Melodramen neu entdeckt

 

„Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen …“ Die Zeile entstammt einem Gedicht von Nicolaus Lenau. Es heißt „Mischka an der Marosch“. Die Alliteration wirkt gewollt. Es gibt Titel, die griffiger sind. Auch bei Lenau. Mit Marosch ist – in deutscher Schreibweise – der Fluss Mure? gemeint, der durch Ungarn und Rumänien fließt. Mischka heißt ein Zigeuner, der sich an einem Grafen rächt, weil dieser seine Tochter verführte. Politisch korrekt ist das nicht. In der Literatur wimmelt es von Begriffen und Anspielungen, deren Gebrauch riskant geworden ist, weil der Kontext verschwimmt und die historische Einordnung mühsam ist. Geschichte und Schauplatz haben beim Österreicher Lenau einen biografischen Bezug. Er wurde 1802 in Ungarn geboren, wo sein Vater als habsburgischer Beamter tätig war. Die so ausschweifende wie melancholische Dichtung wurde von Josef Pembaur d. J., der zwischen 1875 und 1950 lebte, zu einem Melodram verarbeitet. Pembauer war mit Siegfried Wagner befreundet. Spätestens jetzt kommt Peter P. Pachl, der renommierte Spezialist für Leben und Werk des Sohnes von Richard Wagner, ins Spiel. Für dessen musikalische Zeitgenossen und solche Komponisten, die in seiner musikalischen Nachfolge stehen, hat sich Pachl stets verwendet.

Mit Pembaur hat er wieder so einen aus der Versenkung geholt. Pachl: „Als Schüler von Ludwig Thuille gehört Josef Pembaur … zur so genannten ,Münchner Schule’, der unter Anderen auch die Komponisten Walter Courvoisier, Julius Weismann, Ernest Bloch, Walter Braunfels, August Reuß, Franz Mikorey, Clemens von Franckenstein, Fritz Cortolezis, Edgar Istel, Hermann Wolfgang von Waltershausen, Hermann Abendroth, Paul von Klenau, Rudolf Ficker, Rudi Stephan und Joseph Suder angehörten. Der Sohn Josef Pembaurs d. Ä. unterrichtete ab 1921 selbst an der Münchner Akademie für Tonkunst. Hier war Siegfried Wagners illegitimer erster Sohn Walter Aign Schüler in Pembaurs Meisterklasse. Pembaur und seine Frau Marie gehörten auch zu den Gästen der Gedächtnisfeier zum dreißigsten Todestag von Franz Liszt, zu der Siegfried Wagner am 31. Juli 1916 ins Haus Wahnfried geladen hatte.“ Nachzulesen im Booklet einer Sammlung von Melodramen, die unter dem Motto des einleitenden Lenau-Zitates bei Thorofon erschienen ist (CTH2633/3).

Peter P. Pachl, der als Regisseur, Hochschullehrer und Musikschriftsteller hervorgetreten ist, fügt seinem vielseitigen und breitgefächerten Wirken nun eine weitere Facette hinzu. Er spricht selbst. Und das hört sich gut an. Geboren wurde Pachl in Bayreuth. Sprachlich, so scheint es, schlägt die fränkische Herkunft noch immer durch. Ein sympathischer Zug der ungewöhnlichen Produktion, bei der er von Martin Haunhorst (Violine) und Rainer Maria Klaas (Klavier) unterstützt wird. Beide Musiker steuern auch Solostücke bei, darunter das einleitend Intermezzo für Violine und Klavier zum koketten Pierrot-Zyklus von Erich J. Wolff, dessen Textdichter unbekannt ist. Lenau, bei dem sich zahlreiche Komponisten von Robert Schumann bis Franz Liszt bedienten, lieferte mit seinem umfänglichen Poem Anna auch die Vorlage für das sehr melodiös gehaltene gleichnamige Melodram vom Heinrich Sthamer (1885-1955), des – so Pachl – „bedeutendsten romantischen Symphonikers der Stadt Hamburg“, dessen Werk „Kompositionen aller Bereiche, neben 13 Symphonien Klavier- und Violinkonzerte, Bühnenmusik, Kammermusik, Chorwerke, Lieder und Sprechgesänge“ umfasst. Nach Auffassung von Pachl scheint die Dichtung, die einer schwedischen Sage folgt, „eine der uneingestandenen Quellen zur ,Frau ohne Schatten’ zu sein. Denn wie die Färbersfrau in der Oper von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss schwört Anna ihrer Mutterschaft zugunsten des Erhalts ihrer Jugend und Schönheit ab. Sie verliert ihren Schatten, was ihrem Gatten bei einem gemeinsamen Ritt in einer Mondnacht deutlich wird. Und auch Anna begegnen die Ungeborenen“.

