Neue Edition, absolut idiomatisch gesungen

 

Die Live-Aufnahme einer konzertanten Aufführung von Bizets Les Pecheurs de Perles vom Mai 2017 in Lille bringt PENTATONE auf 2 CDs heraus (PTC 5186 685). Die rein französische Besetzung und der Dirigent mit französischen Wurzeln Alexandre Bloch am Pult des Orchestre National de Lille sichern eine authentische Wiedergabe. Selten hat man eine so idiomatische Interpretation,  einen solch delikaten Gesang, und eine so exemplarische Diktion gehört wie von den Sängern der drei Hauptrollen. Cyrille Dubois als Nadir lässt einen lyrischen Tenor von schwärmerisch-zärtlichem Klang hören, der in der berühmten Romanze „Je crois entendre encore“ mit einem Gespinst feinster Töne für mirakulöse Momente sorgt. Auch die exponierten Noten werden mit der Kopfstimme sicher bewältigt. Sein Chanson im 2. Akt, „De mon amie“, aus dem Off gesungen, ist von kosender Poesie und mündet in das leidenschaftliche Liebesduett mit Leila (Julie Fuchs), in welchem sich die Stimmen voller Duft umschlingen und empor ranken bis zur Ekstase. Ähnlich atmosphärisch ist beider verklärtes Duett im 3. Akt „O lumière sainte“. Die französische Sopranistin evoziert mit ihrem leichten lyrischen Sopran träumerisch-elegische Stimmungen, leuchtet im Finale des 1. Aktes („Dans le ciel“) und entzückt mit graziösen Trillern und Olympia-nahen staccati. Das große Solo des 2. Aktes, „Me voilà seule“, stattet sie im Rezitativ mit Betroffenheit, in der berühmten  Kavatine mit schwebendem Klang aus. Allenfalls exponierte Noten haben gelegentlich einen leicht säuerlichen Klang. Ein Glücksfall der Besetzung auch der französische Bariton Florian Sempey als Zurga, den man von der konzertanten Favorite der Deutschen Oper Berlin in bester Erinnerung hat. Die Stimme ist dunkel und sinnlich getönt, vermag aber auch mit ganz zarten und leichten Tönen aufzuwarten. Das Duo „Au fond du temple saint“ kosten er und der Tenor genüsslich aus, nicht auf das Ausstellen stimmlicher Pracht bedacht, sondern auf das Malen von träumerischen Stimmungen. Zu Beginn des 3. Aktes ist die Arie des Baritons „L’orage s’est calmé“ von zwiespältigen Gefühlen – wehmütige Erinnerung und Enttäuschung ob Nadirs Betrug – geprägt. Mit sonorem Bass, der gleichermaßen Autorität und Resolutheit vermittelt, ergänzt Luc Bertin-Hugault als Grand Pretre Nourabad die Besetzung. Les Cris de Paris (Einstudierung: Geoffroy Jourdain) absolvieren die ausgedehnten und im Charakter sehr unterschiedlichen Chorszenen mit hoher Klangkultur – das tänzerisch-wiegende „Sois la bienvenu“ bei Leilas Ankunft auf der Insel oder das feierlich-pathetische „O dieu Brahma“ am Ende des 1. Aktes. Blochs orchestrale Deutung ist geprägt von schillernden Exotismen, schwelgerischem Melos, rhythmisch bewegten Passagen von tänzerischem Duktus und Passagen dramatischen Aufruhrs. Eine Aufnahme, die man gern in die Bizet-Abteilung des Regals einreiht. Bernd Hoppe

 

Zur ungewohnten Fassung auch der Beitrag von Matthias Käther: Der Autograf der Partitur ist irgendwann in Privatbesitz gelandet, und dieser Besitzer rückt ihn nicht raus. Von der Oper war lange nur ein Klavierauszug vorhanden. Dann tauchte vor gar nicht so langer Zeit eine Dirigentenpartitur auf, eine Kurzpartitur, gedacht für Proben, das heißt, dort finden sich längst nicht alle Details der Instrumentierung. Damit müssen wir jetzt leben, bis irgendwann mal der Zugang zum Original da ist – und auf diesem Material beruht sie neue Einspielung, fußend auf einer brandneuen Edition von 2015. Diese Edition setzt die Oper wieder radikal auf Null zurück, streicht alles, was nicht hineingehört und reduziert die Instrumentierung auf das, was am wahrscheinlichsten ist. Und das Ergebnis ist verblüffend. Knackige zwei Stunden Musik, alles entwickelt sich musikalisch mit einem Affentempo, die Leidenschaften kochen, und plötzlich ist dann doch es eine richtig spannende Oper, trotz pseudoexotischem Kitschroman. (Zwei befreundete Männer lieben dieselbe Frau, einer Opfert sich und tritt die Dame ab, und das Ganze auf Sri Lanka.)

Das Besondere an dieser Aufnahme aus Lille ist, das sie wirklich durchweg französisch besetzt ist, alle Musiker, von Dirigenten bis zu den Choristen sind Franzosen. Ehrlich – ein französisches Werk mal wieder nur von Franzosen zu hören – ist eine Wonne. Klarer Heimvorteil, das Idiom triumphiert, man versteht, was an dieser Musik spannend ist. Julie Fuchs– eine fantastische lyrische Stimme, die dennoch Koloraturen zwitschern kann, und ein großartiger Tenor, Cyrille Dubois.

Wie ich schon anlässlich der Reine de Cypre von Halevy vor wenigen Wochen im rbb sagte –  diesen Namen sollte man sich merken, wenn wir Glück haben,  könnte das der neue Juan Diego Florez werden (Georges Bizet: Les Pêcheurs de Perles/ mit Julie Fuchs | Cyrille Dubois | Florian Sempey | Les Cris de Paris | Orchestre National de Lille | Alexandre Bloch/ Pentatone/ PTC 5186685). Matthias Käther