Flügellahme Motte

 

Soll man sich mehr darüber freuen, dass Bongiovanni die konzertante Aufführung einer sonst nie zu hörenden Oper aufgezeichnet und veröffentlicht hat, oder muss man deprimiert darüber sein, wie aufgeraut und brüchig mittlerweilen der Sopran von Denia Mazzola Gavazzeni ist, die die Titelpartie von Antonio Smareglias dreiaktiger Oper La Falena (Der Nachtfalter) singt? Zumindest den berühmten Namen trägt die Sängerin noch, die vor vielen Jahren den greisen Dirigenten ehelichte und den italienischen Boulevardzeitungen und entsprechenden Illustrierten nach dessen Tod viel Material über die gerichtlichen Auseinandersetzungen mit den Kindern des Maestro um das Erbe lieferte.

Gavazzeni hatte sich viele Verdienste um die dem Verismo verpflichteten Komponisten des Mailänder Kreises erworben, zu denen allerdings gehörte nicht Smareglia, der nach einem kurzen Interludio in Mailand im damals noch habsburgischen Triest und Wien lebte und arbeitete, dessen  einzige dem Verismo huldigende Oper  Nozze Istriane sich großer Beliebtheit erfreute, der aber  mit seinem Leitmotivtechnik und durchkomponiertem, die Nummernoper überwindendendem Stil sowie dem zumindest in der Falena gewählten Sujet, der Verführung des Menschen durch die Geisterwelt, eher auf Wagners Spuren wandelte.

Die Oper handelt von dem jungen König Stellio, der, von der Jagd heimkehrend, sich in die für einen Wilderer um Gnade bittenden junge Albina verliebt und sich mit ihr verlobt. Eine Falena, ein Insekt, das nur in der Nacht Menschengestalt annehmen kann, verführt ihn, bringt ihn dazu, den Vater Albinas zu töten und ist bereit, mit der Falena das Weite, d.h. die ewige Dunkelheit zu suchen, ehe ihn ein alter Seemann über das Wesen derselben aufklärt, das auch prompt bei Tagesanbruch seine menschliche Gestalt verliert. Das Volk wendet sich entsetzt von seinem nun mit einem Fluch beladenen König ab, die hinzukommende Albina verzeiht ihm Untreue und Tötung des Vaters, stirbt und entsündigt ihn dadurch. Stellio kann, wenn auch von Reue geplagt, weiter regieren. Kundry, Tannhäuser und Elisabeth sowie andere Wagnerfiguren lassen grüßen, aber auch die untoten Jungfrauen, die ihre Exliebhaber ins Verderben ziehen. Die auf La Falena (1897 Venedig) folgenden Titel Oceàna und Abisso nähern sich dann bereits dem Decadentismo und D’Annunzio.

(In operlaounge.de wurde ausführlich über La Falena anlässlich der Braunschweiger Aufführung vor wenigen Jahren berichtet. Die ist nicht die erste Aufnahme; die immer noch gültige und immer noch bei Bongiovanni selbst erhältliche ist die mit Leyla Gencer aus Triest 1975. G. H.)

Schwierig ist es, für ein so selten oder nie gespieltes Werk gute Sänger zu finden, und so hätte vielleicht ohne die Verpflichtung von Denia Mazzola Gavazzeni die Aufführung gar nicht stattgefunden. So muss sich der Hörer abfinden mit einer Stimme in desolater Verfassung, die nie verführerisch, sondern einfach nur dünn und ältlich klingt, wenn sie nicht in Sprechgesang verfällt, die sich in verwaschener Diktion von einem Vokal zum anderen hangelt, ganze Silben verschluckt, fahl und unter Druck tremolierend das Ohr des Hörers peinigt. Nicht viel besser ist es allerdings um die Albina von Giovanna Barbetti mit zartem Soubrettenstimmchen bestellt, das nur selten einmal in der Höhe fein aufblüht. Einen polternden Bass, der ein Wort neben das andere klotzt, setzt Armando Likaj für ihren Vater Uberto ein. Eher dem Ohr des Hörers schmeicheln kann die andere dunkle Stimme, die des Seefahrers Morio, der von Fulvio Otelli gegeben wird. Giuseppe Veneziano singt den Re Stellio mit etwas trockenem, aber zu einer präzisen Diktion fähigem und sehr expressivem Tenor, der die Ekstase, in die der arme Verführte verfällt, durchaus hörbar macht.

Über die beiden Ensembles, den Chor La Camerata Di Cremona und das Orchestra Filarmonica Italiana kann man nur Gutes sagen wie über die beiden Dirigenten Alessandro Manara und besonders Marco Fracassi, der in den drei Preludien den Reichtum der Orchestrierung hörbar werden lässt (2 CD Bongiovanni 2494/95-2). Ingrid Wanja