Seltenes und Bizarres

 

In Zusammenarbeit mit dem Palazzetto Bru Zane und BR Klassik hat cpo zwei Sinfonien (op.23 und 57 sowie „Trois Morceaux“ op.51) des heute fast vollständig vergessenen französischen Komponisten Benjamin Godard (1849-1895) herausgebracht. In der Produktbeschreibung heißt es zutreffend, „dass dessen sinfonische Werke auf ausgesprochen ansprechende Weise die melodischen Qualitäten eines Jules Massenet mit dem Einfallsreichtum und der technischen Brillanz eines Camille Saint-Saëns vereinen“. Mehr über Godard und sein Werk in Bezug auf die Oper und Vokales kann man in der operalounge.de-Besprechung seiner Oper Dante erfahren.

Bereits 1874 entstand die „Symphonie gothique“ op.23, die jedoch erst sieben Jahre später uraufgeführt wurde. Sie erhebt schon durch ihre Kürze von knapp 20 Minuten und die Aufteilung in fünf Sätze nicht den Anspruch, sich in irgendeiner Weise auf die klassische oder romantische Sinfonie zu beziehen. Der Name „gotisch“ ist etwas irreführend, gab es doch im 19. Jahrhundert, als in der Architektur die „Neugotik“ durchaus en vogue war, keine musikalischen Nachahmungen dieses Baustils. Allerdings greift Godard in seiner Sinfonie, die eher eine „Suite im alten Stil“ ist, auf „Altes“, auf „Gotisches“ zurück, wenn man z.B. im Grave strenge drei- und vierstimmige Polyphonie im Stile eines Bach oder Händel hört.

Die Symphonie Nr.2 op.57 entstand zwar erst fünf Jahre nach der „gotischen“ Sinfonie, wurde aber schon vor dieser uraufgeführt. Klassisch ist die Aufteilung in vier Sätze, wobei die Ecksätze in Sonatenform geschrieben sind; dabei weicht Godard in harmonischer Hinsicht vom üblichen Schema ab, wenn sich die Nebenthemen im Verhältnis zu den Hauptthemen nicht in Parallel-Tonarten bewegen.

Godards „Trois Morceaux“ op.51 („Marche funèbre“, „Brésillienne“, „Kermesse“), die es zunächst als Klavierfassungen gab, sollen in der Orchestrierung ein großer Publikumserfolg gewesen sein. Besonders bei „Kermesse“ (= Kirmes) gab es „eine begeisterte Ovation und drei Hervorrufe“ für das Stück, das man zu den „glücklichsten Kompositionen von Monsieur Godard“ zählte.

All dies findet in David Reiland, derzeit Chefdirigent des Orchestre de Chambre du Luxembourg, und dem in allen Instrumentengruppen versierten Münchener Rundfunkorchester Interpreten, die mit Präzision und Transparenz die spezifischen Klänge der französischen Sinfonik des 19.Jahrhunderts sehr differenzierend wiedergeben (cpo 555 044-2).

 

Carl Heinrich Carsten Reinecke DynamicIm langen Leben und Wirken von Carl Heinrich Carsten Reinecke, geboren 1824 im damals dänischen Altona, gestorben 1910 in Leipzig, spiegelt sich die Musikgeschichte einer ganzen Epoche wider. Felix Mendelssohn Bartholdy lobte 1843 den 19jährigen Pianisten, der ihm Werke zur Prüfung vorgelegt hatte, mit den Worten: „Sie haben ganz entschiedenes Talent zur Composition.“ Reinecke widmete Robert Schumann sein Klaviertrio op. 38, und am 18. Februar 1869 leitete er im Leipziger Gewandhaus die erste vollständige Aufführung des „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms. Der junge Ferruccio Busoni widmete ihm 1885 seine Chopin-Variationen op. 22 „in Verehrung“. In seinen 1900 veröffentlichten „Gedenkblättern“ unter dem Titel „und manche lieben Schatten steigen auf“ erinnert sich Reinecke an Begegnungen mit Liszt, Schumann, Jenny Lind, Wilhelmine Schröder-Devrient, Brahms oder Mendelssohn. Nach Stationen in Bremen, Köln, Barmen und Breslau übernahm er 1860 die Leitung des Leipziger Gewandhausorchesters, das er bis 1895 inne hatte. Reineckes Schaffen ist stark geprägt von seinen Vorbildern  Mendelssohn und Schumann; wegen seiner Laufbahn als gefeierter Pianist überwiegen Klavier- und Kammermusik, aber auch Sinfonisches gegenüber Vokalwerken. Nachdem Dynamic bereits früher Kammermusik für Flöte und Klavier herausgebracht hat, sind nun kleinere sinfonische Stücke von Reinecke erschienen, die seine romantische Komponierweise erkennen lassen. Es sind dies das Flötenkonzert op.283, die Ballade  für Flöte und Orchester op.288 und die Streicherserenade g-Moll op.242. Mit guter Technik ist Mario Carbotta der Solist in den 1909 und 1911 entstandenen Flöten-Werken; der Orchesterpart ist ebenso wie die gefällige Streicherserenade (1898) bei dem Philharmonischen Orchester Rzeszów unter seinem Chefdirigenten Vladimir Kirajiev in guten Händen (Dynamic CDS 7741).

 

malincolia hänsdslerDie Kompositionen von Edvard Grieg und Jean Sibelius klingen vielfach elegisch und sind meist voller Melancholie und tiefgründiger Nachdenklichkeit. „Malinconia“, ein Stück für Violoncello und Klavier von Sibelius, ist der Titel einer in der Reihe „Profil“ bei der Edition Günter Hänssler erschienenen CD, auf der der renommierte Cellist David Geringas und der inzwischen zur Klavier-Elite gehörende Ian Fountain solche schwermütigen Stücke eingespielt haben. Es sind Originalwerke für diese Besetzung, wie die genannte „Malinconia“ oder die bedeutende Cellosonate op.36 von Grieg, aber auch Bearbeitungen wie Griegs „Letzter Frühling“, drei Stücke aus „Peer Gynt“ und Sibelius‘ „Valse triste“. In perfektem Zusammenspiel erweisen sich die beiden Künstler für die nordische Melancholie als sehr empfänglich und geben die schwermütigen Stimmungen einfühlsam wieder; die etwas aus dem Rahmen des Grundthemas der CD fallenden, technisch anspruchsvollen, flotten Ecksätze der Cellosonate oder Griegs „Allegretto“ op. E-Dur werden spritzig präsentiert (Hänssler PH15005).

 

Denis Patkovic Bach DP ClassicsAbsolut etwas Besonderes ist die bei DP CLASSICS in Zusammenarbeit mit BR Klassik erschienene CD Bach Vertical mit Bach-Chorälen und dem Konzert für 2 Cembali BWV 1061 für zwei Akkordeons (!), eingespielt von Denis Patkovic und seinem früheren Lehrer an der Würzburger Musikhochschule Stefan Hussong. Dabei ist dies für Patkovic nach den „Goldberg-Variationen“ und Cembalo-Konzerten bereits die dritte Einspielung von Bach-Werken, bearbeitet für Akkordeon. Bei den dreizehn Chorälen wirkt der typische Klang der Akkordeons durchaus passend; im Cembalo-Doppelkonzert stellen die Künstler hohe Virtuosität auf „ihren“ Instrumenten eindrucksvoll unter Beweis (DP CLASSICS DP0003). Gerhard Eckels