Matthias Goerne geht in sich

 

Ach, ja, mal wieder nach Luzern fahren. Das wäre schön. Der Beginn dieser Mahler-DVD macht Lust auf die Stadt am Vierwaldstättersee mit ihrer malerischen Umgebung. Sie ist bei Accentus Music erschienen (ACC 20354). Beteiligt an der Herausgabe sind das Lucerne Festival, das Schweizer Radio und Fernsehen SRF und Arte. Wie auf Bestellung ziehen Postkartenwolken aus den Bergen heran. Ein Dampfer mit einem richtigen Schornstein hat sich bis ins Zentrum vorgeschoben. Man meint, die Wasserspiele rauschen zu hören. Flaneure bevölkern den Platz vor dem Kultur- und Kongresszentrum, das auch als Konzertsaal dient, an diesem Tag im August 2015. Drinnen herrscht ernste Hochspannung, auch wenn der Auftakt des Konzerts mit Mahlers nur vordergründig heiterem Rheinlegendchen zunächst ein Programm erwarten lässt, ganz auf das äußere Sommerambiente zugeschnitten. Dem ist nicht so.

DVD Nelsons Goerne MahlerAndris Nelsons dirigiert das Lucerne Festival Orchestra. Auf sieben Gesänge aus Des Knaben Wunderhorn, vorgetragen von Matthias Goerne, der auf einer weiteren CD Brahms singt, folgt die 5. Sinfonie von Gustav Mahler, die ein Trauermarsch einleitet.

Gemessenen Schritts. Streng. Wie ein Kondukt. So hat der Komponist selbst diesen ersten Satz überschrieben. Also Leichenzug statt Promenadenwanderung. Bei Nelsons klingt das alles nicht ganz so todernst, eher wie ein Kondukt bei Sonnenschein. Die Musik fließt. Seine Stärken sind weniger die gewaltigen und grellen Ausbrüche als jene Passagen, in denen sich die Musik verinnerlicht, als würde sie sich zusammenziehen auf ihre Essenz. Nelsons entdeckt die Schönheit neu bei Mahler. Es ist, als umarme er die Musik, die unter seinen Händen zum Klingen gebracht wird. Sparsam sind seine Gesten nun wirklich nicht. Und er hat die seltene Gabe, dass er sich selbst an sehr ausweglos wirkenden Stellen ein Lächeln abgewinnt, das wie Verklärung wirkt. Er kann nicht anders, trägt sein Innerstes auf dem Gesicht. Deshalb kommt er ja so gut an beim Publikum. Selbst das in seiner Popularität überstrapazierte berühmte Adagietto klingt bei Nelsons plötzlich ganz anders als gewohnt. Ihm dürfte eine große Zukunft als Dirigent von Mahler bevorstehen. Davon legt dieser Mitschnitt Zeugnis ab. Er arbeitet hinreißend schöne Details heraus, die auch an die Lieder im ersten Programmteil denken lassen. Diese stehen zeitlich in der Nähe der Sinfonie, die 1902 vollendet wurde. Die Komposition der Wunderhorn-Gesänge wurde 1898 abgeschlossen.

Goernes Vortragskunst passt gut zu diesem Dirigenten – und umgekehrt. Seine Stärke ist ebenfalls die Verinnerlichung, der er betörende Töne abgewinnt. Träumerisch klingt es, mitunter etwas angestrengt und forciert in dramatischen Momenten. Da lugt eben der Wotan um die Ecke, mit dem er sich womöglich doch keinen Gefallen tut. Im Großen und Ganzen sind Rheinlegendchen, Wo die schönen Trompeten blasen, Das irdische Leben, Urlicht, Des Antonius von Padua Fischpredigt, Revelge und Der Tamboursg’sell eine günstige Auswahl. Am besten gelingt nach meinem Eindruck das Urlicht aus der 2. Sinfonie. So, wie Goerne es singt, lässt es die Altsimme, die grundsätzlich besser passt, nicht vermissen. Etwas mehr spielerische Ironie hätte gewiss dem Antonius und seiner vergeblichen Predigt gut getan. So etwas scheint dem Bariton, der immer sehr ernst wirkt, vielleicht weniger zu liegen.

So ist Goerne denn bei den Vier ernsten Gesängen von Johannes Brahms so ganz in seinem Element. Eine neue Produktion, gekoppelt mit anderen Liedern und Gesängen, darunter die Sammlung op. 32, hat harmonia mundi vorgelegt (HMC 902174). Am Flügel sitzt der charismatische Christoph Eschenbach, der seinem Sänger immer den Vortritt lässt. Stärker tritt er in Erscheinung, wenn die Stimme schweigt. Dann entfaltet Eschenbach, der seine internationale Karriere als Pianist begann, sein Meisterschaft an den Tasten. Geschenkt wird nichts. Selten habe ich Brahms so dunkel und weltabgewandt gehört. Damit dürften beide Künstler einen maßgeblichen, wenn nicht gar den maßgeblichsten Wesenzug dieses Komponisten erfasst haben. Und da auch fast jedes Wort zu verstehen ist, verstärkt sich diese Wirkung umso mehr. Rüdiger Winter