Neu im alten Gewand

 

Nanu! Dieses Cover kenne ich doch. Genau so sah die Schallplatte aus. Ich sehe sie vor mir. Oben im Regal des Musikgeschäfts – als es diese auch noch in DDR-Kleinstädten gab. Händler stellten neue Platten so zur Schau, dass sie sofort ins Auge fielen. Sie waren noch nicht wie Karteikarten in Kästen verstaut, um dem rasanten Wachstum der Branche Rechnung zu tragen. Es wurde zunehmend zum Problem, die Menge an Neuerscheinungen unterzubringen und zu präsentieren.  Plattenhüllen stiegen nicht selten zu Kultstatus auf – in der Klassik wie im Pop. Sie sind längst Sammlerobjekte geworden. Das Auge hört mit. Mehr und mehr Firmen besinnen sich auf die Wirkung der ursprünglichen Aufmachung. Gelangt eine Langspielplatte auf CD, wird die Hülle nicht selten dem Original nachempfunden. Vom Format passt es. Aus dreißig mal dreißig Zentimetern werden zwölfmal zwölf. Damit schrumpft aber auch der sinnliche Genuss. Eine CD fasst sich nicht so schön an wie eine Hochglanz-LP, die einem regelrecht durch die Finger gleitet. Sammler behandeln ihre Platten wie einen Holzstich von Dürer. Sanft, zärtlich und liebevoll. Dass nur kein Fingerabdruck haften bleibt, keine Ecke einknickt.

Berlin Classics treibt das nostalgische Verfahren mit etlichen Wiederauflagen aus DDR-Beständen im Nach-Wende-Besitz der Edel Kompagnie auf die Spitze. Die CDs in Gestalt der alten Platten entziehen sich dem ersten Blick. Sie stecken in einer aufklappbaren Ummantelung, schwarz gerahmt, schwarze Schrift auf weißem Grund. Unweigerlich drängt sich der Gedanken an Traueranzeigen auf. Als gäbe es einen Verlust zu beklagen – die gute alte Plattenzeit. Und so wird denn in den Booklets viel geschwärmt. Nach der Klugen von Carl Orff und Mozart-Arien mit Peter Schreier nun eine Gala Unter den Linden mit Künstlern der Deutschen Staatsoper (0300925BC) sowie die 5. Sinfonie von Gustav Mahler, aufgefüllt mit vier Lieder aus Des Knaben Wunderhorn (0300922BC). Alle Titel sind ursprünglich beim Label Eterna erschienen. Der nicht unelegante Schriftzug in Versalien ist auf den jeweiligen Hüllen beibehalten worden, was vor allem Sammler aus dem Osten rühren dürfte. Eterna weckt die guten Erinnerungen, verheißt auf die Habenseite der untergegangenen DDR, die sich gern auf das klassische Erbe berief. Auch wenn das Label, wie der gesamte zweite deutsche Staat, nicht mehr existiert, seine Plattenaufnahmen haben überdauert. Sie sind zweifach historisch – nämlich durch ihr Alter und durch die mit dem Fall der Mauer 1989 veränderten politischen Bedingungen.

