Französische Spätromantik

Massenet: "Le Mage", Bühnenbild der Uraufführung/Liebig

Massenet: „Le Mage“, Bühnenbild der Uraufführung/Liebig

Für Musikliebhaber mit Faible fürs französische Repertoire ist das Palazzetto Bru Zane eine Fundgrube sondergleichen. Seit 2009 belebt das in Venedig sitzende Musikzentrum, das Teil der gleichnamigen Stiftung ist, das kompositorische Erbe zwischen 1780 – 1920. Jüngster Streich ist die Ersteinspielung von Jules Massenets 1891 in Paris uraufgeführter achter Oper Le Mage (Der Zauberer). Nur ein Jahr vor Werther entstanden, gehört sie wie Le Roi de Lahore, Herodiade, Le Cid und Esclarmonde zu Massenets Werken im Stil der Grand Opéra. Le Mage spielt in Baktrien, einem antiken Großreich, zu dem der heutige Iran zählte.

Der Plot behandelt sehr frei einen Ausschnitt aus dem Leben des Weisen und Religionsstifters Zarathustra. Von historischer Authentizität kann keine Rede sein, stattdessen wird beste melodramatische Unterhaltung geboten. Zarathustra, der im Libretto Zârastra heißt, wird als siegreicher Feldherr eingeführt, der zwischen zwei Frauen steht: der Königin Anahita, die als Gefangene zu seiner Kriegsbeute gehört, und Varedha, der Tochter des Hohepriesters. Als sich Zârastra zur Regentin bekennt, setzt die verschmähte Varedha einen Brand in Gang. Zârastra, der im dritten Akt seine göttliche Erleuchtung erlebt hatte, kann das Feuer durch ein Gebet stoppen und flieht mit seiner Geliebten. Varedha stirbt.

"Le Mage", Bühnebild zur Uraufführung/Liebig

„Le Mage“, Bühnenbild zur Uraufführung/Liebig

Die wahrlich leidenschaftliche Dreiecksgeschichte, die stark an Aida erinnert, ist mit viel Brimborium angereichert: Triumphmärsche, Hochzeitszeremonien, heidnische Rituale und ein veritables Massaker sorgen für Abwechslung. Auf der Bühne hätte das Auge in einer traditionellen Inszenierung sicher seine Freude – eine Vorstellung, wie es aussehen könnte, geben die historischen Fotos in dem wunderschön aufgemachten CD-Buch. Aber auch beim reinen Hören wird es niemals langweilig. Massenet betreibt großen kompositorischen Aufwand mit packenden Ensembles, grandiosen Choraufzügen, üppiger Balletteinlage und Orchesterprunk, garniert mit orientalischem Kolorit.

"Le Mage", Bühnenbild 2. Akt 1891/Liebig

„Le Mage“, Bühnenbild 2. Akt 1891/Liebig

Die Gesangspartien sind überaus anspruchsvoll, schrieb der Komponist doch viele seiner Partien für bedeutende Sänger. Bei der Anahita dachte er an Sybil Sanderson (seine Esclarmode und femme fatale der Pariser Gesellschaft jener Jahre), auch wenn die Diva die Rolle letztendlich nicht sang. Die Einspielung, die im Zusammenhang mit dem Massenet-Festival in St. Etienne 2012 entstand, bietet allerdings vokal wirklich nicht die Extraklasse, die solch ein Werk bräuchte, was umso ärgerlicher ist, weil der Markt damit für eine Neuaufnahme verstopft ist. Dirigent und Solisten könnten mehr Glanz verbreiten – so bleibt das Ganze in der Provinzialität eine mittleren Festivals stecken, was für Massenets damalige Zielgruppe der Pariser All-Star-Opéra nicht entfernt ausreicht. Schade.

Massenet 1887/Wiki

Jules Massenet 1887/Wiki

Nach den stimmlichen Qualitäten zu urteilen, müsste sich Zârastra eigentlich für Varedha entscheiden. Denn Kate Aldrich stürzt sich mit leidenschaftlichem Mezzosopran und enormem Furor in die Liebesqualen der abgewiesenen Priestertochter. Das geht zwar gelegentlich auf Kosten von Schöngesang, aber der bedingungslose vokale Einsatz macht manch flackernden Ton und die schwächere tiefe Lage wett. Die Anahita von Catherine Hunold dagegen enttäuscht durch einen unpersönlichen, in den Höhen schrillen Sopran. Luca Lombardo singt zwar kultiviert, doch mit schmalem Tenor, der eher im lyrischen Fach zu Hause ist als in dieser heldischen Partie. Was ihm fehlt sind Durchschlagskraft und Charisma, etwa im dritten Akt, wenn Zârastra im Wechselgesang mit dem Chor Gott um Kraft anfleht. Überzeugende Figur macht Jean- Francois Lapointe, der mit stattlichem Bariton Autorität und Würde den Hohepriester Amrou glaubwürdig vermittelt. Marcel Vanaud verleiht dem König einen nur schütteren Bass. Mit  schöntimbriertem kräftigem Tenor profiliert sich Julien Dran in der kleinen Rolle des Turaner Gefangenen. Laurent Campellone hat Solisten, den prächtigen Chor aus St. Etienne, der seine imposanten Szenen mit Feuer und Inbrunst singt, und Orchester bestens im Griff. Der Dirigent hat ein sensibles Händchen für die melodischen und klangfarblichen Reize, lässt es aber auch, wenn nötig, ordentlich krachen. Die zweisprachige Paperbackbuch-Edition ist äußerst informativ. Unverständlich ist allerdings, warum sie bei dem Umfang keine Kurzbiografien der Solisten enthält.

