Musik für die Seele

Es mag ein Zufall sein, und wenn dem so ist, muss man von einem glücklichen sprechen. Innerhalb eines Jahres erscheint die bisher umfangreichste Sammlung von Boccherinis Musik in einer hinreißend geglückten CD-Box. Und praktisch gleichzeitig legt die Musikwissenschaftlerin Babette Kaiserkern eine umfassende Darstellung von Boccherinis Leben und Werk vor, die erste deutsche, wenn nicht sogar überhaupt die erste biographische Würdigung des italienischen Komponisten in diesem Umfang.

Dabei hatte die Autorin mit einer nicht gerade ermutigenden Quellenlage zu kämpfen. Ganz anders als von seinem Zeitgenossen Mozart sind von Boccherini nur vereinzelte Briefe überliefert, sie allein und die gesicherten Daten seines Lebens und Wirkens würden wohl für eine Biographie herkömmlichen Stils nicht ausreichen. Aus dieser Not macht Kaiserkern durchaus eine Tugend, indem sie den Focus des Buches auf eine umfassende Werkanalyse richtet. Besser als in einem Konzertführer wird hier eine Vielzahl einzelner Werke nicht nur nach Struktur und Stil beurteilt, die sprachlich höchst gewandte Autorin vermag es, den emotionalen Gehalt dieser Musik dem Leser bzw. Hörer nahe zu bringen und so ein tieferes Verständnis zu erwecken. Schwer verständlich, dass bis heute nicht sämtliche Werke Boccherinis im Druck erschienen sind. Dabei hatte der Komponist Zeit seines Lebens ein gutes Verhältnis zu diversen Verlegern, wie Pleyel in Paris und Artaria in Wien. Der gute Verkauf seiner gedruckten Werke ist ein Indiz dafür, dass Boccherini zu Lebzeiten eine weit größere Popularität genoss, als es heute der Fall ist. Er war zwar Kammerkomponist des Preußischen Königs Wilhelm II., eine einträgliche Stellung, die ihn freilich nicht zur Anwesenheit in Berlin verpflichtete. Des Königs Vorliebe für das Cello initiierte so eine Vielzahl von Werken für dieses Instrument und kam Boccherinis eigenen Neigungen als Cello-Virtuose entgegen. Diese fruchtbare Tätigkeit fand mit Friedrich Wilhelms plötzlichem Tod ein abruptes Ende, ähnlich wie zuvor Boccherinis Anstellung bei dem Infanten Luis von Borbon.

Materiell scheint das Leben des Komponisten über weite Strecken wohl gesichert gewesen zu sein, über die beiden Erwähnten hinaus fand Boccherini immer wieder adelige Mäzene, die seine Kunst zu schätzen wussten. Sein Naturell scheint sanft, gefühlvoll gewesen zu sein, zudem war er wohl ein ausgesprochener Familienmensch. Leider musste er nicht nur schon frühzeitig den Tod seiner Ehefrau, die ihn mit sechs Kindern zurückließ erleben. Eine zweite, ebenfalls glückliche Ehe, endete ebenfalls mit dem Tod der Gattin. Kurz vor seinem eigenen Tod hatte er auch noch um zwei Töchter zu trauern.

Das vorliegende Buch schließt nicht nur musikwissenschaftlich eine sträfliche Lücke, es ist durch seine lesenswerten Werkbeschreibungen ein perfekter Leitfaden für den Musikfreund, der seine Kenntnisse über Boccherini erweitern will, oder ihn überhaupt erst kennenlernen möchte.