Die Berliner Staatsoper war die erste Adresse in der DDR. Nach ihrem gegenwärtigen aufwändigen Umbau, dessen Ende noch nicht absehbar ist, dürfte sie einen Teil ihres alten Ostcharmes behalten. Nach heftigen Debatten war die Entscheidung für die Beibehaltung der inneren Ausstattung gefallen. Eine radikale moderne Lösung, die im Architektenwettbewerb favorisiert worden war, wurde verworfen. Im Booklet geht Autor Klaus Thiel diesen zeitnahen Debatten aus dem Weg. Er verlegt sich auf die sicheren Fakten aus der wechselvollen Geschichte des Hauses. Seine Schilderungen enden 1987, dem Erscheinungsjahr des Albums. Viel Lob und Anerkennung wird über den einstigen musikalischen Hausherrn Otmar Suitner ausgegossen, der 2010 gestorben ist. Der kam aus Österreich in die DDR, wirkt zunächst in Dresden und übernahm den Posten des Berliner Generalmusikdirektors 1964 – als der barbarische Mauerbau gerade mal drei Jahre zurück lag. Suitner – so ist zu lesen – sei „im guten Einvernehmen mit dem neuen Intendanten Prof. Hans Pischner“ in der Lage gewesen, „Produktionen wie die überaus erfolgreiche Frau ohne Schatten und schließlich sogar einen Parsifal und den Palestrina herauszubringen“. Darin ist nicht der geringste Zweifel angebracht, auch wenn die Inszenierungen dieser Werke noch immer als eine Art Wunder erscheinen, während sie im Westen rauf und runter gespielt wurden. Unerwähnt bleibt, dass in der Amtszeit dieser beiden Männer eine neue Produktion von Wagners Ring des Nibelungen nach dem Rheingold kurzerhand abgebrochen – wenn nicht gar verboten wurde und eine auch im Westen Aufsehen erregende Elektra gleich nach der Premiere wieder vom Spielplan verschwand. In beiden Fällen war Ruth Berghaus die Regisseurin. Wer künstlerisch und ästhetisch nicht auf Linie war, dem wurden die Zähne der Macht gezeigt.

Für die Gala nun wird gespielt und gesungen, was das Publikum gern hört, was nicht weh tut, was niemanden aufbringt, nicht aufwühlt oder gar Anlass für Ablehnung und Buhrufe bieten könnte. Die revolutionäre DDR gab sich gediegen und klassisch. Mozart, Beethoven, Weber, Nicolai, Wagner und Strauss – und nicht Dessau, Matthus, Meyer oder Schostakowitsch. Am Pult der Staatskapelle standen verschiedene Dirigenten. Suitner zu vorderst, gefolgt von Heinz Fricke, Siegfried Kurz und dem feinsinnigen Arthur Apelt, der sich mehr und mehr aus dem aktuellen Betrieb zurückzog, dem Publikum aber stets sinnliche Abende bescherte. Alle Sängerinnen und Sänger waren seinerzeit erste Kräfte. Nicht alle gehörten nach 1990 zu den Gewinnern der deutschen Einheit. Als die Platten auf den Markt kamen, war für sämtliche Mitwirkende die Welt noch in Ordnung. Celestina Casapietra wurde als Elisabeth im Tannhäuser gefeiert. In der eingespielten Hallenarie klingt sie etwas stumpf in der Höhe und unterschlägt Buchstaben. Wie eine Kopie von Fischer-Dieskau trägt Siegfried Lorenz das Lied an den Abendstern vor. Kein Wunder, dass er nach der Tannhäuser-Premiere im Dezember 1977, die seinen Aufstieg beschleunigte, stets heftig beklatscht wurde.

Hätte ich nicht den kompletten Lohengrin von Eberhard Büchner selbst gehört, ich würde ihn an Hand der Gralserzählung diese Leistung nicht abkaufen. Büchner singt die berühmte Szene leicht, lyrisch und fast versonnen, im Kern aber etwas kraftlos und müde. Peter Schreier liefert mit der Ferrando-Arie „Un aura amorosa“ aus Mozarts Cosi fan tutte selbst den Beweis für seine unerschütterliche Beliebtheit. Wo Schreier auftauchte, ist Theo Adam nicht weit. Als leicht gestelzter Don Alfonso wirkt er in einem weiterem Ausschnitt aus dieser Oper mit, bei dem auch der vielseitige Günther Leib als Guglielmo, nochmals die Casapietra – diesmal als Fiordiligi – und die wegen ihres warmen, mütterlichen Alts äußerst beliebte Annelies Burmeister mit. In seinem eigentlichen Element ist Adam mit dem Fliedermonolog aus Wagners Meistersingern. Reiner Goldberg hat mit Siegmunds „Winterstürmen“ gegen ein sehr langsames Tempo anzukämpfen, dass ihm für die Gestaltung nicht viel bleibt. Der Szene fehlt es an Schmiss und Rausch. Ekkehard Wlaschiha machte auf der Bühne stärkeren Eindruck als im Studio, wo er Pizarros Arie aus Fidelio für die Gala zu singen hatte. Die Stütze vieler Produktionen war seinerzeit die lyrische Sopranistin Magdalena Hajossyova aus Bratislava, die mit der ruhig vorgetragenen Kavatine der Agathe, „Und ob die Wolke sie verhülle“, zu hören ist. Für die gut bestückte Soubretten-Fraktion des Hauses tritt Carola Nossek mit der Arie der Anna „Wohl denn! Gefasst ist der Entschluss“ aus dem Lustigen Weibern von Windsor an und hört sich sehr gut an. Das Finale bilden Ausschnitte aus dem Rosenkavalier mit Siegfried Vogel als spielfreudigem Ochs. Zum Schlussterzett finden sich die Casapietra als Marschallin, Margot Stejskal als Sophie und Ute Trekel-Burckhardt als Octavian, anfangs nicht ganz optimal aufeinander abgestimmt, zusammen.

