Von Herrschern und Heroen

Auch wenn man derzeit bei Russland meist an die beängstigende politische Situation denkt, ist es manchmal gut sich zu erinnern, dass das Land reich an kulturellen Schätzen ist. Deshalb kommen die jüngsten vier Wiederveröffentlichungen und zwei Neuaufnahmen von russischer Musik gerade recht. Geboten bekommt man Klassiker des 19. und 20. Jahrhunderts, Gesellschaftskritisches und Unbekanntes des sozialistischen Realismus. Das regt dazu an, sich mit den Biografien der teils widerständigen, teil parteikonformen Komponisten und den Hintergründen ihrer eingespielten Werke zu beschäftigen, deren Schaffenskatalog manche Ähnlichkeiten aufweist: z. B. die häufige Transformation von ursprünglicher Filmmusik in andere Gattungen.

Schon das Leben von Sergei Rachmaninov wurde durch politische Verhältnisse beeinflusst. Der reiche und kosmopolitische Komponist war als Gutsbesitzer ein Feind der Bolschewiki und floh während der Oktoberrevolution für immer ins amerikanische Exil. Bis dahin hatte er  drei Kurzopern komponiert, von denen keine wirklich ins Repertoire einging. (Ausnahme ist die bei Bassisten beliebte Arie des Titelhelden aus der Zigeunertragödie Aleko). Das vierte Bühnenwerk Monna Vanna, eine im Pisa der Renaissance spielende Dreiecksbeziehung während der Belagerung durch Florentiner Truppen, sollte abendfüllend werden, doch kam Rachmaninov nicht über die Klavierskizzen des ersten Aktes hinaus. Dieser ist nun erstmals in der Orchestrierung durch Gennady Belov eingespielt worden, von Vladimir Ashkenazy und einem aus Moskauer Musikstudenten zusammengestelltem Chor und Orchester sowie einem jungen Sängerquintett. Der Akt besteht im Wesentlichen aus zwei großen Soloszenen bei denen Monna Vanna (Evgeniya Dushina mit stählernen Sopranhöhen) selbst nur Stichwortgeberin ist. In der ersten berichtet Marco, der Vater des Befehlshabers Guido, von den Kapitulationsbedingungen: dessen Gattin Monna Vanna soll eine Nacht mit dem feindlichen General verbringen. In der zweiten ringt Guido mit der Entscheidung seiner Frau, sich ins feindliche Lager zu begeben. Viel Parlando zu Beginn, ein impressionistisch stimmungsvoller, von einem Frauenchor eingeleiteter Auftritt der Monna, eine leidenschaftliche Liebeserklärung Guidos und ein dramatisches Finale, so gliedert sich dieser durchkomponierte Akt. Sowohl Vladimir Avtomonov als Guido wie auch Dmitry Ivanchey als Marco verfügen über respektable Stimmen, wobei Ivancheys feiner Tenor zu frisch für einen alten Mann klingt. Der Bariton geht mit viel Hochdruck zur Sache, doch fehlt noch ein Quäntchen an Gestaltungskraft. Als Füllsel gibt es sieben Lieder des Komponisten mit Soile Isokoski. Die finnische Sopranistin, deren Stimme so herrlich warm und ebenmäßig strömt, singt insgesamt berückend schön, stößt nur vereinzelt an Grenzen in der extremen Höhe. Ihr sensibler Begleiter am Klavier ist Vladimir Ashkenazy (Ondine, ODE 1249-2)

molchanovAufschlussreich ist die Begegnung mit einer typisch sowjetischen Oper. Das 1973 uraufgeführte und nur drei Jahre später auf Platte verewigte Musikdrama Im Morgengrauen ist es noch still von Kirill Molchanov (1922-1982), dem zeitweiligen Chef des Bolschoi-Theaters, thematisiert das Schicksal von vier Soldatinnen im zweiten Weltkrieg. Im ersten Teil erzählt jede der Frauen ihre Geschichte, im zweiten Teil werden wir Zeuge eines Angriffs, bei dem alle umkommen. Das Werk betont zwar in sozialistischer Manier den heroischen Kampf des russischen Volkes gegen Hitlerdeutschland, doch der propagandistischen Darstellung zum Trotz erlebt man eine bewegende Anklage gegen jeglichen Krieg. Im Morgengrauen ist es noch still ist eine reine Frauenoper. Mit Galina Kalinina (Lisa), die ihren üppigen Sopran in einer als Vokalise angelegten Erinnerungsromanze wunderschön fließend zur Geltung bringt, der zartstimmigen Clara Kadinskaya (Sonia) sowie den eindringlichen, pastos tönenden Mezzosopranistinnen Olga Teryushnova (Genia) und Galina Borisova (Rita) ist das weibliche Quartett absolut rollendeckend besetzt. Als Kommandant Vaskov, der einzigen männlichen Figur, führt Arthur Eisen einen wahrlich imposanten Bass vor. Die Leitung der plakativen, einprägsamen, mit viel Populärmusik durchzogenen Oper, für die Molchanow auf Material aus seiner Musik zur vorangegangenen Verfilmung zurückgriff, liegt in den bewährten Händen des Dirigenten Alexander Lazarev. (Mel CD 1002247, 2 CD)

