Deutlicher geht es nicht

Ein Vorzug von manchen Opernmitschnitten besteht für mich darin, dass ich die Inszenierung nicht sehen muss. Im Falle des Lohengrin aus Frankfurt, der jetzt bei Oehms (OC 946/3 CDs) erschienen ist, reiße ich mich auch nicht um die Szene. Die Fotos im Booklet reichen aus, um mir Eindrücke von einer Inszenierung (Jens-Daniel Herzog) zu machen, die ich eigentlich nicht sehen möchte. Auf dem Titel des Booklets sitzen zwei Männer an einem hölzernem Küchentisch – wo sonst? Der eine auf Strümpfen, über das Unterhemd eine schlecht sitzende Jacke geworfen. Er hält sich eine Pistole an die Schläfe und gibt laut Bildunterschrift vor, Lohengrin zu sein. Sein Gegenüber im Straßenanzug der dreißiger Jahre mit Hosenträgern und Brille ist als Telramund ausgegeben. Man käme nicht darauf.

Das Ganze spielt offenbar in einem Kino, auf der Bestuhlung aus schlichtem Holz lümmelt sich der Chor und tut erstaunt, denn er scheint etwas zu sehen, was das Publikum nicht sieht. Diese Elsa im weißen Kleid kennt man doch von irgendwoher. Mir fällt auf Anhieb Christina Söderbaum ein, die „Reichswasserleiche“ der Ufa, die sich in fast jedem Film das Leben nahm. Ortrud hat sich offenbar die Uniform einer Aufseherin anziehen müssen. So geht das fort auf den Fotos. Im Booklet gibt sich der Regisseur geheimnisvoll: „Ich zeige die Reaktion der Menschen auf die Bilder, nicht die Bilder selbst.“ Aha, deshalb das Kino. Und weiter heißt es, dass „seine Arbeit in jene künstlichen Paradiese, worin heute Wunschwelten und Existenzängste aufeinender prallen“ verlagert werde. Hm!

Da halte ich mich lieber an die Musik, die einen scharfen Kontrast bildet zu dem, was die Bilder zeigen. Bertrand de Billy schafft mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester an den richtigen Stellen jene übersinnliche Stimmung, in der das ganze Werk zu schweben scheint. Er hetzt nicht, lässt sich alle Zeit, um ein – wie es Thomas Mann im Zitat des Booklets nennt „langsam Sehnsüchtiges … nach Erlösung im Schönen Ringendes“ gehörig auszubreiten.  Nur in den Orchesterpassagen zieht er das Tempo manchmal an. In den großen Ensembles werden die Solisten nicht zugedeckt und heben sich deutlich heraus. Nicht immer ist das so in Live-Aufnahmen. Auf dem gleichen hohen Niveau singt der Chor der Oper Frankfurt (Matthias Köhler). Solistisch sind sehr gute Leistungen zu hören.

Daniel Schmutzhard, der junge österreichische Bariton, der als Heerrufer das erste Wort hat im Werk, lässt aufhorchen und gibt das Motto für die gesamte Vorstellung aus, auf das auch Richard Wagner größten Wert legte: Deutlichkeit! Er ist immer zu verstehen mit seinem hervorragend sitzenden, etwas allgemein klingenden Bariton. Vom König/Falk Struckmanns hätte ich mir mehr Volumen und Wucht gewünscht. Robert Hayward als Telramund ist sehr individuell, allerdings um den Preis, dass er mitunter wackelt in der Höhe und sparsam mit dem Buchstaben R umgeht. So wird aus der „Ehr“ mal eben schnell die „Eh“. Dennoch gelingt ihm das starke Profil eines verbohrten Mannes, der bereits beim ersten Auftreten ein Verlorener ist. Camilla Nylund hat sich ja inzwischen weltweit als „Elsa vom Dienst“ etabliert Mit der Rolle bestens vertraut, überträgt sich ihre Perfektion auch auf den Zuhörer. Der muss niemals bangen, dass etwas daneben geht. Er kann sich ganz dem Werk hingeben. Grundsätzlich ist diese Sicherheit ein Vorzug, auch wenn er die Gefahr der Langweile in sich trägt. Nicht so bei der Nylund. Michaela Schuster, die Ortrud in Frankfurt, hat von Wagner alles gesungen, was der für ihren Mezzosopran geschrieben hat. Die Stärken der Stimme liegen in ihrer sicheren Höhe. Damit ist sie der ideale Gegenpart zu Elsa, weil die Frauen auch stimmlich auf gleicher Augenhöhe sind und als Paar nicht in die edle Reine auf der einen und in das gemeine alte Aas auf der anderen Seite auseinander driften. Sie ringen in großer Würde miteinander.

Als Lohengrin vermag Michael König gleich bei seinem Erscheinen punkten. In der dramatischen Münsterszene kann er den eigenen Standard nicht immer halten. Das Lyrische liegt ihm hörbar mehr, wie es sich dann auch im Brautgemach und schließlich in der Gralserzählung zeigt.

Rüdiger Winter