Mit Gustav Mahler tat sich die DDR schwer, obwohl die Anfänge und einige über die Jahre verstreute Aufnahmen sehr verheißungsvoll gewesen sind. Hermann Scherchen hatte noch 1960 mit dem Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchester die 3. Sinfonie und das Adagio aus der unvollendeten 10. Sinfonie eingespielt, Leopold Ludwig die 4. Sinfonie mit Anny Schlemm in Dresden. Dort wurde auch das Lied von der Erde unter Heinz Bongartz mit Eva Fleischer und Ernst Gruber für den Rundfunk produziert. Ebenfalls aus Leipzig hat sich von 1976 die von Herbert Kegel betreute 8. Sinfonie als Live-Mitschnitt erhalten. Weitere Dokumente werden im Booklet zu der wiederaufgelegten 5. Sinfonie gestreift. Das Hohelied, das dort auf die Einspielung Suitners von 1984 gesungen wird, macht weniger deren Rang deutlich, als dass es sich zeigt, wie abgeschottet die DDR war. Um diese Zeit war weltweit alles aus Mahler herausgeholt worden, was möglich war. Es konnte zwischen den legendären Aufnahmen von Bruno Walter, Dimitri Mitropoulos, dem schon erwähnten Scherchen, Leonard Bernstein, Jascha Horenstein oder John Barbirolli gewählt werden. Platten, von denen sich nicht eine in die DDR verirrt hatten.

Im Fall des einen Titels der Serie von Berlin Classics – Die Kluge von Carl Orff (0300748BC) – erweist sich die Verpackungsorgie als gnädig. Denn das Originalcover schreit nicht unbedingt nach einer Ausgrabung. Es wirkte schon beim ersten Erscheinen ziemlich abweisend auf mich und hat durch die Verkleinerung nicht gewonnen. Der Künstler, der es schuf, wird nicht genannt. Die Mitwirkenden lassen sich auf dem Nachdruck nur mit der Lupe entziffern. Im Innern des Albums aber sind sie fein säuberlich aufgelistet. Magdalena Falewicz, die kluge Bauerstochter, war 1997, als mit der Aufnahme begonnen wurde, ein Star an der Ostberliner Staatsoper. Sie kam aus Polen in die DDR, sang Pamina, Zdenka, Micaela. Ein gut sitzender, hell leuchtender Sopran. Sie hat es allerdings etwas schwer gegen die anderen Mitwirkenden, die alle deutscher Zunge sind und sprachlich eine Deutlichkeit zelebrieren wie seinerzeit am Deutschen Theater, das mit Arno Wyzniewski einen seiner renommiertesten Schauspieler für die Produktion als Sprecher zur Verfügung gestellt hatte. Insgesamt aber behauptet sich die Sängerin gut. Ein Akzent ist nur bei genauem Hinhören auszumachen. Karl-Heinz Stryczek, der König, ist mit seinem kernigen Bariton, der auch als Telramund stets großen Eindruck machte, glänzend besetzt. Selbst Reiner Süß, der auf der Bühne gern zu Übertreibungen und Albereien neigte, gibt dem Bauer fast schon tragische Züge. Er hatte im zeitgenössischen Repertoire, zu dem die 1943 uraufgeführte Oper – großzügig gerechnet – noch zu zählen ist, immer seine Stunde. So auch hier. Alle anderen Gesangspartien sind mit Eberhard Büchner, Harald Neukirch, Siegfried Vogel, Wolfgang Hellmich, Siegfried Lorenz und Horand Friedrich ebenfalls prominent besetzt. Am Pult des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Leipzig setzt Herbert Kegel so grelle wie lustvolle Akzente, die es für mich zur reinen Freude machen, Orff zuzuhören. Der Klang ist exzellent. Ihre mehr als fünfunddreißig Jahre sind der Aufnahme nicht anzumerken.