Babette Kaiserkern: Luigi Boccherini Leben und Werk, Weimarer Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3-7374-0213-2

1-Boccherini-BrillantGerade einmal drei Minuten ist es lang, dieses zugegeben einschmeichelnde Menuett, unter dem der ganze gewichtige Komponist Luigi Boccherini gleichsam begraben liegt. Es wurde zum Gassenhauer, wurde bis zum Handy-Klingelton herab gewürdigt und verstellt den Blick auf einen der Großen nicht nur seiner Zeit. Schon das Streichquintett op. 11 Nr. 6 „L’Uccelliera“, das in der Opuszahl unmittelbar dem Quintett, das das Menuett enthält, nachfolgt, lässt ungleich viel mehr von Boccherinis anscheinend unbegrenztem Einfallsreichtum, von seiner Raffinesse der Instrumentation erahnen. Wenig, allzu wenig weiß oder wusste man bisher über diesen Zeitgenossen Haydns, Mozarts und Beethovens. Eine umfangreiche Dokumentation des Schaffens von Boccherini stellt die beim Label Brilliant Classics erschienene Edition mit 37 CDs dar (Brilliant Classics 94386).

1743 im italienischen Lucca geboren, verbrachte er doch den größeren Teil seines Lebens in Spanien, wo er 1805 in Madrid auch starb. Selbst ein gefeierter Cello-Virtuose, hat er speziell für dieses Instrument eine Vielzahl von Werken komponiert. Allein zwölf Cello-Konzerte, zahlreiche Cello-Sonaten. Zudem schrieb er einen großen Teil seiner Streich-Quintette für eine Besetzung mit zwei Celli. Friedrich Wilhelm II., der selbst ein ausgezeichneter Cellist war, bestellte bei Boccherini zahlreich Werke, machte ihn sogar zum „Kammerkomponisten“, obwohl sich kein einziger Besuch Boccherinis an seinem Hof nachweisen lässt.

Boccherinis fast ausschließliche Beschränkung auf die Kammermusik mag ein Grund für seine geringe Popularität sein, verständlich wird sie dadurch nicht. Sicher, die Barockzeit brachte eine ungeheure Menge großartiger Vokalmusik hervor, und diese scheint nicht unbedingt Boccherinis Stärke gewesen zu sein. Die Anzahl seiner Vokal-Kompositionen ist durchaus überschaubar, an Bühnenwerken hat er wohl nur eine Zarzuela geschrieben. Sein in der vorliegenden Box enthaltenes Stabat Mater ist ein ansprechendes Stück, bleibt in der Ausführung aber doch eher konventionell.

Es ist ein großes Verdienst des Labels, Boccherini endlich mit einem erheblichen Teil seiner Werke in dieser  umfangreichen Edition  zu würdigen, ihn damit vielleicht sogar dem drohenden Vergessen zu entreißen. Generell darf hier einmal gesagt werden, dass diese gewichtigen kompakten Werkausgaben von Brilliant Classics für viele Musikinteressierte ein Anreiz sind, sich auch mit weniger bekannten Werken mancher Komponisten zu beschäftigen, ja manche sogar erst richtig zu entdecken. Und das zu nicht zu unterbietenden Preisen.

Boccherinis umfangreiches Werk, das von Symphonien über Cello-Konzerte, Oboen-, Klavier-, Gitarren-Quintette zu seiner eigentlichen Domäne, den Streichquartetten, Quintetten und Sextetten reicht, wird in durchaus exemplarischen Aufnahmen vorgestellt. Neben dem Neuen Berliner Kammerorchester, der Accademia I Filarmonici di Verona, dem Parisii Quartett und dem Petersen-Quartett ist es vor allem das Ensemble La Magnifica Comunita, das auf nicht weniger als sechzehn CDs die Streichquintette eingespielt hat.

Diese machen so recht die Originalität der Boccherinischen Kompositionen hörbar. Kein Stück klingt wie das andere, immer neue, überraschende Wendungen der Melodieführung lösen Staunen und Freude aus. Eine Musik, die der Seele wohltut. Dabei ist in vielen Stücken auch eine tiefe Melancholie nicht zu überhören. Auch aus meinem erklärten Lieblingsstück, dem Gitarren-Quintett „La Ritirata di Madrid“ ist viel an Wehmut herauszuhören. Der Tod zweier Ehefrauen und mehrerer Kinder wurde sicherlich auch musikalisch kompensiert. Man kann das, und noch sehr viel mehr bei der beglückenden Beschäftigung mit Boccherinis Musik erfahren.

Peter Sommeregger