Steiniger Weg zur Popularität

Eine der erstaunlichsten Karrieren hat Gustav Mahler erlebt. Dass er zu Lebzeiten als Komponist nicht immer verstanden und akzeptiert wurde illustriert überzeugend der Visconti-Film Tod in Venedig (ungeachtet der recht freien Darstellung). Heute hingegen gibt man sich fast Mahler-süchtig, nicht zuletzt ablesbar an einer Fülle von Gesamtaufnahmen der 9 bzw.10 Sinfonien, welche nicht wenig von der Entwicklung der Stereo-Technik profitieren. Mahlers Musik benötigt Raum, wie er aber selbst in neueren Konzerthäusern  Dortmund, Essen) nicht immer ideal gegeben ist. Der Rezensent erlebte in der Kölner Philharmonie Aufführungen mit dem Gürzenich-Orchester unter Markus Stenz (alle von Oehms mitgeschnitten). Die Chöre bei den Sinfonien 2, 3 und 8 konnten sich auf den Emporen hinter dem Podium im Halbrund ausbreiten. Doch selbst diese Raumkonstellation wird überboten von der Arena-artigen Londoner Royal Albert Hall. Die auf Youtube verfügbaren Aufführungen der „Zweiten“ (unter Gustavo Dudamel) und der „Achten“ (unter Simon Rattle) kommen über Kleinlautsprecher klanglich sicher nicht optimal rüber, aber man spürt die musikalische Expansion nachgerade körperlich.

Einen guten Eindruck von der Wirkungssteigerung durch angemessene akustische Rahmenbedingungen vermittelt die Edition The Music of Gustav Mahler – Issued 78s, 1903-1940, welche vom Label mit dem beziehungsreichen Namen Urlicht veröffentlicht wurde. Die CD-Kassette spiegelt die Phonogeschichte Mahler’scher Werke zwar nicht lückenlos ab (über weitere Einspielungen unterrichtet das wahrhaft superbe Booklet), aber doch sehr repräsentativ. Auf keinen Fall fehlen durfte natürlich die von Oskar Fried mit dem Orchester der Staatsoper Berlin dirigierte Auferstehungs-Sinfonie, alleine wegen der großen Besetzung im Jahre 1924 (akustische Aufnahmetechnik) ein unerhörtes Wagnis. Der Klang wirkt für heutige Ohren zwangsläufig etwas korsettiert und topfig, Hörgenüsse darf man nicht erwarten. Aber im Bereich historischer Aufnahmen ist das Moment des Dokumentarischen u.U. ein Wert an sich. Frieds Interpretation wirkt ohnehin nicht „historisch“. Die dramatische Sopranistin Gertrud Bindernagel ist überaus tauglich für ihren Part, der erfüllte Gesang von Emmi Leisner erzeugt Gänsehaut.

Wie sich die Wirkung von  Mahlers Musik durch akustische Gegebenheiten zu steigern vermag, macht die Widergabe des gleichen Werkes durch Eugene Ormandy von 1936 deutlich (Livekonzert vom 6.1.) Beim Minneapolis Symphony Orchestra, dessen Chef Ormandy vor seiner langjährigen Philadelphia-Karriere war, wird wirklich ein Klangraum entworfen. Nicht alles bei diesem Mitschnitt verläuft glatt, aber das Werk rückt einem unter den gegebenen (und immer noch bescheidenen) Konditionen entscheidend näher. Sorgfältige Gesangssolisten: Corinne Frank Bowen und Anne O’Malley Gallogly. Das Minneapolis Symphony Orchestra galt in den Jahren vor 1945 offenkundig als besonderes Mahler-affin. Dass es von 1940 auch noch eine Einspielung der Titan-Sinfonie unter Dimitri Mitropoulos gibt, einem echten Mahler-Exegeten also, spricht dafür.

