Aus fernen Landen

Keine 30 war Raina Kabaivanska, als sie 1963 in Buenos Aires die Desdemona im Otello in Buenos Aires 1963 sang, und so jung sieht sie auch auf dem Cover der CD aus, die bei Walhall erschienen ist. Wer sie aus späteren Jahren kennt, sie live, allerdings nicht in dieser Partie, erlebt hat, der wundert sich über die herbe, helle Stimme, die auch wunderschön leuchten kann, der aber der interessante dunkle Beiklang fehlt, der ihre Interpretationen so unverwechselbar machte. Auf diesen CDs ist er nur in Ansätzen vorhanden, so in „A terra“, liegen die Meriten der Sängerin in der Art, wie der Sopran über den Ensembles geradezu zu schweben scheint, in den anrührenden, sich ekstatisch steigernden „prime lacrime“ und in der innig verhaltenen Canzone di Salice. Ihr folgt schon fast ein Todesschrei im „Emilia“. Diese ist mit Isabel Casey sehr präsent in den Ensembles, auch dem a capella im dritten Akt. Das „Ave Maria“ der Kabaivanska, im feinsten Pianissimo beendet, reißt das Publikum zu stimmungstötendem Beifall hin. Allerdings ist dies nicht ihre Partie, die wurden später die interessanten Verismo-Damen Tosca, Adriana, Francesca.

verdiotellovickersOtello ist John Vickers (Foto aus dem DG-Unitel-DVD-Film), der im „Esultate“ zunächst kraftvoll metallisch auftrumpft, aber recht zittrig endet. Doch er weiß, worauf es in dieser Partie ankommt, singt mit erstklassiger Diktion der etwas schwergängigen Stimme. Im Liebesduett gelingt es ihm gut, den Tenor zurückzunehmen und großen Bögen zu singen. Immer wieder setzt die potente Tenortrompete in Erstaunen, lediglich in der Extremhöhe sind manchmal Abstriche zu machen. „Ora e per sempre“ ist enttäuschend, da der Stimmfluss unterbrochen wird, erst am Schluss trumpft der Sänger wieder auf. Am besten gelingen die Phrasen zu Beginn des dritten Akts, auch noch im „Dio! Mi potevi scagliar“ kann man die Intimität der Szene und ihren klugen Aufbau durch den Sänger bewundern, selbst wenn nicht alles schön klingt. Angemessen grässlich klingt das „A terra!“. Am Schluß keimt Mitleid beim Hörer, selbst wenn er sich wieder einmal über die dumme Ausrede „nata sotto maligna stella“ mokiert.

Leider noch dem damals weit verbreiteten Übel der Hohnlache nach dem „Credo“ frönt Louis Quilico als Jago, der aus dem baritonalen Vollen schöpfen kann, mit reichem Farbspektrum, leider ab und zu auf die Stimme drückend, um ihn recht böse erscheinen zu lassen. Im Forte klingt die Stimme erzern, stets obertonreich und exakt konturiert. Ein feiner Schleier liegt über der Traumerzählung, schrecklich klingt das „Ecco il leone“. Cassio wird mit angenehmem lyrischem Tenor von Eugenio Valeri gesungen, Virgilio Tavini ist der markante Lodovico.

Berislav Klobucar kann nichts dafür, dass das Blech fürchterlich scheppernd klingt, Bühnengeräusche häufig stören und das Publikum immer schon in die letzten Takte Musik hineinapplaudiert. Dafür ist der Chor des Teatro Colón eine wahre Wucht, machtvoll in den „Vittoria“-Rufen, aber auch andere Gemütsverfassungen angemessen ausdrückend (Wahlhall  2 CD 0375).

 Ingrid Wanja