Karin Coper

Jules Massenet: Le Mage mit Luca Lombardo (Zârastra), Kate Aldrich (Varedha), Catherine Hunold (Anahita), Jean-François Lapointe (Amrou), Marcel Vanaud (Le Roi d’Iran), Julien Dran (Un Prisonnier touranien, Un Chef iranien), Florian Sempey (Un Chef touranien, Le Heraut); Chœur Lyrique et Orchestre Symphonique Saint-Étienne Loire; Leitung: Laurent Campellone; Editiones singolares/Palazzetto Bru Zane

 

"Le Mage", Bühnebild 1891/HeiB

„Le Mage“, Bühnenbild 1891/HeiB

Aus der Ankündigung des Palazetto Bru Zane und nun bei Ediciones Singolares:The Palazzetto Bru Zane presents Le Mage by Jules Massenet (release date in Germany: 1st October 2013 by Ediciones singolares. In partnership with the Opéra Théâtre de Saint-Étienne, Laurent Campellone, conductor with Catherine Hunold: Anahita, Kate Aldrich: Varedha, Luca  Lombardo: Zarâstra, Jean-François Lapointe: Amrou, Marcel  Vanaud: Le Roi d’Iran, Julien Dran: Un prisonnier touranien; CD-book in French and English – texts by Arthur Pougin, Jean-Christophe Branger, Michela Niccolai, Laurent Campellone and Jules Massenet). This production by the Opéra Théâtre de Saint-Étienne was  given in 2012 as part of the Massenet Biennial.

Massenet und sein Librettist Jean Richepin auf dem Cover der Zeitschrift Don Quichotte/Wiki

Massenet und sein Librettist Jean Richepin auf dem Cover der Zeitschrift Don Quichotte/Wiki

In 1891, the elusive Jules Massenet dumbfounded the critics once again. After the success of Manon in 1884,  they were expecting another opéra-comique – but no, he returned to the Romantic grand opera (a genre  to which Le Roi de Lahore and Hérodiade also belong). An exotic vein (an imaginary Persia), supernatural  elements and a love story sublimated by religion give Le Mage a composite structure and great variety. But  above all this work in five acts and six tableaux, to a libretto by Jean Richepin, represents the apotheosis of  French lyricism, at a time when the quarrels over Wagnerism were rife. First performed at the Paris Opéra in March 1891, right in the middle of a very prosperous period for  Massenet, coming after Le Cid (1885) and Esclarmonde (1889) and preceding Werther (1892) and Thaïs (1894), Le Mage is nonetheless one of the French composer’s lesser-known works. Intended as the perfect conclusion to the directorship of Gailhard and Ritt at the Paris Opéra (ending in December 1891),  the work was an extraordinary production, with numerous characters, sumptuous choruses and ballets, exceptional staging… However, that subsequently proved to be a disadvantage for the opera. Indeed, the new director, when he took over, wished to begin a new chapter: the opera was taken off, and later restaging proved too onerous financially. Composing for the Paris Opéra meant complying with a number of rules, especially since the libretto had to include several set scenes. Massenet submitted without any qualms to the criteria of grand opera, the dramatic workings and structural principles of which might have seemed outdated at the time of Wagnerism. The influence of Wagner is not to be ruled out, however, for, in addition to some bold harmonic  or orchestral effects, the opera is finely structured by recurring motifs. Nevertheless Massenet was following a French tradition, to which Wagner also referred, in structuring his opera by means of key themes that are more localised, taken from arias or duos, and by shorter motifs that are constantly renewed, but without being subjected to vast symphonic developments as in the  works of Wagner. (Debussy was to do likewise in Pelléas et Mélisande.)  Le Mage is thus an opera written in a composite style reflecting Massenet’s eclecticism, which was the touchstone of his aesthetic. But it also bears the personal stamp of its author, whose melodic idiom is instantly recognisable, especially in the love scenes: the vocal lines, sinuous  and conjunct, keep very closely to the inflections of the French language, but without excluding lyrical effusion when necessary.

Le Mage is the fifth volume in the Palazzetto Bru Zane’s series of CD-books, ‘Opéra français’. Presented in two languages (French and English), this series is devoted to rare operas of the French Romantic period, accompanied by a rich and thorough editorial and iconographic apparatus. (Ediciones singolares/Palazetto Bru Zane/ophelias)