Die Vorlagen für zwei Melodramen der Sammlung stammen vom österreichischen Dichter Nicolaus Lenau – hier im Ausschnitt auf einem Gemälde seines Landsmannes Friedrich von Amerling. Wikipedia

Zur großen Oper von Strauss und Hofmannsthal gibt es noch einen anderen, formalen Bezug. Sie enthält nämlich selbst ein Melodram, das die Kaiserin zu sprechen hat, wenn sie in dritten Aufzug vor ihren Vater tritt und eingestehen muss, sich keinen Schatten erhandelt zu haben. Es besteht aus achtunddreißig Verszeilen. In den gängigen Aufführungen ist es stark gekürzt. Selbst der Strauss-Sachwalter Karl Böhm, der sich wie kaum ein anderer Dirigent für diese Oper eingesetzt hat, akzeptierte bei der ersten Platteneinspielung die Raffung. Erst Wolfgang Sawallisch, der die Frau ohne Schatten 1987 für die EMI komplett einspielte, ließ auch das Melodram der Kaiserin durch die Sopranistin Cheryl Studer vollständig vortragen. Im Studio geht das, auf der Bühne erweist sich der scharfe Wechsel in den Sprechgesang für eine Sopranistin, die schon eine lange Partie in extremer Tonlage hinter sich und ein gigantisches Finale noch vor sich hat, als Tortur, was in der Folge manche Sopranistin merkte, da es sich nun fast eingebürgert hat, das Melodram bei Aufführungen zu geben. Inhaltlich relevant ist die Textzugabe nicht. Als „bekanntestes Beispiel“ für Melodramen in Opern nennt Pachl zurecht die Wolfsschluchtszene in Webers Freischütz. Nicht fehlen in so einer Aufzählung darf Fidelio von Beethoven. Im unterirdischen Verließ soll Leonore Kerkermeister Rocco dabei behilflich sein, das Grab für ihren Gatten auszuheben. Es ist, als ob in diesem furchtbaren Moment die Musik ausgeht.

„Geflüster im Gange“: Das freches Intermezzo der Box stammt von Oscar Straus. Foto: Sammlung Manskopf der Universität Frankfurt (Ausschnitt)

Pachl weiter: „Auch in Operetten ist der dann für den Tonfilm so bezeichnende Einsatz von Sprechstimme zu symphonischem Orchester anzutreffen, – etwa in der burlesken Operette ,Die lustigen Nibelungen’ von Oscar Straus (1870 – 1954). Bereits unter den zahlreichen Überbrettl-Liedern des mit rund 50 Bühnenwerken besonders aktiven Komponisten findet sich ein Melodram. Den Dialog einer erfolgreichen Verführung ,Geflüster im Gange’, op. 74, hat Straus als eine Dauerbewegung des Klaviers ,Presto e leggiero’ und una chorda vertont. Das die huschende Komposition bestimmende Pianissimo verebbt mit dem schwindenden Widerstand des Mädchens gegenüber dem sie zum Beischlaf überredenden jungen Mann in ein Pianopianissimo. Das Gedicht stammt von dem wohl meistvertonten Lyriker der Wende zum 20. Jahrhundert, Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910), der auch der literarische Vordenker des ersten deutschen Kabaretts, des am 18. Januar 1901 von Ernst von Wolzogen in Berlin eröffneten ,Überbrettl’ war.“ Das Stück, nicht viel mehr als eine Minute lang, ist auch in der Edition anzutreffen, wo es sich als freche Einlage zwischen den von Weltschmerz erfüllten Balladen sehr gut macht. Der Zuhörer kann aufatmen, um sich mit Anteilnahme und aller erforderlichen Aufmerksamkeit der nächsten großen Nummer hinzugeben.

