hat. Ihn mit seinem vollständigen Sachs-Porträt zu erleben, beglückt ebenso wie Elisabeth Rethbergs komplette Eva-Partie, wunderbar fraulich, doch erstaunlicherweise weniger mädchenhaft als 4 Jahre später ihre Elsa. Dabei hat die Pogner-Tochter eigentlich noch so manch backfischhafte Züge an sich.

Von Karin Branzell als Magdalena hört man schöne, auch heitere Töne; sehr viel mehr lässt sich – halten zu Gnaden – bei einer so wenig exponierten Rolle kaum sagen. Der David zählte zu den meistgesungenen Partien von Hans Clemens. Er macht seine Sache auch wirklich gut, das hohe „H“ gelingt im nahezu perfekt. Aber er ist mit seinen 46 Jahren hörbar kein junger Mann mehr. Emanuel List (gleiches Alter) hat als Pogner einen ganz schlechten Abend. Bei seiner Rede im 1. Aufzug brechen ihm sämtliche Spitzentöne weg. Ob Eduard Habich als Beckmesser auf „wachs“ den hohen „Scheißton“ (Formulierung Knappertsbusch) wirklich bringt, lässt sich in der rauschhaften Akustik der Aufnahme nicht verifizieren. Man erlebt den Sänger mit viel komödiantischem Esprit, aber auch mit karikaturistisch chargierenden Momenten, denen heute eher aus dem Wege gegangen wird. Skurrilität muss durchaus nicht plakativ sein.

"Die Meistersinger" Met 1936: René Maison/OBA

„Die Meistersinger“ Met 1936: René Maison/OBA

Bleibt René Maison. Die Stimme des Belgiers klingt eher „fest“ als „gut“, um Stolzings höchsteigene Worte – von Sachs nach seinem Schlaf befragt – zu gebrauchen. Ein robuster Tenor, nicht immer intonationssicher in der Höhe, mit wenig Glanz und noch weniger jungmännlichem Charme (ähnlich wie Aldenhoff oder Treptow). Artur Bodanzky, der “Stricher“, ist für seine Aufführung zu loben: festlicher Breitklang, doch nicht zerdehnt, mit gebührendem, mitunter sogar leicht drastisch koloriertem Humor.

In der Saison 1934/35 wurden die Meistersinger an der Met dreimal gegeben (wie viele Proben wurden da wohl jeweils angesetzt?), 1936 zweimal, möglicherweise auch mehr. Der letzten Vorstellung widerfuhr die Ehre einer Radioübertragung, die erste amerikanische dieses Werkes überhaupt. Das war von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung, denn wer in der weiten USA sah schon Aufführungen in einem der wenigen, verstreuten Opernhäuser des Kontinents? Und eine Plattenaufnahme des gesamten Werkes gab es noch nicht. Wie „private recordings“ zustande kamen, von denen Richard Caniell einige in seine Restaurationsarbeit einbezog, wäre einmal interessant zu erfahren.

"Die Meistersinger" Met 1936: Elisabeth Rethberg/OBA

„Die Meistersinger“ Met 1936: Elisabeth Rethberg/OBA

Auch über die Herkunft des Vorspiels zum 3. Aufzug, in den zugänglichen Audio-Quellen fehlend, gibt er keine Auskunft. Selbst Caniells „Ultimate“-Version der 36er-Meistersinger benötigt Hörverständnis und Hörgeduld, was akustische Belange angeht. Wenn die ursprünglichen Klangverhältnisse so waren, „as if a waterfall were between the listener und the music“ (E.J. Smith zu seiner LP-Version 1970) oder Caniell selber den Sound der Prügelszene „as if it were beeing transmitted by transatlantic telephone“ beschreibt, dürften die Grenzen klanglicher Vergegenwärtigung nachvollziehbar sein In der Guild-Version von 2003 konnten sie noch nicht zufriedenstellend überwunden werden. Nun aber bei IP „The Ultimate in Historic Broadcast Recordings“ mit drei randvollen CDs statt früher vier. Bissige Zusatzbemerkung. Auf dem im Booklet abgebildeten Besetzungszettel der Aufführung ist zu lesen: „The management requests the audience to abstain from applause at the fall oft he curtain so long als the music continues“. Die guten Amerikaner halten sich bis heute nicht daran.

Christoph Zimmermann

 

 

Die alte Met/OBA

Die alte Met/OBA

Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg. Friedrich Schorr, Elisabeth Rethberg, René Maison, Karin Branzell, Eduard Habich, Hans Clemens, Emanuel List u.a., Metropolitan Chorus and Orchestra: Artur Bodanzky (Immortal Performances 1035-3)