sviridov the blizzardEiner weiterer hoch dotierter Vertreter des sowjetischen Musiklebens war Georgy Sviridov (1915-1998). Seine Orchestersuite Der Schneesturm nach Puschkins gleichnamiger Novelle, ursprünglich als Musik zum gleichnamigen Film entstanden, reiht eine eingängige Melodie an die andere. Insbesondere die sentimentale, sich gewaltig steigernde Romanze bleibt im Gedächtnis hängen. Kein Geringerer als Vladimir Fedoseyev ist der Dirigent dieser angenehm nebenbei zu hörenden Stücke. Als zweites Werk erklingt der Chorzyklus Puschkins Kranz.  Die Vertonung von einer Reihe von Puschkin-Gedichten ist ausgesprochen farbig. Der meist a-capella singende Chor wird nur an wenigen Stellen unterstützt von Solisten und Schlagzeug, das in seiner wilden Rhythmik an Stravinsky erinnert. Der von Vladimir Minin geleitete Moskauer Kammerchor imponiert nicht nur durch imponierende Klangfülle, sondern auch durch  differenzierte Gestaltung, wodurch jedes Stück einen eigenen individuellen Charakter erhält. Witziger Höhepunkt ist das Finale, in dem bildkräftig eine schnatternde Elster besungen wird. (Mel CD 10022029)

kondrashinEin Zeitdokument von besonderer historischer Bedeutung ist das Album Tribute To Kirill Kondrashin. Zu hören ist die zwei Tage nach der Premiere im Dezember 1962 mitgeschnittene Zweitaufführung von Shostakovichs tragischer Symphonie No. 13. Die Vertonung des Gedichts Babi Yar von Jewgeni Jewtuschenko, das an das mehrheitlich an Juden verübte Massaker erinnert, fand da noch mit dem ungekürzten Text statt – danach wurde der Autor von der Kulturbehörde zu Änderungen wegen des Vorwurfs der Einseitigkeit angehalten. Die Gesangssymphonie, die der Komponist auch als Fanal gegen russischen Antisemitismus verstanden wissen wollte, ist ein zutiefst erschütterndes musikalisches Bekenntnis. Die Interpretation von Kirill Kondrashin, der den grandiosen RSFSR Akademischen Chor und die Moskauer Philharmoniker, deren Chef er zwischen 1960 und 1976 war, dirigiert, garantiert höchste Authentizität, auch wegen Shostakovichs Mitwirkung an der Einstudierung. Der Bassist Vitaly Gromadsky gibt seinem pessimistischen Part hingebungsvolle Intensität. Gekoppelt ist die Symphonie mit Auszügen aus Prokofievs patriotischer Kantate Oktober, die zum 20. Jahrestag der Revolution entstand, aber wohl aus politischen Gründen erst 30 Jahre nach ihrer Entstehung 1936 und 13 Jahre nach Prokofievs Tod uraufgeführt wurde.  Praga (PRD/DSD 350 089)

prokoffiev ivan the terrible sonyEin solches Schicksal hatte Prokofievs Musik zu Sergei Eisensteins Film Ivan, der Schreckliche nicht. Im Gegenteil: 1962 arrangierte der Uraufführungsdirigent Abram Stassewitsch sie zu einem Oratorium um, das seither zumindest gelegentlich im Konzertsaal erklingt. Tugan Sokhiev, der zusammen mit dem Deutschen Symphonie- Orchester erstmals bei Sony seine Visitenkarte abgibt, gelingt eine brillante, auf Hochglanz polierte Wiedergabe. Da werden alle Kontraste ausgereizt, die Dynamik in feinsten Abstufungen austariert und die Rhythmik unerbittlich durchgezogen. Der Rundfunkchor Berlin und der Staats-und Domchorberlin erfüllen ihre Aufgabe mit Perfektion, die kleinen Soloaufgaben werden von der mit Herzblut singenden Olga Borodina und dem stürmisch auftrumpfenden Ildar Abdrazakov tadellos wahrgenommen. (Sony, 88843028942)

trschaikowsky sleeping beauty melodyaWer nach so viel schweren und düsteren Stoffen nach Entspannung sucht, sollte Tchaikovskys Dornröschen auflegen. Das komplette Ballett ist in der prächtigen Einspielung aus dem Jahr 1980 wieder erhältlich. Der Dirigent Evgeny Svetlanov lässt rasant musizieren, das Orchester des sowjetischen Rundfunks gibt sein Bestes und glänzt mit tollen solistischen Einwürfen. (Mel CD 10 02243, 3 CD)

Karin Coper