Für die Nachtigall von Arnold Winternitz nach Christian Andersens sind fast vierzig Minuten einzuplanen, für Der Fluch der Kröte auf einen Text von Gustav Meyrink, den sein Roman „Der Golem“ berühmt gemacht hat, lediglich zwölf. Im Booklet reserviert Pachl dem Komponisten, der 1874 geboren wurde und 1928 gestorben ist, eine ausführliche Passage: „Winternitz, der neben Opern auch Pantomimen, Klavierstücke und eine Reihe von Liedern und Kinderliedern komponiert hat, wird im Lexikon der Juden in der Musik nur als Komponist der Melodramen „Nachtigall’ und Kröte genannt. In diesen beiden Melodramen bewies er seine Meisterschaft, trefflich zu charakterisieren, mit wenig musikalischem Material, das er höchst variativ einsetzt. Sein Melodram „Die Nachtigall’ für Sprechgesang und Orchester widmete er ,Dr. Ludwig Wüllner in dankbarer Verehrung’ . Ludwig Wüllner (1858 – 1938), Sohn des Komponisten und Dirigenten Franz Wüllner, Philologe, Tenor und ,Herzoglich Meiningischer Hofschauspieler’ , gastierte an allen großen Bühnen, u. a. als Tannhäuser und als Siegmund. Als Liedersänger führten ihn Konzertreisen nach ganz Europa und bis in die USA, wo er unter Gustav Mahler 1910 die amerikanische Erstaufführung der Kindertotenlieder sang. Offenbar gehörten auch Winternitz’ Lieder und Melodramen zu seinen reichhaltigen Programmen. ,Die Nachtigall’ interpretierte er als Deklamator beispielsweise am 6. Februar 1920 in einem Konzert des Philharmonischen Orchesters unter Werner Wolff, gekoppelt mit Bruckners Sechster und der Ouvertüre zu Peter Cornelius Oper Der Barbier von Bagdad in der Berliner Philharmonie, und ebenda erneut am 7. Februar 1924.“ Solcherart waren seinerzeit Programme.

„Das Hexenlied“ von Max von Schillings gilt als eines der Meisterwerke der Gattung Melodram. Es wurde oft aufgeführt und eingespielt. Foto: Sammlung Manskopf der Universität Frankfurt (Ausschnitt)

Der Fischer wird in Goethes gleichnamiger Ballade von einer Nixe mit Gesang und süßen Versprechungen in die Tiefe gelockt. Dichter und Maler haben das Thema gern aufgegriffen. Goethes Verse wurden oft vertont, von Carl Loewe zum Beispiel und auch von Franz Schubert. Camillo Horn hat sie für seine Melodram gewählt. Unter literarischen Gesichtspunkten überragt es die anderen Vorlagen der Sammlung. Stark hat sich der Komponist, dessen Namen mir bislang nicht geläufig war, von Goethe inspirieren lassen. Düster rauscht das Wasser im einleitenden Klavierpart. „Wie Wolff und Schreker wirkte der im böhmischen Reichenberg geborene Bruckner-Schüler Camillo Andreas Horn (1860 – 1941) in Wien. Er komponierte zwei Symphonien, Kammermusik sowie über 100 Chorwerke und Lieder“, so Pachl. Der Fischer gehört zu einer Werkgruppe aus drei Melodramen, die komplett eingespielt wurden. Dazu gehört das „scheinbar“ mit Goethe korrespondierende Gedicht Das Kind am Brunnen“von Friedrich Hebbel, mit „der gefährlichen Verführung durch das Spiegelbild des Knaben im Wasser“, das sich „erst in den letzten drei Takten als heiteres Pendant“ erweist. Das dritte von Horn melodramatisch vertonte Gedicht, Die Zwerge auf dem Baum stammt von August Kopisch (1799 – 1853). Er ist vor allem durch die von Loewe komponierte Heinzelmännchen-Ballade in Erinnerung geblieben.

Franz Schreker hat das Melodram „Das Weib des Intaphernes“ komponiert. Foto: Sammlung Manskopf der Universität Frankfurt (Ausschnitt)

Was noch? Von Franz Schreker fiel die Wahl auf sein Melodram Das Weib des Intaphernes nach Eduard Stucken, in dessen orientalischer nach Darstellung von Pachl „Pervertierung von Macht“ herrsche. „Intaphernes’ Weib erklimmt den Turm des Perserkönigs Darius, um den Diktator zur Freilassung ihrer inhaftierten Familie zu veranlassen. Darius aber ist nur bereit, als Preis für ihre körperliche Hingabe, einen der Ihren frei zu geben. Sie entflammt ein Feuer, in dem alle Beteiligten umkommen.“ Die Befreiung des Gatten durch seine liebende Frau ist gescheitert. In der Geschichte dreht sich der Fidelio-Stoff in sein Gegenteil um. In ihrer Kompaktheit dürfte die aus drei CDs bestehende Edition, die auch alle literarischen Vorlagen bietet, derzeit einzigartig sein auf dem Musikmarkt.