Mit einem genauso frischen Sound kann auch eine weitere Neuerscheinung von Berlin Classics in historischer Gewandung aufwarten: Der Odem der Liebe – Peter Schreier als Mozart-Tenor (0300754BC). Für elf Arien werden zweiundfünfzig Minuten gebraucht. Die 1967 produzierte LP wurde eins zu eins überspielt, wodurch das ursprüngliche Konzept erhalten bleibt. Gut so. Eine Auffüllung der CD-Kapazität mit anderen Einspielungen wäre auch dem einheitlichen Klangbild abträglich gewesen. Schreier wird von der Berliner Staatskapelle unter Otmar Suitner begleitet. Suitner war Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, wo er viele Mozartaufführungen mit und ohne Schreier geleitet hatte. Stand Die Entführung aus dem Serail auf dem Spielplan, waren nicht immer alle vier Arien des Belmonte zu hören wie auf der CD. Nicht selten wurde die so genannte Baumeister-Arie „Ich baue ganz auf deine Stärke“ mit ihren reichlich sechs Minuten weggelassen. Nach Jahren nun wieder gehört, klingen die Arien in meinen Ohren bei aller stilistischen Sicherheit etwas robust. Ein Eindruck, der sich bei den anderen Werken so nicht einstellt: Zauberflöte, Cosi fan tutte, Don Giovanni und La Clemenza di Tito. Schreier war 1978 in der von Ruth Berghaus besorgten ersten Nachkriegsinszenierung in italienischer Sprache der Tito. Noch heute kann ich mich an die starken Bilder und den Schluss mit der Begnadigung der Verschwörer erinnern. In beidem Fällen nimmt es Berlin Classic mit der Originaltreue etwas zu genau. Es werden nämlich auch die ursprünglichen Plattentexte – bei der Klugen nur als Auszug – übernommen, was etwas irritiert, wenn man nicht genau hinschaut.

Als Co-Produktion ist das 1985 in Leipzig eingespielte Deutsche Requiem von Johannes Brahms noch auf Schallplatte sowohl bei Eterna als auch bei der Firma Capriccio herausgekommen. Nachdem es zwischenzeitlich bei Brillant Classics aufgelegt wurde, entschloss sich Capriccio nun ebenfalls zu einer CD-Veröffentlichung (C8014). Die Interpretation rechtfertigt diesen Schritt. Herbert Kegel dirigiert den Rundfunkchor und das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig. Bei der Verleihung des Preises der deutschen Schallplattenkritik an Kegel im Jahr nach der Aufnahme hieß es: „Besonders gerühmt und geschätzt werden sein klangliches Stilgefühl, die außerordentliche rhythmische Präzision, überhaupt die technische Perfektion seiner von einem energischen Willen kontrollierten, analytischen, dabei stets musikantisch inspirierten Interpretationsweise.“ Auf den Punkt genau kann diese Einschätzung auf seine Deutung des Requiems bezogen werden. Es singen die schwedische Sopranistin Mari Anne Häggander, die es als Eva bis an die Met und nach Bayreuth brachte, und Siegfried Lorenz. Die Sängerin kann sich nicht entschließen, ob sie nun mehr im Lyrischen verharren, wie es sich an dieser Stelle aus dem Werk ergibt, oder ob sie die Stimme auch dramatisch erhöhen soll. Vom Timbre her passt sie gut, der Gestaltung bleibt sie einiges schuldig. Sie ist der Schwachpunkt. Nicht so Lorenz, der mit diesem Requiem eine seiner besten Leistungen voll bracht haben dürfte. Rüdiger Winter