Die erste Einspielung einer Mahler-Sinfonie in elektrischer Aufnahmetechnik (die Vierte) ist von den Ausführenden her ein kleines Kuriosum, stammt sie doch aus Japan. 1930 war die kulturelle Verschmelzung noch nicht so ausgeprägt wie heute. Die Wahl von Orchester (Tokyo New Symphony Orchestra – das spätere NHK) und Dirigent (mit allerdings internationaler Karriere: Viscount Hidemaro Konoye) ist also ungewöhnlich für dieses ambitionierte Unternehmen. Sieht man von der lediglich mittelprächtigen Sopranistin Eiko Kitazawa ab, steht die Einspielung auf hohem Niveau. Zu den wirklich bedeutenden Mahler-Dirigenten zählen Willem Mengelberg und Bruno Walter. Von letzterem gibt es relativ bekannte Einspielungen, deren Erwähnung an dieser Stelle genügen darf: Lied von der Erde mit Kerstin Thorborg und Charles Kullman (1936) sowie, ebenfalls mit den Wiener Philharmonikern, die 9. Sinfonie (live am 16.1.1938) und Adagietto (einen Tag zuvor im Studio). Unter Mengelberg gibt es den Visconti-Ohrwurm ebenfalls, im Tempo diszipliniert, anders als Bachs überromantisierte Air in Mahlers Orchesterfassung.

Eine andere Mahler-Bearbeitung wird gleich zu Beginn geboten. Die Arie „Ein Mädchen verloren“ aus Die drei Pintos vermittelt mit Klavierbegleitung freilich nichts von Mahler (sehr markant indes: Leopold Demuth, 1903). Die offenbar frühesten Liedaufnahmen aus der Feder des Komponisten verdankt man der Sopranistin Grete Stückgold, 1915 gerade mal Zwanzig. Sowohl bei „Wer hat dies Liedlein erdacht“ als auch bei „Ich ging mit Lust“ hört man einen frischen, unkomplizierten Vortrag . Das „Liedlein“ gehörte offenkundig zu den bevorzugten Vokalwerken Mahlers in der Aufnahme-Frühzeit. Auch Elisabeth Schumann liegt es 1930 gut in der Kehle (Begleiter: George Reeves), und der Mezzo von Lula Mysz-Gmeiner besitzt 1928 viel Sopranfrische. Die Widergabe von „Um Mitternacht“ durch die niederländische Sopranistin Aalte Noordewier-Reddingius (begleitet 1928 an der Orgel durch Anthon van der Hörst), wirkt hingegen etwas unsicher und starr, während sich Sara Charles Cahier 1930 mit „Urlicht“ und „Ich bin der Welt abhanden gekommen“  zu verströmen weiß (Dirigent: Selmar Meyrowitz). Assistenz vom Berliner Staatsopernorchester (diesmal unter Hermann Weigert) wird bei „Rheinlegendchen“ und „Tambourg’sell“ auch Heinrich Schlusnus zuteil, ausdrucksvoll, aber etwas bardenhaft. Schöne Aufnahmen stammen von Suzanne Sten, 1940 zusammen mit Leo Taubmann („Hans und Grete“ als Plattenpremiere sowie „Ich atmet einen linden Duft“). Letztgenanntes Lied gibt es auch mit Charles Kullmans fein lasiertem Tenor, leider auf Englisch (Dirigent: Malcolm Sargent, 1938) sowie, unter Walter 1936 hoheitsvoll gesungen, von Kerstin Thorborg „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, so dass die Rückert-Lieder in dieser CD-Kassette nahezu vollständig sind. Ein Gesellen-Zyklus fehlt, dafür werden die Kindertotenlieder (neuerlich mit dem Berliner Staatsopernorchester, jetzt 1928 unter Jascha Horenstein) durch Heinrich Rehkemper geadelt. Wer die kalte Dusche nicht scheut, mag ein gewisses Sängerbuch aufschlagen, wo über den Künstler Folgendes verlautet: „Rehkempers Stimme ist ein mattes, farbloses, unattraktives Instrument mit ungenügender Attacke, unsicherer Technik und allen schlechten Manieren des deutschen Stils. Auch unter Journalisten gibt es offenkundig schlechte Manieren. Nach dieser Lektüre bietet das Dol Dauber Salonorchester mit Instrumentalfassungen aus dem Lied von der Erde und des Rheinlegendchen“ einigen Balsam (The Music of Gustav Mahler – Schellacks 1903-1940; 8 CDs Urlicht UAV 5980/ Note 1)

Christoph Zimmermann