Melodramen auf weiteren Aufnahmen: Ein Doppelalbum, das Dietrich Fischer-Dieskau im Herbst seiner Karriere für die Deutsche Grammophon aufnahm, ist nur noch antiquarisch zu finden. Es enthält auch die Lenore von August Bürger in der Vertonung von Franz Liszt. Diese unheimliche Ballade von 1773, in der Blasphemie mit dem Tod gesühnt wird, stieß gleich bei ihrem Erscheinen auf großes Interesse. Maler versuchten sich in Gemälden und graphischen Zyklen. Außer Liszt nahmen sich Joachim Raff und Henri Duparc des Stoffes musikalisch an. Edgar Allen Poe gab in seinem Gedicht Der Rabe seiner toten Geliebten den Namen Lenore. Jean Sibelius, der sich des Melodrams in einigen seiner Werke bediente, plante eine Vertonung, die aber nicht zustande kam. Gotteslästerung ist bis heute ein heikles und heiß umstrittenes Thema geblieben. In der Gesamtaufnahme der Klaviermusik von Liszt bei hyperion (CDS44501/98) begleitet der Pianist Leslie Howard den Schauspieler Wolf Kahler. Im Werkverzeichnis von Robert Schumann gibt es drei Melodramen: Schön Hedwig und die Ballade vom Heideknaben folgen Texten von Hebbel, für das dritte Melodram Die Flüchtlinge wählte Schumann eine Ballade des englischen Romantikers Percy Bysshe Shelley, der knapp zwanzig Jahre jünger war als er und 1822 bei einer Bootsfahrt an der toskanischen Küste ertrank. Wieder kommt hyperion das Verdienst zu, die Stücke in die Gesamteinspielung aller Lieder Schumanns aufgenommen zu haben (CDS44441/50). Nur ein Melodram ist von Franz Schubert überliefert. Es ist unter verschiedenen Titeln vermerkt. In der ebenfalls bei hyperion veröffentlichten Edition aller Lieder (CDS44201/40) heißt es Abschied von der Erde, in der Gesamtaufnahme von Naxos Abschied (8.503802). Diverse Mitschnitte dieses Melodrams mit der melancholischen Grundmelodie finden sich mit Fischer-Dieskau, Ian Bostridge und sogar mit Anja Silja auf der Internet-Plattform YouTube.

Gleich drei Melodramen der neuen Edition stammen vom Bruckner-Schüler Camillo Horn. Foto: Sammlung Manskopf der Universität Frankfurt (Ausschnitt)

Seinem Hang zur Maßlosigkeit bleibt Richard Strauss auch in seinem Melodram Enoch Arden von 1897 treu, das stürmisch beginnt. Es braucht mehr als eine Stunde. Komponiert wurde es für den Schauspieler Ernst von Possart. Beide führten es mehrfach gemeinsam auf und ernteten viel Zuspruch. Strauss fühlte sich ermutig, wenig später das weniger aufwändige Schloss am Meer nach einem Gedicht von Ludwig Uhland nachzuschieben. Enoch Arden ist eine mehrfach ins Deutsche übersetzte Ballade des Engländers Alfred Tennyson von 1864. Sie erzählt die Geschichte des gleichnamigen Seemanns, der nach einem Schiffbruch zehn Jahre auf einer einsamen Insel ausharren musste. Bei seiner Rückkehr findet er seine Frau in den Armen eines Freundes, denn er wurde für tot gehalten. Er gibt sich aber nicht zu erkennen und stirbt an gebrochenem Herzen. Ottmar Gerster verarbeitete die Geschichte zu einer Oper, die 1936 uraufgeführt wurde. Der anfängliche Erfolg hielt nicht an. So erging es auch dem Melodram, wenngleich es so oft wie kein anderes eingespielt wurde. Dass der tüchtige Fischer-Dieskau gleich zwei Produktionen hinterließ, wundert nicht. Jon Vickers ist ebenso wie Michael York mit dem englischen Originaltext dokumentiert. Glenn Gould hat in seiner bei Sony erschienen Produktion den Schauspieler Claude Rains als Sprecher, der als Captain Renault in Casablanca bekannter geworden sein dürfte als mit Enoch Arden. Zuletzt sind beide Melodramen von Strauss in einer Gesamtaufnahme der Klavier-Lieder anlässlich seines 150. Geburtstages beim Label TwoPianists Records mit Brigitte Fassbaender vorgelegt worden (TP11039312).

Schillings „Hexenlied“: Mit seiner Sammlung macht Peter P. Pachl Lust darauf, sich mit dem in Vergessenheit geratenen Genre, das seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert hatte, erneut zu beschäftigen. Ein Melodram, das auch heute noch auf Konzertprogrammen steht und ebenfalls mehrfach eingespielt wurde, ist das Hexenlied von Max von Schillings nach Ernst von Wildenbruch. Pachl trägt die Fassung mit Klavierbegleitung vor und legt dabei nach meinem Eindruck seine beste Leistung hin. Immerhin muss er sich gegen Konkurrenz behaupten, die ihm gut bekannt sein dürfte. Wieder sitzt jedem potentiellen Interpret Fischer-Dieskau im Nacken. Unvergessen ist mir eine Aufführung in der Deutschen Oper Berlin mit dem Orchester des Hauses unter Christian Thielemann und Martha Mödl in der Spätzeit ihrer langen Karriere. Das Haus tobte, was wohl in erster Linien auf die Interpreten zurückzuführen gewesen sein dürfte. Doch auch das Werk selbst bekam seinen Teil des Beifalls ab. Eine Studioeinspielung der Mödl von 1992 ist bei cpo zu haben (999233).

Pachl: „Der Gesang eines schönen, unschuldig zum Feuertod als Hexe verurteilten jungen Mädchens, lässt den jungen Mönch Medardus ein Leben lang, bis in den Tod, nicht los. Der Sänger, Schauspieler und Deklamator Ludwig Wüllner hat Schillings’ im Jahre 1902 erschienenes Melodram gleich zweimal unter der Leitung des Komponisten auf Schellackplatten eingespielt – zunächst akustisch, dann wenige Tage vor Schillings’ Tod, im Jahr 1933, als 74-jähriger Deklamator, nochmals elektrisch. Max von Schillings’ Schaffen wird heute aufgrund seiner Vita vielfach geächtet, denn der Komponist, Dirigent und Theaterleiter wurde 1932 Präsident der Preußischen Akademie der Künste, an der Franz Schreker und Arnold Schönberg lehrten; und ein Jahr später teilte Schillings seinen beiden Kollegen deren Suspendierung vom Amt mit. Als Opernintendant jedoch hatte Schillings Schrekers Opern durchaus gepflegt. Selbst im frühen ,Hexenlied’ wird heute bisweilen ein versteckter Antisemitismus gemutmaßt: Die schwarzen Haare der Hexe in der Dichtung habe Schillings durch die ,talmudische Terz’ und sein ,Changieren zwischen Dur und Moll’ , das ins ,Shtetl’ verweise, als Jüdin gezeichnet, wohingegen der Choral der Mönche ,manche Wendung aus patriotischem Liedgut’ enthalte. Dabei wird allerdings übersehen und überhört, dass Schillings’ Tonsprache ein klares Plädoyer für die Hexe und gegen die Mönche bezieht.“

Wüllners späte Aufnahme findet sich im Katalog von Bayer-Records (BR 200 049 CD). Ich habe sie lange nicht gehört. Während ich mich mit der Edition von Pachl beschäftigte, suchte ich sie wieder hervor. Ein Vergleich wäre der völlig falsche Ansatz. Wüllner agiert mit dem Pathos des frühen 20. Jahrhunderts, Pachl sucht durch einen schlichten, klaren und schnörkellosen Vortragsstil das Melodram auch im 21. Jahrhundert zu platzieren. Mit der Interpretation von Wüllner aber wird deutlich, warum diese Gattung zwischen Oper und Schauspiel, an der sich auch das Bürgertum in seinen Salons versuchen konnte, einst so beliebt und verbreitet war (Bild oben: Ausschnitt aus Frederic Leightons Gemälde Der Fischer und die Sirene, 1856-58/ Wikipedia). Rüdiger Winter